Kolonialismus – Was haben die Römer je für uns getan?

Buchkritik: „Verteidigung des deutschen Kolonialismus“ von Bruce Gilley

Antikoloniale Selbstzerfleischung ist gerade en Vogue. Auch hierzulande wird darüber diskutiert Museumssammlungen zurückzugeben und für begangene Verbrechen Entschädigungszahlungen zu leisten. Gerade Afrika steht im Fokus, der Kontinent sei über Jahrhunderte nur ausgeblutet und seiner natürlichen Entwicklung beraubt worden. Doch stimmt dieses „nur“ überhaupt?

Mir kam dazu kürzlich eine Szene aus dem alten Monty Python-Film Das Leben des Brian in den Sinn, als die Frage gestellt wurde was die Römer, die damals Palästina besetzt hatten, denn je für ihre Untertanen dort getan hätten. Am Ende war es doch eine ganze Menge.

Dieser kleine Ausflug in die Filmgeschichte ist in der aktuellen Kolonialismusdebatte durchaus einen Blick wert, denn er lässt sich auch auf die Situation beispielsweise in Afrika mit einiger Berechtigung als Vergleich heranziehen. Was haben die Europäer den Afrikanern gebracht?

Die antikoloniale Position sitzt mitunter einem Märchen auf, das schon zur Zeit des Kolonialismus ein Trugbild war: Der edle Wilde.

Denkmal für die deutsche Schutztruppe in Windhouk, Namibia - ehemals Deutsch-Südwest
Denkmal für die deutsche Schutztruppe in Windhouk, Namibia – ehemals Deutsch-Südwest

Neben zivilisatorischer Infrastruktur beendeten die neuen Herren in Afrika beispielsweise die an der Tagesordnung stehenden Stammeskriege und ab dem Zeitpunkt, ab dem sie sie selbst abgeschafft hatten, beendeten sie die Sklaverei. Dabei taten sich seinerzeit übrigens gerade die Deutschen hervor, die mit Deutsch-Ostafrika beispielsweise eine Kolonie hatten, deren Gebiet beliebter Sklavenmarkt für arabische Emirate war.

Diesen anderen Blick hat der US-Historiker Bruce Gilley in den Mittelpunkt seines neuen Buches gestellt. Und bei dem Buchtitel Verteidigung des deutschen Kolonialismus ist der Name durchaus Programm. Kapitel für Kapitel geht er dabei die deutschen Kolonien in Afrika, dem Pazifik und dem deutschen Hongkong „Qingdao“ und liefert Gegenargumente zu den vom antikolonialen Mainstream verbreiteten Thesen. Dabei muss man ihm nicht immer folgen, sind seine Schilderungen doch oft so einseitig, wie jene, die er zu widerlegen versucht – aber selbst wenn er im Einzelfall eine Extremposition einnimmt, zeigt er doch zumindest auf, dass die andere Seite nicht minder einseitig argumentiert.

Einheimische, die sich nach 1919 ihre deutschen Herren zurückwünschten, passen ebenso wenig ins Bild, wie Askarikrieger in Deutsch-Ostafrika, die bis 1918 einer Handvoll deutscher Offiziere treu zur Seite standen. Und das die deutsche Bürokratie zahlreiche Chinesen nach dem Ende des Kaiserreichs nach Quingdao zum Anschauungsunterricht zog – das klingt in vielen Ohren heute fast als absurd.

Es wundert kaum, dass Bruce Gilley hierzulande einzig vor der AfD einen Vortrag halten konnte, der im deutschen Feuilleton natürlich heftig angegriffen wurde.

Der Mittel seiner Gegner bedient sich Gilley leider auch dann, wenn er auf die starke antikoloniale Position des Nationalsozialismus hinweist und die moderne antikoloniale Bewegung als deren Erbe sehen will. Aber immerhin weist er auch damit daraufhin, wie wenig historisch fundiert diese Bewegung ist. Sie steht mitunter auch heute noch in der Tradition jener zweiten brutalen antikolonialen Ideologie des 20. Jahrhunderts – dem Kommunismus. Von Verstrickungen der DDR und ihrer Staatssicherheit in Verbrechen im nachkolonialen Angola und Mozambik dürften die wenigsten je gehört haben. Auch so etwas, was nicht ins Bild passt.

Und so ist Bruce Gilleys Buch, bei allem was man ihm vorwerfen kann, am Ende deshalb lesenswert, weil es einen Contrapunkt zur herrschenden Meinung setzt. Es erzählt die Geschichte von einem entgegengesetzten Standpunkt und ermöglicht es so dem mündigen Leser erst, sich ein komplettes Bild der Geschichte des Kolonialismus zu machen. Das er diesen umständlichen Weg gehen kann, weil es keine ausgewogene, auf historischen Fakten basierende Darstellung des deutschen Kolonialismus zu geben scheint, ist freilich Bestandteil des Problems unserer heutigen Epoche.


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