Wie die Zeit vergeht … 15 Jahre ist es jetzt her, seit Annett Louisan mit dem Lied “Das Spiel” auf sich aufmerksam gemacht hatte. Jetzt hat sich mit “Kleine große Liebe” gleich ein Doppel-Album an den Start gebracht.

Wer kennt sie nicht, die Familienzusammenkünfte, auf die sich jeder zu freuen scheint, obwohl keine zu ihnen gehen möchte? “Wir sind verwandt, mit dem Messer in der Hand.” Seine Freunde kann man sie schließlich aussuchen, oder ihnen zumindest gelegentlich auch einmal aus dem Weg gehen. „Wir sind verwandt, mit dem Rücken an der Wand.” Doch das Familientreffen ist unvermeidlich. Mit all den bohrenden Fragen an die Dauer-Singles, den seit Jahren gärenden Vorwürfen zwischen den Generationen, die emotionalen Tiefschläge, die kleinen Bissigkeiten. „Wir sind verwandt, verdammt, die Pistolen sind gespannt.“ Schlimm … es sei denn natürlich, Annett Louisan besingt all das mit ihrer noch immer fast engelsgleichen Stimme.

Mehr als Chanson …

Inzwischen 41, seit kurzem Mutter geworden, sind die ganz wilden Zeiten erst einmal vorbei. Auch davon weiß Louisan in diesem vor persönlichen Erfahrungen nur so strotzendem Album zu singen. Es ist ein Rückblick auf vergangene Beziehungen und eine Analyse des Lebens an sich. Alles vorgetragen in dem typischen Stil von Annett Louisan, den man allgemein dem französischen Chanson zu ordnet, damit aber deutlich zu kurz greift. Der Sängerin ist es gelungen, sich quasi ihren ganz eigenen Musikstil zu kreieren. Der Chanson mag die Hauptzutat sein, aber sie mischt ein bisschen Jazz darunter, würzt mit Folkelementen und garniert es mit einer unbekümmerten Leichtigkeit, die gerade in deutschen Musikszene mitunter verloren gegangen ist. Dabei schafft sie es mit ihrer Stimme den Zuhörer zu erreichen, als hätte sie den ASMR-Trend vorhergesehen, der derzeit auf einer Welle durchs Internet surft und neue Youtube-Milionäre erschafft. Auch ihre zarte elegante Stimme löst beim Zuhörer ein Kribbeln aus, so das man ihre Lieder nicht allein akustisch wahrnehmen kann.

Den Finger in die Wunden einer zuckersüßen Welt legen

In erster Linie gilt das für die erste Seite des Doppelalbums, auf Seite Zwei beginnt Annett Louisan zu experimentieren. Sie schlägt nicht unbedingt einen anderen Weg ein, springt aber mal hier und mal dort zur Seite, in dem sie schnellere Rythmen einfließen lässt und die Musik zuweilen etwas poppiger klingt. Sie selbst spricht von der “Annett Louisan 3.0”. Ob es tatsächlich schon zu einer komplett neuen Version gereicht hat, kann allerdings bezweifelt werden. Auch wenn die poppigeren Experimente in jeder Hinsicht die gleiche Qualität haben, wie die klassische Annett Louisan, dominiert eben doch letztere das gesamte Doppelalbum. Ob es sich also bei “Kleine große Liebe” jetzt um ein Album handelt, oder um zwei, wie die Sängerin selbst findet, das mag jeder selbst entscheiden.

Am Ende ist das aber eigentlich auch gar nicht wichtig, zählt doch das Gesamterlebnis. Und ein Erlebnis ist es ohne Zweifel, sich für fast 100 Minuten in die Welt der Stimme von Annett Louisan hineinziehen zu lassen. Eine zuckersüße Welt, voller Fallstricke und zielsicheren Fingern für die kleinen Wunden des Lebens. An allen Liedtexten zumindest beteiligt, Unterstützung holte sie sich von bekannten Songschreibern wie Peter Platte, zeigt Annett Louisan auch diesmal wieder ein zielsicheres Auge für die Kleinigkeiten des Lebens, und versteht es diese mal in einer spielerisch humorvollen Art, mal mit ansteckender Melancholie auf den Zuhörer zu übertragen.


„Kleine große Liebe“ von Annett Louisan erschienen bei Ariola (Sony Music) 2019