Heimat – Ein Ort oder doch eher ein Gefühl?

Als mich im Jahr 2011 ein Nachbar aus meinem Herkunftsort anrief und bat, einen Beitrag für den zweiten Band des von ihm herauszugebenen Heimatbuchs zu schreiben, sah ich mich zum ersten Mal bewusst mit dem Begriff Heimat – bezogen auf meine Person – konfrontiert.

Ob ich den Ort, an dem ich aufgewachsen bin und den ich als junge Erwachsene freiwillig verlassen hatte, als meine Heimat bezeichnen würde, konnte und kann ich nicht abschließend sagen. Dem Begriff-Heimat konnte ich zu jenem Zeitpunkt nichts Positives abgewinnen: Unrühmlich politisch vereinnahmt bot er mir keine Identifikationsmöglichkeit. In den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand Heimat in der öffentlichen Wahrnehmung in nahezu unausweichlicher Verbindung mit Verlorenem, Unwiederbringlichem: Heimatvertriebene, Heimatlose, der Heimat Entflohene.

Für den Heimatband schrieb ich den gewünschten Beitrag, in dem es um Kindheitserinnerungen aus den 1950er Jahren ging, und wurde fortan hellhörig, wenn von Heimat die Rede war. Der deutsche Begriff Heimat ist und war nicht gleichbedeutend mit Vaterland oder auch nur Herkunftsort. Im Spanischen, Englischen und Französischen gibt es kein Äquivalent, das diesem deutschen Substantiv entspricht. Patria, Homeland und Patrie bezeichnen Heimat im Sinne von Vaterland. Demgegenüber umfasst der deutsche Begriff Heimat, je nach Gewichtung oder Interpretation des Sprechers nationale, regionale, soziale, landschaftliche, religiöse, emotionale auf auch sozialpsychologische Merkmale.

Ich beziehe mich hier auf Deutschland und auf die Zeit seit 1945. Die Geschichte Deutschlands, und damit verwoben unser Heimatbegriff, insbesondere der Heimatverlust, ist zumindest im europäischen Kontext unvergleichlich. Vertrieben oder zur Flucht aus ihren angestammten Gebieten genötigt, haben Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Zuhause und ihre sozialen und wirtschaftlichen Bindungen verloren.

Im Rahmen der Recherche für mein Sachbuch über Nachkriegskinder bat ich zwölf Personen, die zwischen 1945 und 1958 geboren waren, mir ihre Erinnerungen an ihre Kindheit zu erzählen. Die Hälfte von ihnen war in der angestammten Heimat ihrer Eltern aufgewachsen, den Begriff Heimat zu thematisieren, war ihnen angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der sie eben dort lebten, nicht in den Sinn gekommen. Anders diejenigen, deren Eltern während des Krieges oder danach aus ihrer Heimat flohen oder vertrieben wurden: sie verbanden Heimat mit erinnertem Verlust, einem Ort der Sehnsucht oder einem Vakuum.

Anne, die 1953 als Zweijährige mit ihren Eltern aus Thüringen über die grüne Grenze in den Westen geflohen war, erzählte, dass sie als Drittklässlerin im Heimatkundeunterricht mit dem Thema Heimat konfrontiert wurde. Hilflos ob dieses Begriffs wandte sie sich an ihre Mutter: Was Heimat sei, ob sie auch eine habe und wo sie sich befinde. Die Mutter, die unter dem Heimatverlust litt, konnte dem Kind nicht helfen. Erst im reifen Erwachsenenalter erkannte Anne für sich, dass Heimat in erster Linie ein Teil ihrer Identität, unabhängig von Zeit und Raum ist.

Lorbass‘ Eltern und Bruder waren aus Königsberg geflohen. Lorbass kam im Rhein-Main-Gebiet zur Welt, wo er aufwuchs und heute noch lebt. Seiner Herkunft als Flüchtlingskind wegen wurde er von anderen Kindern als „Kartoffelkäfer“ gehänselt. Sein Vater, der mit den dörflichen Gegebenheiten und dem für ihn unverständlichen Dialekt nicht zurechtkam, wurde nie heimisch. Königsberg galt dem Vater als unerreichbares Ziel seiner Sehnsucht, die allein glücklich machende Heimat. Seit der Wende reist Lorbass regelmäßig an die deutsche Ostseeküste, um dem nachzuspüren, was der Vater vermisst hatte.

Die Eltern des 1946 im thüringischen Jena geborenen und evangelisch getauften Nikolas zogen nach dem Einzug der Roten Armee ins katholische Rheinland, der Heimat des Vaters. Die Großeltern akzeptierten weder den Jungen noch seine evangelische Mutter – allein der Religion wegen – und versagten der Familie die bitter nötige Unterstützung. Nikolas hat – ebenso wie Anne – Deutschland vor Jahrzehnten verlassen und seine Zelte auf einem anderen Kontinent aufgeschlagen.

Alfred war acht Jahre alt, als seine Familie den Raum Danzig verlassen konnte. Hier liegen Alfreds positive Kindheitserinnerungen. Niemals sei er von den polnischen Kindern wegen seines Deutschseins ausgeschlossen worden. Der politische Druck, vor allem die Tatsache, dass die Kinder in der Schule ausschließlich Polnisch lernen durften, hatte die Eltern schließlich zur Ausreise bewogen. In Nordrheinwestfalen wurde die Familie als „Polacken“ bezeichnet und Alfred war einer latenten Diskriminierung ausgesetzt.

Auch andere InterviewpartnerInnen verließen als Kinder aus unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedlichen Wegen ihren Geburtsort. Ihnen ist gemeinsam, dass sie nach dem Abitur den neuen Wohnort der Eltern, wo sie nicht wirklich heimisch geworden waren, verließen.

Im Vorfeld zu diesem Artikel bat ich einige Leute in meinem Umfeld, mir spontan zu sagen, wo ihre Heimat ist.

Frau L., seit etwa 60 Jahren am Rande einer niedersächsischen Großstadt in gehobenen Verhältnissen lebend, erklärte: „S. in Schlesien, da bin ich geboren, das ist meine erste Heimat. G. im Solling, da bin ich aufgewachsen, das ist meine zweite Heimat.“ Als Sechsjährige war sie aus Schlesien vertrieben worden.

Frau N., Tochter eines Holocaustüberlebenden, die die meiste Zeit ihres Lebens in ihrer Geburtsstadt gewohnt hat und inzwischen ihren Ruhestand in wärmeren Gefilden verbringt, meinte: „Meine Heimat ist da, wo ich glücklich bin mit Menschen, die ich mag.“.

Herr J., hat an seinen westdeutschen Geburtsort keine Erinnerung. Die sechsköpfige Familie war auf einem Bauernhof einquartiert und konnte erst Mitte der Fünfzigerjahre eine eigene Wohnung in N. beziehen. „Meine erste Heimat ist N., da bin ich aufgewachsen, die zweite Heimat ist Berlin.“ In Berlin lebt er seit gut 40 Jahren.

Bei meinen Überlegungen zum Thema Heimat, fiel mir Hugo ein. Mein ehemaliger Dozent für lateinamerikanische Literatur an der Uni war Chilene, der nach der Ermordung Allendes sein Land verlassen und nach Europa emigrieren musste. Wenn er von „mi patria“ (meine Heimat, mein Vaterland) sprach, wussten wir StudentInnen genau, was er meinte – und auch dass ein anderes Land niemals seine „patria“ sein würde, es gab nur eine.

Heimat kann, zumindest für Menschen, die ihr oder der Eltern angestammtes Zuhause verlassen mussten oder der gegebenen Umstände wegen verlassen wollten, nicht (nur) ein Ort oder ein Land, sondern vielmehr ein Gefühl sein, das sich als „in mir zu Hause sein“ umschreiben lässt. Heimat im Sinne einer Beziehung zwischen Menschen und Raum muss also nicht unbedingt für die Entwicklung einer Identität vorhanden sein.

Inzwischen ist nahezu jeder Ort, den unsere Elterngeneration bzw. wir Nachkriegskinder verlassen haben, wieder für Besuche erreichbar. Ob diese Orte im Einzelfall als Heimat bezeichnet oder empfunden werden, ist individuell verschieden.

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