Der Begriff Transhumanismus wird seit einigen Jahren immer stärker auch öffentlich diskutiert. DenkZeit hat den Botschafter der Transhumanen Partei Deutschland, kurz TDP, dazu zu einem Interview gebeten.

DenkZeit: Herr Eidam, Sie sind Botschafter der Transhumanen Partei Deutschland. „Botschafter“, das klingt entweder nach Diplomatie, oder nach jemandem, der auf einer Überzeugungsmission ist.

Benjamin Eidam: Ein Botschafter ist im Wortsinn jemand, der eine Botschaft überbringt. Also oftmals der Erstkontakt mit einem spezifischen Thema. Diplomatie und Fingerspitzengefühl ist dabei definitiv wichtig, Überzeugungsarbeit weniger. Natürlich bin ich überzeugt von meiner Botschaft aber ich bin nicht da, um jemanden zu überzeugen, sondern lediglich um Denkanstöße zu geben und für Nachfragen und Diskussionen zur Verfügung zu stehen.

Mir fallen wenige Gebiete ein, in denen das wichtiger ist, als in Verbindung mit dem Transhumanismus.

DenkZeit: Die Transhumane Partei Deutschland (TPD) wurde bereits im Herbst 2015 gegründet, was war die ausschlaggebende Motivation dafür?

Benjamin Eidam: Wir wollten und wollen dafür sorgen, dass zeitgemäße Bildung und Entscheidungen realisiert werden. Wir leben in einer Zeit, die immer schneller immer größere Veränderungen mit sich bringt. Man denke nur an die Kipppunkte im Weltklima oder wortwörtlich nahezu fantastische Technologien wie künstliche Intelligenz oder CRISPR. Stichwort exponentielles Wachstum. Es gibt da dieses geflügelte Wort in der Digitalbranche: „Die Entwicklung ging noch nie so schnell wie heute und wird nie wieder so langsam gehen“

Wenn jeder davon wüsste und aktiv mit diesen Werkzeugen an der Zukunft arbeiten würde, wäre das wundervoll. Fakt aktuell ist aber vielmehr, dass immer mehr Leute immer weniger von dem verstehen, was da vor sich geht. Eine technologische Singularität in Echtzeit quasi.

Momentan fliegt die Menschheit in einem Flugzeug, in welchem immer weniger Menschen verstehen, was wir tun, wie und aus welchen Teilen das Flugzeug aufgebaut ist und was überhaupt das Ziel des Fluges ist. Und wer ist überhaupt der Kapitän?

Um diesen Status Quo fundiert, langfristig, wirkungsvoll und nachhaltig zu verändern, haben wir die TPD mit dem Ziel der Aufklärung über und der Wegbestimmung gegründet.

Deshalb arbeiten wir viel mit Schulen, Verbänden, Journalisten und Filmemachern zusammen und pflegen außerdem ein weltweites Netzwerk aus unter anderem Wissenschaftlern, Entwicklern und Firmengründern.

DenkZeit: Und warum hat man sich damals dazu entschieden, eine politische Partei zu gründen und keinen Verein oder Verband?

Benjamin Eidam: Aus verschiedenen Gründen. Einerseits aus denen der Reputation. Das Parteiensystem mag unzeitgemäß, ineffektiv und langsam sein aber es repräsentiert doch bis heute eine gewisse Verlässlichkeit und Orientierung. Wenn man es mit buchstäblich menschheitsverändernden Themen zu tun hat, möchte man nicht unbedingt mit einem Verband darüber sprechen sondern lieber im Rahmen einer politischen Diskussion, oder?

Zum Zweiten, weil es zum Erreichen unserer Ziele der sinnvollste Weg ist. Letzten Endes führt unser Kurs zur aktiven und zeitgemäßen, interstellaren und globalen Gestaltung. Diese geht in solch umfangreichen Rahmen mit so vielen relevanten Beteiligten und Betroffenen am besten über den Hebel der Politik.

Zu guter Letzt aufgrund unserer Inspiration, der transhumanen Partei in den USA. Sie ging einer Reihe weiterer Parteigründungen auf der ganzen Welt voraus, von denen die TPD mittlerweile eine der größten und elaboriertesten ist.

DenkZeit: Was sind die Kernziele der TPD? Welche Punkte oder Veränderungen sollen umgesetzt werden?

Benjamin Eidam: Wir haben ein sehr detailliertes Programm, das kann man auch auf unserer Webseite nachlesen, und viele zum Teil umfangreichere Inhalte, daher hier nur die Stichworte für unseren Fokus: Bildung, Umweltschutz, Wissenschaft & Technologie, Individuelle Freiheit, Politik, Disruption, Gesundheitswesen, Fortschritt und Frieden. Mehr dazu in den Links im Text.

DenkZeit: Läuft man mit der Fokussierung auf den Transhumanismus nicht Gefahr, eine Ein-Themen-Partei zu sein?

Benjamin Eidam: Ganz im Gegenteil. Da letzten Endes Technologie alles erschafft, der Mensch wiederum Technologie erschafft und der Transhumanismus eine Philosophie darauf basierend ist, ist er im Gegenteil eine der wahrscheinlich facettenreichsten und fruchtbarsten Ideen der Neuzeit.

Ich glaube, wir sind in einer Phase, in der Fortschritt immer mehr in den Transhumanismus übergeht je weiter er gedeiht. Man kann sich das wie eine Sanduhr vorstellen, die vielen Bestandteile des Fortschritts, von Solarzellen bis Spieleapps fließen im Transhumanismus zusammen und bilden sein Fundament. Aus dem Transhumanismus heraus wiederum erblüht dann eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten von morphologischer Freiheit über den nächsten Schritt der Evolution bis hin zur Erkundung und Erforschung des gesamten Universums.

In einem Satz: Da der Transhumanismus auf dem Menschen und seiner Problemlösungen in Form von Technologie und Technik beruht und erblüht, ist er das vermutlich größtmögliche Gegenteil zu thematischer Monotonie.

DenkZeit: Ist die Partei bereits bei Wahlen angetreten?

Benjamin Eidam: Wir haben die Zulassung zu verschiedenen Wahlen erhalten, unter anderem der Bundestagswahl 2017, angetreten sind wir aus verschiedenen Gründen bisher noch nicht. Vor allem weil wir uns zu spät und ungenügend um Unterstützungsunterschriften gekümmert haben).

DenkZeit: Gibt es Menschen, die einen Vergleich oder eine Beziehung zur Piratenpartei ziehen bzw. wie stehen Transhumane zu Piraten?

Benjamin Eidam: Ja, die gibt es tatsächlich. Meine Lieblingssituation fand dabei direkt in der Parteizentrale der Piraten statt. Als ich im Rahmen der Gespräche zur sozialliberalen Kooperation das erste Mal in die Zentrale der Piraten gekommen bin, wurde ich von einigen der Anwesenden liebevoll als Exot begrüßt. (“Ihr seid also die abgefahrenen mit der Singularität.”)

In der Breitenwahrnehmung unserer Zielgruppe werden wir häufig als die Piratenpartei in thematisch „groß“, “bunt” und „langfristig“ gesehen.

DenkZeit: Wenn ich es richtig verstanden habe, will sich die TPD nicht in die klassischen Kategorien des deutschen Parteienspektrums einordnen lassen. Aber ist sie unterm Strich nicht eine liberale Partei mit Betonung des Faktors Technologie?

Benjamin Eidam: Eine gute Frage! Die wird nicht zum ersten Mal gestellt, daher antworte ich mit der Stimme der Mitglieder: “Die Transhumane Partei ist außerdem insofern als „links“ zu sehen, dass sie auf dem gleichen philosophischen Grundstein aufbaut, nämlich der Gleichheit aller Menschen, und sich als Ziel setzt, Ungleichheit und Unterdrückung zu beenden.”

Es fließen also durchaus „linke“ Ideen in die Konzepte der TPD ein bzw. bilden teilweise die Grundlage von Positionen und Lösungsansätzen, die letztendlich allerdings weit außerhalb des normalen politischen Spektrums liegen.

Zusammenfassend kann man (wenn man die TPD kurz mit Stichworten beschreiben möchte), festhalten: Die Transhumane Partei ist transhuman, progressiv (auf den Fortschritt ausgerichtet; insbesondere humanprogressiv und technoprogressiv), individualistisch, liberal-libertär und sozial.”

Die ausführliche Antwort samt Visualisierung ist hier zu finden.

DenkZeit: Wie kann ich mir das typische Parteimitglied vorstellen?

Benjamin Eidam: Die meisten Mitglieder sind Akademiker verschiedenster Couleur und lassen sich auch als “Progressivisten”, “Individualisten”, “Sozialliberale” und/oder “Posthumanisten” beschreiben.

Sie alle eint ein Verdruss am Realisieren vorhandener Möglichkeiten. Wie bereits angesprochen leben wir aktuell in einem multidimensionalen Füllhorn von Optionen dank und mit Technologie, aber bewusst ist das den Wenigsten und umgesetzt wird viel zu wenig. Es ist ein wenig als hätte man einen Ferrari in der Garage stehen, aber entweder ignoriert man diesen Fakt oder setzt ihn nicht ein. Man fährt stattdessen lieber Dreirad.

Damit enden im Wesentlichen auch schon die Gemeinsamkeiten, wir haben Mitglieder aus der ganzen Welt, mit unterschiedlichsten Berufen und beruflichen Hintergründen und einer weiten Facettenvielfalt von Zielen und alltäglichen Routinen.

DenkZeit: Wie schätzt die TPD die aktuelle Situation des Transhumanismus in Deutschland und Europa auf der einen Seite, und den USA und China auf der anderen Seite ein?

Benjamin Eidam: Die Zeit kommt zu uns. Da die Welt immer futuristischer anmutet durch Smartphones mit erweiterter Realität, Algorithmen, die mehr über mich wissen als ich und Künstlicher Intelligenz, die Realität erschafft, suchen viele Menschen nach einem Anker, einem Punkt der Hilfe und Erklärung.

Wir sind im deutschsprachigen Raum einer der wichtigsten Ansprechpartner für genau diese Fragen. Aber auch aus Frankreich, Spanien, Großbritannien und der Schweiz kommen, zumeist über unsere Schwesterparteien, Anfragen zu diesen Themen zu uns. In Europa und speziell Deutschland ist die Situation also vor allem eine der Unsicherheit und des Auffangens, welche die Transhumanisten gerade erfahren und aufzulösen anbieten.

In China und den USA ist das etwas anders, da gibt es diese Probleme auch, es wird aber kulturell bedingt anders mit Ihnen umgegangen.

In China wird Fortschritt zur Staatsreligion und in den USA zum Gründungsgrund.

Und da wie vorhin schon kurz angeschnitten Fortschritt mittlerweile immer stärker Transhumanismus bedeutet, sind, je ausgefallener er wird, die Reaktionen und Anforderungen auch immer synonymer.

Das ist ein Thema, welches man für Tage diskutieren kann, daher hier die Kurzfassung:

China prescht in eine transhumane Zukunft, weil der Staatsapparat es so verordnet.

Die USA preschen in eine transhumane Zukunft, weil sich damit trefflich Geld verdienen und Probleme lösen lassen. Wie das des Todes zum Beispiel.

Und Deutschland / Europa arbeiten in Richtung transhumane Zukunft, weil es Komfort und Bequemlichkeit schafft und auch sonst viele Vorteile mit sich bringt. Allerdings viel langsamer und oftmals auch bedachter. (Was absolut nichts Schlimmes ist!)

Lass mich das mit einem Zitat von Victor Hugo zusammenfassen: “Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.” Wer dabei in welcher Position steht sei dem Leser überlassen.


Benjamin Eidam ist Gründer und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der transhumanen Partei Deutschland. Er ist spezialisiert auf aktuelle und kommende Entwicklungen in Wissenschaft und Technik und Ihre Auswirkungen auf Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft. Er ist Dozent, Redner und Berater zu den Themen Technologie, Digitalisierung und künstliche Intelligenz.

Website: https://benjamineidam.com/


DenkZeit: In den Leitlinien der Partei, ist mir eine Aussage besonders ins Auge gefallen: „Transhuman bedeutet, das Menschliche zu optimieren“ Ist das nicht in gewisser Weise ein Widerspruch?

Benjamin Eidam: Ganz und gar nicht.Schauen wir uns die aktuelle Gesellschaft an: diese stellt oftmals Profit und Effizienz über Menschlichkeit und Wärme – das was den Menschen auszeichnet. Unsere Jüngsten werden in Kindergärten und Nachmittagsbetreuungen gesteckt, unsere Ältesten in Heime. Übrig bleiben die „Nutzstiftenden“, welche sich zu Tode arbeiten.

Technologie kann uns davon buchstäblich befreien. Meine persönliche Vision hierbei ist die der Autarkie des Individuums, also materiell garantierte Freiheit durch die automatisierte Befriedigung sämtlicher Grundbedürfnisse.

Der Transhumanismus ist sich unserer aktuellen technologischen Möglichkeiten bewusst und schafft darauf basierend zeitgleich eine angemessene Philosophie und ein erstrebenswertes Ziel.

Von daher nein, im Gegenteil. Der Transhumanismus macht den Menschen so menschlich, wie er nur sein möchte, da er ihm alle Möglichkeiten zum Menschsein eröffnet. (Für Kritiker der „Natur des Menschen“: Ich schließe mich diesbezüglich Bernward Gesang an, siehe Gesang: 2007)

DenkZeit: Vielen Menschen wird beim Thema „Transhumanismus“ flau im Magen. Man könnte es als „über den Menschen hinaus“ übersetzen, aber eben auch als „Abschaffung des Menschen“. Bei der Transhumanen Partei sieht man die Entwicklung naturgemäß positiv aber wie will sie den Menschen ihre Ängste nehmen?

Benjamin Eidam: Indem wir das Gegenteil des Equilibrium-Arguments sind, welches so geht: Technologie schafft Superreiche, welche neue Technologien schaffen, um sich ein künstliches Utopia zu bauen, in welches nur die Superreichen dürfen. Und die Politik spielt in diesem Szenario natürlich bedingungslos mit.

Wir haben das Gegenteil zum Ziel: Technologie zum Nutzen für alle. Und damit lassen sich wahrhaft utopische Zustände erreichen. Zum Beispiel Wohnraum binnen weniger Wochen. Umweltfreundliche Energie für alle. Zugang zu Informationen ohne jede Einschränkung und Überwachung. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Ich kann das Buch „Überfluss“ bzw. den TED Talk von Diamandis zu diesem Thema sehr empfehlen.

Technologie an sich ist zunächst einmal Wert-frei. Ich kann mit einer Axt einen Kopf einschlagen, Holz hacken oder Brotscheiben abtrennen.

Der Transhumanismus gibt die Philosophie, in welcher Technologie zum Nutzen aller eingesetzt wird. Er lässt sich dabei zum Beispiel vom effektiven Altruismus und dem humanen Utilitarismus inspirieren.

Außerdem fließen im Transhumanismus zwei Strömungen unter dem gleichen Ziel zusammen: Die nächste (Bewusstseins)stufe. Technologisch verfolgt heißt sie technologische Singularität, spirituell verfolgt heißt sie Erleuchtung. Ersteres gibt es seit spätestens 250 Jahren, Letzteres seit Jahrtausenden.

DenkZeit: In den Literaturempfehlungen der TPD finden sich Namen, die man beim Thema Transhumanismus erwartet. Ray Kurzweil zum Beispiel. Auf der Liste steht mit „Phaidon“ und „Politeia“ aber auch Platon. Inwiefern hat er etwas mit dem Thema zu tun?

Benjamin Eidam: Wenn wir uns mit den Grenzen des Menschen(möglichen) beschäftigen, ist es gut und zu einem gewissen Grad auch unabdingbar, sich mit seinen Grundlagen auseinanderzusetzen. Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, wie soll ich dann ein (stimmiges) Ziel setzen? Woran erkenne ich, dass ich es erreicht habe, wenn ich nicht einmal weiß, was mich definiert?

Um es mit einem Zitat von André-Malraux zu sagen: „Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“

DenkZeit: Zum Abschluss ein Blick in die Glaskugel, wie stark wird die heute an Fahrt aufnehmenden transhumanen Aktivitäten den Menschen im Jahr 2100 verändert haben?

Benjamin Eidam: Wenn man nur aus dem Blickwinkel der wahrscheinlich potenzialträchtigsten Technologie, der künstlichen Intelligenz schaut, buchstäblich unvorhersehbar.

Wenn es nach mir ginge und keine Singularität kommt, würden wir in einem interplanetaren Netzwerk unter einer geeinten Regierung mit der Regierungsform des meritokratischen Minarchismus, oder Autarkismus, wie ich es nenne, leben. Ich arbeite seit geraumer Zeit daran, genau diesen weiter auszuarbeiten. In kurz würde es so aussehen: Jeder Mensch ist frei, da jedes Aktiotop, also jeder Bereich, in dem er sich entfalten kann, autark ist. Die Aufgaben beschränken sich auf genau das Tun, was jeder möchte und durch kollektive Updates in Echtzeit einen nie dagewesenen Fortschritt und Wohlstand erschafft.

Also in kurz: frei und zum Glück im Universum.

Zu allen weiteren Szenarien gibt es tausende und abertausende zum Teil sehr guter Studien und Forecasts. Die Suchmaschine des Vertrauens hilft da schnell und effektiv.

Ich danke für das Interview!

DenkZeit: Wir danken Ihnen.

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