Interview: Nicolas Rossi über seinen Film „Made in Algeria“

Der Fotofilm „Made in Algeria“ setzt sich mit einem wenig ruhmreichen Teil der französischen Geschichte auseinander, der bis heute auch in Frankreich selbst seine Nachwirkungen hat. Der Algerienkrieg.

Wir haben den Filmemacher Nicolas Rossi getroffen und zu seinem Film befragt:

DenkZeit: Der Film „Made in Algeria“ erzählt über den Algerienkrieg 1954 bis 1962. Wie kontrovers wird dieses Thema in Frankreich selbst diskutiert? Und inwiefern hat das für Dich eine Rolle für die Idee dieses Films gespielt?

Nicolas Rossi: Was den Algerienkrieg betrifft, gibt es ganz klar sehr wenig öffentlichen Diskurs. Ich selbst bin ja insoweit „betroffen“, da ich ganz in der Nähe von Evian-les-Bains geboren bin, wo ja 1962 die Unabhängigkeit unterschrieben worden ist. Evian ist einer der saubersten Orte des Landes überhaupt, glänzt am Ufer Genfer Sees vor sich hin und macht so gut wie keine Anstalten diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten. Die Wahrung des Jet-Set-Tourismus scheint absolutes Credo zu sein.

Man muss aber wissen, das die rechtsextreme französische Untergrundbewegung OAS (Organisation de l’armée secrète – die Redaktion) 1961 den damaligen Bürgermeiste Camille Blanc ermordet hat. Vielleicht ist hier eine Art Trauma schuld, was diesen blinden Fleck der Erinnerungskultur zumindest ein wenig erklären könnte. Und dennoch steht die Makellosigkeit des Kurorts in einem merkwürdig schmerzhaften Verhältnis zu einem der dreckigsten Kriege, die Frankreich jemals geführt hat. Genau darüber habe ich 2012 einen Essayfilm namens „C‘est beau ici“ gedreht.

DenkZeit: Und später folgte „Made in Algeria“.

Nicolas Rossi: Als ich 2016 drei Monate in Marseille verbrachte und die Ausstellung „Made in Algeria“ in einem der größten Museen der Stadt besuchte, stieß mir die Verklärung der Geschichte übel auf. Anstatt die Gräueltaten zu benennen, begnügten sich die Kuratoren damit, weitestgehend kartographisch vorzugehen. Ich hatte das Gefühl dass man die visuelle Abstraktion der tieferen Reflexion vorzog. Aber schließlich ist ein Museum für Zeitgenössische Kunst häufig in erster Linie ein Ort audiovisueller Begegnung und auch Unterhaltung.

DenkZeit: Der Algerienkrieg war blutig. Es gab Schlachten und Terror, Massaker, Folter, Vergeltung – kurz das gesamte Arsenal der menschlichen Grausamkeiten. In dem Film spielt die von dir gerade beschriebene Ausstellung über die französische Kolonialgeschichte eine Rolle. Du hast die Darstellung der Geschehnisse kritisiert, was wäre denn eine angemessene Art das Grauen darzustellen?

Nicolas Rossi: Da gibt es zahlreiche künstlerische wie auch dokumentarische Möglichkeiten. Naheliegend wären Gespräche mit Harkis (Allgemeine Bezeichnung für muslimische Algerier, die sich auf die Seite Frankreichs stellten – die Redaktion), die auf der einen Seite als Zeitzeugen ihre Geschichten erzählen. Und ich finde es sehr wichtig, dass auch Angehörige der zweiten und nun schon dritten Generation zu Wort kommen. Die Befragungen könnten in Form eines Dokumentarfilms, Fotografien mit entsprechenden Untertiteln oder aber als interaktive Webdoku umgesetzt werden, um nur wenige der denkbaren Maßnahmen zu nennen. Subjektivierung ist kaum zu erzielen durch Landkarten und algerische Volkskunst.

DenkZeit: In deinem Film heißt es unteranderem, die Gegenwart sei der Sklave der Vergangenheit. Sicher sind die Ereignisse des heute auf Geschehnisse von gestern zurückzuführen, aber auf der anderen Seite wird Geschichte ja im Nachhinein geschrieben. Und Historiker, als Kinder ihrer jeweiligen Zeit, können schnell der Versuchung erliegen die Vergangenheit aus ihrer Sicht umzuschreiben, nicht wahr?

Nicolas Rossi: Exakt. Dem entgegenwirken kann aus meiner Sicht nur eine gesunde Aufarbeitung, die natürlich konstant stattfinden muss. Die Formulierung Sklave der Vergangenheit meint aber, das Nachkommen von Menschen, die an solchen historischen Wendepunkten mitgewirkt haben, oft das Gefühl haben, sie könnten diesem Erbe nicht entrinnen, selbst wenn sie selbst überhaupt nicht involviert waren. Nehmen wir die vielen jungen algerienstämmigen Franzosen, die in Frankreich auf dem Arbeitsmarkt in der Regel nicht die gleichen Chancen haben. Die prekäre Situation in den Vororten der großen französischen Städte sind kein Zufall, sondern das Produkt einer klar vernachlässigten Problematik, einer offensichtlich gescheiterten Integration bzw. akzeptierten Parallelgesellschaft.

DenkZeit: In Deutschland wird derzeit auch viel über das Thema Integration diskutiert, wenn ich in „Made in Algeria“ aber von Orten höre, an dem „heimatlose Seelen“ versammelt sind, scheint auch Frankreich dort noch Probleme zu haben, oder?

Nicolas Rossi: Jemand der eine duale Herkunft hat, muss nicht zwingend mit einem ewigen Zerwürfnis leben. Die kulturelle Vielfalt in der eigenen Person sollte als Plus, als Stärke betrachtet werden. Analog muss Frankreich seine zahlreichen Menschen die mehr oder minder wegen der ehemaligen Kolonialkriegen direkt oder indirekt im Land sind, weitaus mehr als Bereicherung betrachten – und das auch klarmachen. Dazu gehören Gesten wie die von Hollande 2016 (damaliger französischer Präsident – die Redaktion), als er sich für die unpässliche Behandlung der Harkis in Frankreich entschuldigte, was vor ihm so einige Staatsführer angekündigt hatten, aber nie in die Tat umsetzten.

DenkZeit: Wie ist es mit Dir selbst. Eher Deutsch-Franzose oder französischer Deutscher? Sitzt man da auch manchmal zwischen zwei Stühlen, oder gibt es so etwas wie den europäischen Stuhl für Dich?

Nicolas Rossi: Die Heimat ist ein Dauerthema, dessen ich mich so richtig erst durch das Kunststudium ermächtigen konnte, und später auch filmisch. Natürlich spielen Fragen nach der kulturellen Identität bei mir schon immer eine Rolle, wobei es hier nicht sehr lange um die deutsch-französische Unterscheidbarkeit ging, sondern vielmehr darum zu ermitteln, was genau dazu beiträgt sich an einem Ort zuhause fühlen zu können. Ich habe das Sujet versucht zu sezieren, es dann von allen Seiten zu beleuchten, und es hinterher wieder neu zu konstruieren. Und das ist vielleicht die Essenz: Heimat scheint eine Konstruktion zu sein von Eindrücken, denen subjektive Wahrnehmungen zugrunde liegen. Es sind nicht Vor-Gegebenheiten und Gesetztheiten wie Bauwerke, Natur, Religion oder Hautfarben. Ansonsten bin ich ein Europäer aus Verlegenheit, aber der ersten Stunde, kann man sagen.

DenkZeit: Bleiben wir bei Europa. An einer Stelle von „Made in Algeria“ hatte ich das Gefühl es wurde angedeutet, dass Europa in den Köpfen der Immigranten etwas anderes ist, als bei einem Franzosen, Deutschen, Italiener usw.

Nicolas Rossi: Das ist zumindest der Eindruck, den man bekommt, wenn man sich die kritischen Dokumentarfilme der jüngsten Zeit ansieht. Zum Beispiel „Les Sauteurs – those who jump“ von Abou Sidibé, Estephan Wagner und Moritz Siebert. Ich würde aber unterscheiden zwischen denjenigen, die erst jetzt kommen oder es vorhaben, und denjenigen, die seit Jahren hier leben oder gar auf Europäischen Boden geboren wurden. Letztere, so habe ich nach mehreren Arbeiten das Gefühl, sehen ihre Wurzeln nicht in Europa und folglich ist für sie Europa häufig ein Abstraktum, dass sie gar nicht so direkt betrifft. Für die Geflüchteten der letzten dagegen ist dieses Europa ein verklärter Sehnsuchtsort. Viele wissen inzwischen, dass es nicht das Paradies auf Erden ist, und doch ist es allemal sicherer als die eigene Heimat. Da gibt es noch einen anderen Aspekt, zwar nicht auf Europa bezogen, aber er passt gut hierher: Als ich mit ungefähr 7 Jahren von Frankreich aus an eine oberbayerische Schule kam, sprach und verstand ich kein Wort Deutsch. Franzosen, Italiener, Spanier waren damals eine Art „Edelausländer“ – das bekam ich mit, während Türken diejenigen waren, die störten. Eine für mich von Anfang an unverständliche oft unbewusste Differenzierung von Menschen, die mit Fremde eigentlich etwas anderes meinen: Unkenntnis, also ein Fehlvermögen. Da ich auch italienische Vorfahren habe und eher ein dunkler Typ bin, konnte man sich bei mir aber nie sicher sein, ob ich vielleicht doch ein Türke war. Und so lernte ich alle Perspektiven kennen, die mich gewiss bis heute prägen.


Nicolas Rossi ist Künstler, Filmemacher, Essayist und Autor. Der in Frankreich geborene, in Deutschland aufgewachsene Rossi nutzt Film, Video und moderne Medientechnologien als Werkzeug für kritische Theorie zur künstlerischen Praxis. Neben „Made in Algeria“ hat er an weiteren Filmprojekten gearbeitet und arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit. – www.rossinicolas.com


DenkZeit: Wenn in Deutschland jemand einen Satz mit dem Wort „Integration“ bildet, kommt fast sicher auch das Wort „Islam“ in ihm vor. Welche Rolle spielt der Islam in der Integration im laizistischen Frankreich?

Nicolas Rossi: Es ist schwer zu durchschauen was in den großen Zeitungen verhandelt wird: Die Entwicklungen der jüngsten Jahre mit all der medialen Angstmache um Flüchtlingsströme, hat natürlich auch in Frankreich den Populisten in die Karten gespielt. Marine Le Pen rief sogar klar auf zur „Rückkehr zur Laizität“, während Macron das Prinzip der Laizität strikt verteidigt, wie er sagt. Und Laizität gehört zum französischen Selbstverständnis. Ich selbst frage mich, ob sie denn wirklich so sehr in Gefahr ist immer behauptet wird. Eins sehe ich als basal an: Laizität ist auch der Schutz aller Religionen vor dem Staat und des Staates vor allen Religionen. In der Tiefe ist meine Kompetenz hier aber sicher beschränkt.

DenkZeit: Kommen wir nochmal zum Film. Gegen Ende wechselt die Perspektive, im Mittelpunkt steht eine Frau in zwei Zeitebenen, welche Rolle spielt sie? Für wen steht sie?

Nicolas Rossi: Die Frau steht für mich selbst, je als Kind und als Erwachsener. Wenn ich meine Familie besuche, gehe ich immer an eben jene Stelle des Sees und blicke auf das andere Ufer in Richtung Lausanne. Es ist der Blick des Schulkinds, dessen Lernfähigkeit maximal, aber das Differenzierungspotential noch nicht sehr ausgebildet ist. Und dann ist da der Blick des Erwachsenen, dessen Erfahrungen und Prägung ihm oft den Blick auf das Wesentliche versperrt. Konkret geht es hier um ausgelassene Teile Geschichte in Schulbüchern, und um einen im Leben stehenden Erwachsenen, der, wenn er damals nicht sensibilisiert wurde, er oftmals kein Verständnis für die Dinge, oder sagen wir Bewusstsein, entwickeln wird.

DenkZeit: Die Geschichte ist als Fotofilm umgesetzt, warum diese Methode?

Nicolas Rossi: Erst mal ist es eine Herausforderung, Geschichten in Standbildern zu erzählen, und dabei das Videobild zu entschleunigen. Mir gefällt es, mich auf ein Bild zu konzentrieren und darüber nachzudenken, wie es denn gelesen werden kann, die unterschiedlichen Lesarten zu dechiffrieren. Meine Methode ist die des Heraussuchens eines Frames, das meine Kamera zunächst als Videobild in 4K aufnimmt. Es ist ein konzeptioneller Unterschied zur Fotografie, denn ich kann das genau richtige Bild auswählen. Weiterhin bin ich beeinflusst von Chris Marker, dessen Hauptwerk in Frankreich zumindest „La Jetée“ ist – ebenfalls ein Fotofilm. Das in der Filmwissenschaft erst relativ kurz beleuchtete Genre Fotofilm ist zumindest artverwandt mit dem Essayfilm, der ja häufig stark textaffin daherkommt.

DenkZeit: Was war zuerst in deiner Vorstellung, die Bilder oder der Text?

Nicolas Rossi: Gute Frage, ganz eindeutig erst die Bilder. Ich gehe hier vor wie beim Collagieren, wobei mir hinterher immer bewusstwird, dass meine Geschichten im Kopf längst geschrieben waren, wenn auch nicht konkret. Meine Rolle als Künstler, Filmemacher ist die der Filtrierung, das Kunstwerk oder der Film eine Konsequenz daraus.  

 DenkZeit: Können unsere Leser den Film irgendwo sehen oder käuflich erwerben?

Nicolas Rossi: Da er noch immer auf Filmfestivals kursiert, kann er zwar 2018 noch gesehen werden, das aber leider nur noch Übersee.

DenkZeit: Was ist Dein nächstes oder aktuelles Projekt?

Nicolas Rossi: Aktuell arbeite ich gleichzeitig an einem Film als auch an einer Doktorarbeit. Die Dissertation befasst sich mit dem Essayismus als ein mögliches Tool im Zeitalter hybrider Bewegtbildformate, der Film namens „Von dem Versuch einer Kritik“ ist wieder ein Essayfilm, der ebenfalls versucht dem Essayismus auf die Schliche zu kommen. Kurz zusammengefasst kann man festhalten, dass es darum geht, die zeitgenössische Relevanz des Essays anhand essayistischer Erscheinungsformen zu untersuchen bzw. herauszuarbeiten, an welcher Stelle ein Film beispielsweise essayistische Merkmale aufweist.

DenkZeit: Wenn Du auf deine bisherigen Arbeiten zurückblickst, was würdest du als roten Faden bezeichnen, der sich durch alle hindurchzieht?

Nicolas Rossi: Grundsätzlich stelle ich alles in Frage, sei es eine Umgebung oder eine Gewohnheit. War es einst hinderlich beim Vorankommen im Leben, ist es heute ein echter nicht künstlich selbst-auferlegter Vorteil. Das garantiert einen schier unbegrenzten Motorantrieb meines Schaffens, der sich nicht so sehr durch die Zuhilfenahme einer bestimmten Kulturtechnik oder eines Mediums manifestiert, sondern dem Gegenstand und Thema der Arbeit angepasst wird. Man kann aber sagen, dass der Text schon sehr lange eine grundierende Rolle einnimmt.

Thematisch arbeite ich nicht erst seit der Attentatswelle und der medialen Kanonisierung an Integration bzw. an neokolonialistischen Phänomenen in der Gesellschaft. Lange Jahre untersuchte ich diese anhand Französisch-Guayanas. Ich fand es immer erstaunlich, mit welch einem Selbstverständnis Mutterlandsfranzosen in den damals noch „Überseedepartments“ leben, oftmals ohne große Integrationsbereitwilligkeit zu zeigen, und wie leise der Widerstand der einheimischen Bevölkerung stattfindet. Folgerichtig ist ja nun endlich 2018 in Französisch-Guayana eine Welle der Unzufriedenheit durchs Land gegangen, die auch weltweit Gehör fand. Auch in Neu-Kaledonien gab es ja jüngst ähnliche Bewegungen, wobei hier ja sogar konkret die Loslösung von Frankreich im Gespräch ist.

DenkZeit: Zum Schluß ein kleines Assoziationsspiel. Ich nenne fünf Begriffe, und du antwortest einfach mit dem ersten, was dir dazu einfällt.

Heimat

Nicolas Rossi: Vielzitiert aber wahr: Die wahre Heimat ist die Kindheit.

DenkZeit: Kunst

Nicolas Rossi: Ein konstruiertes Wort, dass derart inflationär benutzt wird, dass es heute kaum mehr Relevanz hat.

DenkZeit: Frankreich

Nicolas Rossi: Gehört zu mir…

DenkZeit: Deutschland

Nicolas Rossi: Auch Deutschland, und die Welt, gehört zu mir.

DenkZeit: Zukunft

Nicolas Rossi: Bleibt das Fundament unserer Träume, dessen Mörtel man sogar selbst beisteuern kann.

DenkZeit: Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast.

Nicolas Rossi: Gerne.

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