Wenn ich heute zurück denke, bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, welcher Teufel mich damals geritten hatte.

Ich war frisch getrennt von meiner damaligen großen Liebe, Anfang dreißig, chronisch pleite und unbefriedigt als ich auf der Suche nach einem neuen Job auf ein interessantes Inserat stieß. Im Nachbarort sollte ein riesiges Bordell eröffnen, für das sie noch Mitarbeiter suchten – natürlich im administrativen Bereich. Die Damen im operativen Segment waren schließlich keine Angestellten, sondern Jungunternehmerinnen – aber das erfuhr ich alles erst später.

Mein Aufgabenbereich umfasste alles ohne Genitalien – ich war zuständig für den ganzen bürokratischen Scheißdreck, der in einem Etablissement dieser Größe anfällt. Angefangen von Zimmerreservierungen für das angeschlossene Hotel, über die Terminkoordination mit den Frauenärzten der Mädels, bis hin zur Betreuung diverser Social Media Kanäle, um den Club auch via Facebook und Co. passend zu präsentieren. Außerdem musste ich früh genug Alarm schlagen, sobald die Finanzpolizei einmarschierte – schließlich mussten die Mädels ihre Registrierkasse bzw. ihre Rechnungsbelege griffbereit halten, um nicht wegen Steuerhinterziehung Ärger zu bekommen. Noch gefährlicher als die Exekutive waren allerdings die Türsteher – allesamt Kleinkriminelle Vollpsychopathen, denen man nicht über den Weg trauen konnte.

Durch die ständige Zufuhr von Steroiden waren die Typen die perfekten Partner der Prostituierten – impotent trifft totgevögelt. Er kann nicht mehr – sie will nicht mehr.

Mir war schnell klar, dass der Hase hier anders läuft als in der klassischen Gastronomie – in den Meetings redete man nicht über saisonale Menüs, Kinderanimation oder wertschätzende Kommunikation im Umgang mit Mitarbeitern – Gangbangpartys, Waffenkontrollen am Eingang und striktes Kontaktverbot zwischen Arbeitern und Prostituierten waren die täglichen Themen.

Wir schufteten wie irre, jeden Tag from Dusk till Dawn. An meinen freien Tagen ging ich zur Abendschule, um was aus mir zu machen – auch wenn ich die meiste Zeit mit offenen Augen Schlaf nachholte, um mich ein wenig zu regenerieren. Meistens war ich bis halb fünf Uhr morgens im Club, eine Stunde später zu Hause; Schulbeginn war dann um 8.

Nach drei Monaten war ich nervlich am Ende – meine Kräfte forderten laut und deutlich nach einer Auszeit, dennoch hielt ich durch.

Samstagabend. Der Laden gerammelt voll – zweihundert Frauen und genauso viele Männer tummelten sich zwischen Bar, Pornokino, Pool, Buffet und der Rezeption, an der ich hockte um den gefühlt fünftausendsten Kunden die Hausordnung zu erklären: „Hundert Euro Eintritt, dafür alle alkoholfreien Getränke, Essen, Wellness und Kino inkludiert. Animationstechnisches bitte direkt mit den Damen aushandeln!“

Kurz vor Mitternacht torkelte J. mit einem Freier an mir vorbei, verlangte nach einem Zimmerschlüssel, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr BH hing auf einer Seite hinunter, das Höschen längst verschwunden, es kostete ihr alle Mühe, die Augen nicht zufallen zu lassen.

Ganz im Gegensatz zu dem Alten im Bademantel, der ihr unentwegt an die Titten fasste und stocknüchtern wirkte. Ihr Ekel schien greifbar, auch wenn sie meilenweit davon entfernt war, auch nur die kleinste Regung zu empfinden…. Sie war 18; ihr zweiter Tag hier. Ihr rumänischer BMW-Fahrer hatte sie vor nicht mal 24 Stunden mit einer Geburtstagstorte und Strapsen in der Hand hierher gefahren…

Was zur Hölle machte ich an diesen gottverlassenen Ort?????