Die Ruinen von Hashima Island zeigen, wie die Welt aussehen würde, verschwände der Mensch von heute auf morgen. Eine Apokalypse mit dunkler Geschichte.

Nähert man sich der nur etwas mehr als sechs Hektar großen Insel Hashima nahe von Nagasaki, erweckt dieses verlassene Eiland den Eindruck eines vor Anker liegenden alten Kriegsschiffes. Es wundert niemanden, dass die Menschen hier die Insel oft auch Gunkanjima nennen, die Kriegsschiffinsel. Doch der bedrohliche Eindruck eines mächtigen Schlachtschiffes, löst sich in kaum mehr als einen Augenblick in Luft aus, betritt man die Insel erst. Eisen, Tonnen, Stahl mag man auch hier vorfinden, aber was sich dem Betrachter vor allem zeigt sind Bilder, die wir in unseren Köpfen von einem Leben nach der Apokalypse haben. Dicht an dicht, unterbrochen nur von engen Gassen reihen sich die Ruinen einer auf engsten Raum zusammengepressten Stadt. Der Beton bröckelt herunter, die Fenster sind zerbrochen und die Natur hat begonnen sich die Insel wieder einzuverleiben. Der Blick in manche der Wohnungen lässt einem Schauer kalt den Rücken hinunterlaufen. Hier und da finden sich noch Möbel, ein alter Fernseher, dort hinten eine fast komplett ausgestattete Zahnarztpraxis. Alles inzwischen von der Patina von Jahrzehnten überzogen, erweckt es doch den Eindruck, die Bewohner hätten diesen Ort fluchtartig verlassen. Wer auch nur einen Ansatz von Schreckhaftigkeit in sich trägt, hat kein Interesse nach Anbruch der Dunkelheit noch auf Hashima Island zu sein.

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Von Rémy Sanchez – Imported from 500px (archived version) by the Archive Team. (detail page), CC BY 3.0, Link

Anlass für nach Vergeltung strebende Geister gäbe es genug, denn die Geschichte dieser kleinen Insel vor der japanischen Küste hat ihre dunklen Seiten. Zwischen 1887 und 1974 wurde auf ihr unterirdische Kohle abgebaut, während oben dicht an dich die Bergleute mit ihren Familien und einer ganzen Infrastruktur lebten. Wobei von Jahr zu Jahr auch manch anderes Gebäude unter die Erde gebaut, weil oben schlicht kein Platz mehr war. Man muss lange suchen, um einen Ort zu finden, an dem je mehr Menschen zusammengepfercht gelebt hätten.

Doch ihre dunkelste Stunde erlebte die Insel während des 2. Weltkrieges, als statt japanischer Bergleute Menschen aus dem von Japan besetzten Korea hierher verschleppt wurden. Hashima verwandelte sich in ein einziges Todeslager. Noch schlechter behandelt als Sklaven, denn der Nachschub an Zwangsarbeitern schien unerschöpflich, wurde ohne Rücksicht auf Menschenleben hier die Kohle abgebaut, die die japanische Kriegsmaschinerie am Laufen hielt. An eine Flucht war nicht zu denken. Wer es dennoch über die hohen Kaimauern wagte ins Meer zu springen, ertrank.

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Nach Ende des 2. Weltkrieges kehrten die japanischen Bergleute zurück, bis am 15. Januar 1974 eine Energiereform Japans das überraschende Ende von Hashima Island brachte. Im April des gleichen Jahres legte das letzte Boot ab, und die Insel wurde für Jahrzehnte sich selbst überlassen. Knapp drei Monate mögen relativ lange erscheinen, aber tatsächlich verließen viele Bewohner die Insel geradezu fluchtartig. Was sollten sie dort auch noch, waren sie doch plötzlich arbeitslos und trotz des Aufbaus einer Infrastruktur, die selbst ein Schwimmbad und Kino enthielt, war auch für die Bergleute das Leben dort nicht angenehm. Vieles blieb zurück, weil ein Abtransport unwirtschaftlich erschien. Und so wundert es kaum, dass für viele in Japan Hashima heute zu einem Synonym für die rücksichtslose Ausbeutung des Menschen im industriellen Zeitalter wurde.

Über 30 Jahre lang war der Zugang zur Insel verboten. Nicht alle hielten sich daran, hier und da zeugen Graffiti und andere Hinterlassenschaften davon, dass auch vor 2009, als das absolute Verbot aufgehoben wurde, immer wieder Menschen der Insel einen Besuch abgestattet hatten. Vor allem auf Jugendliche aus der Präfektur soll die Insel immer wieder magische Anziehungskräfte ausgeübt haben. Oft nannte man die Insel in diesem Milieu auch die Geisterinsel, schien sie doch wie ein real gewordenes Bild düsterer Dystopien aus Animefilmen.

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Von Hisagi (氷鷺) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Mit der Aufhebung eines völligen Verbots die Insel zu betreten, begann man immer wieder Touristen auf die Insel zu lassen. Ihr düsteres Bild ist auch in manchen Kinofilmen, wie dem James Bond-Film Skyfall, weit über Japan hinaus bekannt geworden.

2015 schließlich wurde die Insel in die Liste der UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen. Unter all den Schlössern, Tempeln und prachtvollen Gebäuden dort, ist Hashima Island – Gunkanjima dort aber ein Mahnmal für die Ausbeutung des Menschen durch die Industrialisierung und die Schrecken des Krieges geworden. Und doch scheint die Insel von einer schaurigen Schönheit zu sein, der sich kein Betrachter entziehen kann.

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