jede nacht kommt er. mit kochendem atem kreist er über mir, tsunamigischt reißt mich hoch, ich stürze zum balkon, luft, frische, kein tosen. eine tür fällt zu, sonst ist es ruhig im haus. auch die straße hat sich beruhigt, ein einsamer fahrradfahrer dampft über den noch warmen asphalt. eine sommernacht von vielen. ich winke. hautfetzen hängen

von meinen armen. Gunther von Hagens grüßt zurück. flügelschlagen. greif greift. mich. fliege. weg.

Frau Schulze, wie die meisten Schulzens in Berlin und Umgebung, Abkömmling von Dorfschulzen oder Concierge, schlimm erst wenn sie beides nicht sind wie unsere, die es aber gerne wäre, also Schulze spricht mich an.
Schlecht geschlafen, wie. Darauf erwartet sie keine Antwort.
Und Sie?
Nun holt sie tief Luft. Also wissen Se, in diesem Haus, nicht nur bei Ihnen da oben, also irjendwie jeht es nich mit rechten Dingen zu.
So, meinen Sie!
Das will ich meinen, die Geräusche nachts.
Es ist Sommer, antworte ich.
Nicht nur sommers, das jeht ja durch die Wände, auch winters, letzten Winter fing es an.
Mit den Geräuschen?
Wat denken Se. Der Müller unter Ihnen hat es ja auch jehört.
So?
Daß Sie das nicht hören!
Ich?
Ja, Sie.
Ich schlafe nachts, ich habe Ohropax.
Also doch. Weil Se es hören, nehmen Se Ohropax, das habe ich ja gleich gewußt.
So, woher wissen Sie, dass ich Ohropax nehme?
Sonst hörten Sie’s doch. Es hört ja jeder.
Jeder?
Ja, jeder, bis auf Sie. Also nehmen Sie Ohropax. Ne, warten Se mal, der Justus von Parterre rechts, der sacht, er hört auch nix.
Ach ne.
Und wissen Se warum?
Sie gackert, dass die Zahnlücken zu sehen sind.
Ne, warum?
Der schläft ja jar nicht hier, der hat schon ein halbes Jahr ein Schmuserl in Moabit. Da hört keener nix.
Das ist wohl wahr. Ich muß jetzt gehen, einen schönen Tag, Frau Schulze.
Ne, ne, so nun wieder nicht, Frau, Frau…
Myselt, Frau Schulze, Myselt heiße ich.
Also, als wenn ich dat nicht wüsste vom dritten Stock oben, links. Die Frau Myselt, also da kenne ich ja jar nix, Sie sind doch so eine ruhige Mieterin, also wenn ich hier die Haus…also wenn ich Conzerch hier wär, also über Mieter wie die Frau Myselt, sie klatscht mir auf den Hintern, also so’ne Mieter hätt’ ich gerne. Hört nix, sieht nix und jeht jeden Tag brav zur Arbeit….oder?
Sicher, Frau Schulze, deshalb hab ich es ja eilig, also, nen schönen Tag.
Ich laufe los. Sie ruft hinterher. Heute Nacht, das sage ich ihnen, da können’s selbst mit den Ohropax hören…ich versprechs Ihnen. Da jibt et nämlich nen Feuerwerk bei die vom Sportclub.

jede nacht kommt er. mit kochendem atem kreist er über mir, tsunamigischt reißt mich hoch, ich stürze zum balkon, luft, frische, kein tosen. eine tür fällt zu, sonst ist es ruhig im haus. auch die straße hat sich beruhigt, ein einsamer fahrradfahrer dampft über den noch warmen asphalt. eine sommernacht von vielen. ich winke. hautfetzen hängen
von meinen armen. Gunther von Hagens grüßt zurück. flügelschlagen, greif greift. mich. fliege. weg.

Morjn Frau Myselt, die Schulze kommt angedampft.
Guten Morgen, also heute habe ich es besonders eilig, Frau Schulze.
Ich habe auch nichts gehört und gesehen.
Das habe ich mir jedacht. Jut, ich komme mit zum Bus, ich muß ja auch in die Stadt. Zur Wilmersdorfer. Ick muß mir auch Ohropax kaufen.
So? Ich laufe voraus.
Nu nich so schnelle, Frau Myselt. Also dit mit dem Ohropax ist ne jute Idee. Ick hab mir nämlich neulich, wo Sie neulich davon sprachen, bei der Frau Joachims ein paar ausgeborgt und jetzt muß ich die zurückjeben.
Sind hier keine Geschäfte, die Ohropax haben?
Frau Myselt, Se hören und sehen ja wirklich nüscht. Ausverkauft. Wo ich das erzähle, dass Se Ohropax nehmen und so schöne Träume haben, da koofen Se alle hier im Haus Ohropax. Also muß ich in die Wilmersdorfer.
Ich habe so schöne Träume?
Ja, das haben Se doch jesacht. Mit Ihren Ohropax haben Se einen tiefen Schlaf und wer tief schläft, hat schöne Träume.
Das müßte ich ja wissen.
Ja sehn Se, das ist nämlich so. Wer tief schläft, kann sich gar nicht an die Träume erinnern. Der schläft nämlich tief. Ham’ se im Fernsehen erzählt neulich, im Gesundheitsmagazin. Heißt doch so oder?
Ich glaube schon, Frau Schulze. Da kommt mein Bus, ich fahr ja in die andere Richtung, ich fahr immer zur Schloßstraße, da arbeite ich.
Ach, in der Schloßstraße arbeiten Se, das habe ich ja noch jar nicht jewußt.
Wir haben auch darüber noch gar nicht gesprochen, Frau Schulze, einen schönen Tag. Ich steige in den Bus. Die Türen schließen sich. Frau Schulze ist hinter mir.
Also das muß ich mir aber mal angucken, wo Sie arbeiten. Ich kann ja auch in der Schloßstraße die Ohropax kaufen gehen.
Also, wo ich arbeite, da gibt es keine Geschäfte, ich arbeite im Kreisel, im 14. Stockwerk, da gucke ich über ganz Berlin.
Über ganz Berlin?
Nun ja…
Auch über den Osten? Potsdam auch?
Habe ich noch nicht ausprobiert.
Also in Potsdam, da wohnte die Tante von meinem Onkel, als ich zur Konfirmation ging, der war nämlich mein Taufpate und schenkte mir ne Uhr. Gucken Se, hier hab ich die. Ne Uhr vom Alten Fritzen.
Vom Alten Fritzen?
Na ja, in Potsdam gibt et doch nur den Alten Fritzen oder war da noch jemand?
Nun, ich weiß nicht. Der Alte Fritz war König und kein Uhrenhändler.
Ne, ich dachte det wär so einer, der allet hat. Also janz früher, da haben se erzählt, der Onkel von dem Onkel und so, Se wissen schon, dat die Juden so nen Laden hatten, wo man allet koofen kann.
Nun, Frau Schulze, das ist aber nun wirklich lange her. So alt sieht Ihre Uhr aber nicht aus. Die ist doch ganz modern mit dem roten Armband.
Da hab ich se halt von nem Polen, wenn et die Juden nich mehr jibt. Die ham doch ooch schöne Sachen auf ihren Märkten. Rot ist nämlich meine Lieblingsfarbe. Gucken Se mal.
Sie zeigt mir ihre roten Söckchen. Süß nich? Auch vom Polenmarkt.
Sehr schön, für den Sommer ist es die beste Farbe. Ich muß hier aussteigen, Frau Schulze, sehn Sie da oben, da arbeite ich….Tschüüs.
Ich springe raus und renne noch beim letzten Grün über die Straße. Stürze in den Kreisel. Mir ist schwindlig. Der Fahrstuhl kommt. Die Tür spreizt sich. Ich trete vor, von hinten werde ich geschubst. Nein, schreie ich, nein. Ich dränge mich zurück.
Woll’n se nun mitfahren oder nich.
Ich stürze hinaus. Der grölende Verkehr auf der Schloßstraße. Die Autobahn rauf rasen die Laster, donnern. Hätte ich doch nur Ohropax dabei.
Frau Schulze steht neben mir. Hier, nehmen Se die. Ich kenn det. Ick hab och Angst vor’m Fahrstuhl mit de ville Leute. Komm Se, ich fahr mit Ihnen nach Hause. Ick weeß ja, dat Se ja nicht mehr arbeiten jehn und nur so tun…jeden Tach, bis auf’s Wochenende…
Ich stehe mit offenem Mund da. Entblößt bis auf die falschen Zähne.
Och, wenn Se Ohropax drinne ham, die Nachbarn hörn ihre Schreie nachts. Ick höre sie, jede Nacht, wenn der Hubschrauber kommt.
Der Hubschrauber. Ich erschrecke.
Wir steigen in den Bus. Ich zittere. Sie schweigt. Ich schweige. Das Zittern hört langsam auf. Vor unserem Haus sagt sie, komm’ Se nen Tee bei mir trinken, Kamille hilft immer, hat schon bei der Tante von meinem Onkel geholfen, aber der ist schon lange tot…
Ich sitze auf ihrem Sofa und nippe am Teeglas. Sie hat den Tee gesüßt, das beruhigt.
Wieso haben Sie mich denn beobachtet?
Na ja, die Tante von meinem Onkel, der schon lange tot ist und die gleich nach ihm gestorben ist, sie waren fast gleich alt, det war früher so, da waren Kinder schon aus’m Haus und dann kamen noch welche, Nachkömmlinge nannte man die…also diese Tante war ne janz Kluge, die hat immer jesacht, Kind, die janz Stillen, die jründen tief. Die haben Probleme, die musst du in Ruhe lassen. Aber wenn die mal was sagen, dann höre zu!
Ja und?
Ich habe Ihre Träume jehört nachts, auf’m Balkon. Sie ham immer wat vom Hubschrauber jejammert. Mein Balkon, hier gucken Se. Wir gehen raus. Sie dreht den Hals nach links und schaut um die Mauerecke, sehn Se. Sie holt mich. Hier hab ich Se nachts jesehen, wie Se sich die Fetzen vom Leibe reißen, weil Sie so schwitzen. Einmal ist das Nachthemd runtergefallen in den Vorgarten. Ich hab’s raufgeholt, gewaschen, einjepackt und vor Ihre Türe jelegt.
Ach…ich stelle das Glas ab. Sie war’n das. Ich dachte schon, die Waschfrau. Ich geb meine Wäsche doch raus, weil ich nicht bügeln kann. Ich hab Angst vor Elektrizität, wissen Sie. Mein Mann, wissen Sie..?
Ja, Ihr Mann?
War Starkstromelektriker.
Starkstrom?
Ja, eines Tages…
Eines Tages?
Er hing, seine Fetzen wie nach einem Sturm in der Leitung…der Hubschrauber hat ihn geholt.
Frau Schulze steht auf und umarmt mich.
Sie geht zum Schrank und holt eine Flasche Metaxa.
Hab ich aus Griechenland mitgebracht, lacht sie. Auch beim Lachen sind ihre Zahnlücken zu sehen. Ich heiße Dita, sagt sie.
Brigitte, ich stoße an. Plötzlich konnte ich keinen Fahrstuhl mehr benutzen, ganz plötzlich letztes Jahr… dabei ist das mit meinem Mann schon vor einigen Jahren passiert…sie gießt noch ein Gläschen ein. Ich kippe den Metaxa runter. Herrlich. Wie das Meer schmeckt er, wieviele Sterne?
Hundert Sterne, sagt sie und stürzt sich auch noch einen Metaxa runter.
Weißt du, Dita, ich bin schon viel aufgeknöpfter, deshalb konnte ich auch nicht mehr arbeiten gehen. In den 14. Stock. Aber ich möchte so gerne arbeiten…
Zum Jlück ist hier kein Fahrstuhl, da brauchste keine Angst zu haben. Jibt et denn keine Arbeit unten, als Conzerch zum Beispiel im Kreisel?
Ja, vielleicht, antworte ich, der Kreisel wird ja vielleicht abgerissen, wie alle Hochhäuser, ich mag keine Hochhäuser.
Verstehe, aber in den Städten jibt et nun mal Hochhäuser…
Wir haben noch lange miteinander geredet und die Metaxaflasche sah anfangs auch voller aus. Von früher und von ihrem Mann, der auch schon lange tot ist, was so geredet wird bei Nachbarn.

auch diese nacht kommt er. mit kochendem atem kreist er über mir, tsunamigischt reißt mich hoch, ich stürze zum balkon, luft, frische, kein tosen. eine tür fällt zu, sonst ist es ruhig im haus. auch die straße hat sich beruhigt, ein einsamer fahrradfahrer dampft über den noch warmen asphalt. eine sommernacht von vielen. ich winke. hautfetzen hängen
von meinen armen. Gunther von Hagens grüßt zurück. flügelschlagen, greif greift. mich. ich tanze. ich umfasse die mauer. ich reiche ihr meine hand, auch Dita tanzt…

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