Viel wird über künstliche Intelligenz, kurz KI, geschrieben und geredet, und die Meinungen darüber sind geteilt. Geprägt durch die seit Jahrhunderten andauernde Diskussion, ob der Fortschritt immer gut sei oder uns die Maschinen und die Technologie eines Tages übermannen werden, sind die Positionen der KI gegenüber ähnlich extrem. Aber was genau ist KI? Wo fängt sie an? Was unterscheidet die natürliche Intelligenz, die menschliche Intelligenz von der künstlichen? Und was ist überhaupt Intelligenz?

Und da offenbart sich auch schon das erste Problem: es gibt keine allgemeine, für alle Bereiche gültige Definition. Wikipedia zeigt auf, dass Intelligenz „in der Psychologie ein Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen“ sei. Und so gibt es, je nach Fokus der Untersuchung, unterschiedliche Modelle von Definition der Intelligenz. Grundsätzlich kann man sagen, dass Intelligenz dafür verantwortlich ist, wie viel Nutzen, wie viele Resultate aus einer Information geholt werden kann. Um das zu verdeutlichen, nehmen wir ein mathematisches Beispiel, da sich das so anschaulich beschreiben lässt:

2 + 2

Während einer – völlig zu Recht – sagen kann, dass hier zwei plus zwei steht, und noch hinzufügen könnte, dass es sich bei der zwei um eine Zahl handelt, hat der nächste schon „4!“ gerufen und wieder ein anderer wendet ein, dass es sich um 2 x 2 handelt. Jeder für sich hat eine richtige Aussage getroffen, alle haben Wissen angewendet. Doch von dieser Gleichung ausgehend auf die Wurzelrechnung zu kommen, ist schon ein größerer Schritt. Und all diese mehr oder weniger intelligenten Schlussfolgerungen sind nichts wert, wenn man gerade Schiffbruch erlitten hat und sich an eine Planke klammert, 2000km von der nächsten Küste entfernt. Ob jemand intelligent oder nicht intelligent ist, hängt also nicht nur von der eigenen Leistung ab, sondern auch davon, ob die Art Intelligenz die das Individuum besitzt auch in der Umgebung, in der es sich befindet, gerade die nötigen Resultate erbringt.

Die Intelligenzmodelle, die in der Psychologie anerkannt sind, sollen vor allem Intelligenz messbar machen, um so Vergleiche anstellen zu können, aber auch um zu ermitteln, was es ist, was Intelligenz entstehen lässt. Doch im Allgemeinen haben wir Menschen ein gutes Gefühl, oder besser gesagt: eine gute Auffassung von dem, was intelligent ist und was nicht. Seit der Aufklärung verbreitete sich die Auffassung, der menschliche Körper sei eine Maschine und als solche könne man ihn optimalisieren. Spätestens während der Industriellen Revolution wurden Dinge denkbar wie Implantate, künstliche Gelenke, künstliche Linsen und ähnliches. Während also auf der einen Seite der Mensch steht, entsteht auf der anderen Seite die Vorstellung eines Cyborgs, einem künstlich hergestellten Menschen, der komplett aus künstlichen und maschinell hergestellten Teilen besteht. Und auch wie ein Mensch aussieht, bloß eben – auf körperlicher Ebene – optimalisiert ist. Und tatsächlich ist der Übergang zwischen einem Menschen voller Implantate, künstlicher Gelenke, einem Bypass und ähnlichem zum Cyborg fließend. Doch ist ein menschliches Gehirn heute schon durch ein künstliches ersetzbar?

Das Gehirn verarbeitet die Daten, welche über die Sinnesorgane eingehen. Informationsverarbeitung – das macht ein Computer auch. Und tatsächlich vergleichen auch Vertreter der neueren Meditationsbewegung Mindfulness die Position, dass das Hirn ähnlich funktioniere wie ein Computer, deren Prozesse man durch Meditation neu programmieren könne. Doch im Gehirn laufen stets viele Prozesse nebeneinander und diese Prozesse sind weit über das gesamte Gehirn verteilt. Im Computer dagegen werden die Prozesse nacheinander abgearbeitet. Ist also ein Computer schon ein Vertreter der KI? Nein, denn ein Computer ahmt durch einfache Algorithmen ein intelligentes Verhalten nach, kann aber nicht über die programmierten Schritte hinausgehen, er könnte höchstens als ein Vertreter der schwachen KI gesehen werden. Und auch wenn der Computer keinerlei Schwierigkeiten mit der Wurzelrechnung hat und schnell Daten verarbeiten kann, so ist es unmöglich, dass er Handlungen planen oder Sprache verstehen kann. Doch Forscher versuchen heute verschiedene Aspekte der Funktionsweise des Gehirns nachzubauen, beispielsweise durch die Entwicklung künstlicher neuronaler Netze. Das sind Programme, die nicht programmiert werden, sondern an Beispielen trainiert, diese Netze können lernen und mit unvollständiger Information umgehen. Die sogenannte starke KI aber sieht vor, eine Intelligenz zu schaffen, die Bewusstsein und Moral entwickeln kann, die auch in seinen Entwicklungsstadien die Evolution des Denkens aufweist, die das menschliche Denken zeigt. Gefühle wird diese KI nicht haben, aber sie kann womöglich lernen, Liebe, Hass, Angst oder Freude zu simulieren. Das ist wohl der größte Unterschied zwischen dem Gehirn und dem Computer: das Gehirn funktioniert nicht für sich allein, es ist nur im Zusammenhang mit einem Körper, dessen Emotionen und Sinnen funktionsfähig.

Die chinesischen Forscher Feng Liu, Yong Shi und Ying Liu haben im Sommer 2017 Intelligenztests mit KIs durchgeführt. Die untersuchten KIs waren öffentlich zugängliche Apps wie Siri von Apple, oder Google. Dabei schnitt Google am besten ab, mit einem Intelligenzquotienten von 47,28. Ein sechsjähriges Kind hat einen Durchschnittsquotienten von 55,5, somit könnte man Googles KI mit der Intelligenz eines durchschnittlichen Sechsjährigen vergleichen. Dennoch kann man nun nicht behaupten, dass Google einem Sechsjährigen gleicht, da es nicht die Gefühlswelt und das Bewusstsein aufweist, die das Kind hat. Doch was wäre, wenn wir tatsächlich Gehirne künstlich herstellen könnten? Der Film nach dem gleichnamigen Manga Ghost in the Shell (1995 als Anime, 2017 als Realverfilmung) stellt die Möglichkeiten dar: Das Gehirn mit dem dazugehörigen Bewusstsein eines Menschen wird in einen komplett androiden Körper transplantiert. Im Verlauf der Handlung wird vor allem kritisiert, auf welche Art und Weise die Experimente erfolgten, um eine solche Transplantation zu machen. Denn auch wenn der Gedanke an einen künstlichen Körper vielleicht abschreckend wirken mag, so gibt es sicherlich Menschen, die gerne ihren eigenen, schmerzgeplagten oder durch Krankheit oder Unfälle paralysierten Körper gegen einen maschinellen Körper austauschen würden. Und natürlich gäbe es dann auch die Möglichkeit, Untersuchungen zu machen, die heute nicht realisierbar sind: wir könnten menschliches Bewusstsein zum Mars, zum Pluto, ach, in die nächste Galaxie schicken. Ohne uns um die Lebensdauer und Lebenserhaltung sorgen zu müssen. Aber noch sind die künstlichen Gehirne nicht entwickelt, noch sind Transplantationen der menschlichen Gehirne nicht machbar und noch sind Maschinen auf menschliche Programmierung angewiesen.

Maschinen und Computer werden also nicht die Welt regieren, wie es Matrix (1999), Terminator (1984) und andere Filme suggerieren. Doch welche Entwicklungen sind überhaupt vorstellbar? In der Fernsehserie Black Mirror, eine britische Serie von Charlie Brooker, die inzwischen von Netflix gekauft und weiter finanziert wird, kann der Zuschauer in Episoden von 40 bis knapp 90 Minuten sich vorstellen, wie sich der Alltag in naher oder ferner Zukunft verändern wird. Obwohl es eine Serie ist, haben die einzelnen Episoden keinerlei Zusammenhang, nur eine gemeinsame Thematik: die Auswirkungen von Technik und Medien auf die Gesellschaft. Man kann sagen, dass es – wie bei allen SciFi-Werken, bei jeglicher Utopie oder Distopie – auch um die Suche nach einer Identität geht. Wer sind wir Menschen, was machen wir hier und wohin soll unser Weg führen? Black Mirror zeigt in einer Episode auf, wie das Leben in einer distopischen Zukunft aussehen könnte, wenn alle auf Fahrradergometern ihr Guthaben verdienen. Jedes Konsumgut – Zahnpasta, frisches Handtuch, Essen, selbst das Überspringen von Werbung im Fernsehen – wird vom Guthaben abgerechnet. Alle Menschen tragen den gleichen Sportanzug, leben in kleinen Zimmern deren Wände ein einziger Bildschirm ist, und diese Bildschirme spielen Sendungen ab. Kein Fenster, keine Pflanze und nicht einmal eine Fliege ist dort zu finden. Eine andere Episode beschäftigt sich damit, was alles über uns in sozialen Netzwerken und im Internet zu erfahren ist. Eine Frau namens Martha erfährt, dass sie schwanger ist, kurz nachdem sie ihren Lebensgefährten durch einen Autounfall verloren hat. Sie nutzt einen Dienst, der jede Information, die ihr Lebensgefährte in online-Netzwerken teilte, sammelt und daraus eine künstliche Personalität schaffen kann, mit der es möglich ist, zu kommunizieren, als sei es der originale Mensch. Zunächst kommuniziert sie schriftlich, dann wird es durch eine App möglich, die Stimme vom Lebensgefährten zu imitieren, und sie kommuniziert auch mündlich. Als eine KI mit dem Körper vom verstorbenen Lebensgefährten erwerbbar wird, kauft Martha diese KI und versucht so ihrer Trauer zu entfliehen. In einer Episode aus der dritten Staffel finden sich zwei Frauen in verschiedenen Zeiten, im Verlauf der Folge stellt sich heraus, dass sie sich virtuell treffen in einer simulierten Welt, in der Menschen nach ihrem Tod hineinprogrammiert werden und die sie vor ihrem Tod für eine bestimmte Zeitspanne pro Woche besuchen dürfen. Nicht nur Serien, auch Filme befassen sich mit den Ausblicken auf die Zukunft. Surrogates (2009) ist ein Film mit Bruce Willis in der Hauptrolle, der aufzeigt, wie in der Zukunft die Menschen kaum noch ihr Bett oder Couch verlassen, und ihre Wohnung schon gar nicht. Alle Aufgaben wie Arbeit, Einkauf, etc. werden von humanoiden Robotern übernommen. Diese sind junge, verbesserte Nachbildungen ihrer menschlichen Originale, und sie werden auch dazu benutzt, andere Menschen kennenzulernen. Die ebenso von ihren Robotern, den sogenannten Surrogates, repräsentiert werden. Direkter menschlicher Kontakt ist gar nicht möglich, da alles immer von den Robotern, den Avataren, erledigt wird. Im Film Avatar (2009) von James Cameron mit Sigourney Weaver wird deutlich, was für ein Potenzial diese Avatare haben könnten: zum einen könnte man paralysierten Menschen die Möglichkeit geben, sich zu bewegen. Zum anderen wäre es möglich, die Avatare den Wünschen, Vorstellungen oder Vorurteilen anzupassen, welche die Menschen haben, die mit diesem Avatar interagieren sollen. Man könnte sich also zum Beispiel Roboter vorstellen, die statt den realen Polizisten auf die Straßen gehen, und je nachdem, welche Aufgaben zu bewältigen sind, benutzt man eine Avatarfrau oder einen Avatarmann, Hautfarbe kann man beliebig wählen, etc. Der Film RoboCop (1987, neuverfilmt 2014) ist nicht weit entfernt von dieser Vorstellung, hier ist es ein Cyborg eines ehemaligen Polizeibeamten, dessen Gehirn, Gesicht und weitere Körperteile mit maschinell hergestellten Körperteilen verbunden werden. Es entsteht ein Maschinenpolizist, ein RoboCop.

Was macht uns also zu Menschen? Im Film Blade Runner (1982) wird ein Test durchgeführt, um die Replikanten von den Menschen zu unterscheiden. Kimbra singt in ihrem Lied Human „I confess I’ve been messed up in denial; This is what it means to be human“. Weil wir Fehler machen, sind wir als Menschen erkennbar – denn Fehler sind Teil unserer Evolution. Unsere Art zu Lernen basiert auf den Fehlern, die wir gemacht haben, und es sind Fehler in der Evolution, die neue Arten, neues Leben möglich gemacht haben. „All is full of love“ sang Björk 1999, während im Video zwei Roboter sich liebten. Man könnte sich ja auch vorstellen, einen Avatar zu benutzen, um Handy und Rechner zu bedienen, social media zu posten und Kommentare zu laden, während wir in unserem Alltag einfach mal raus gehen, unsere schwarzen Bildschirme verlassen und die Realität erleben. Oder, wie es Deichkind in Like mich am Arsch 2015 sang: „Klappe zu, Stecker zieh’n, raus in die Welt“.