Der erste weiße Strich zog sich quer durch einen eiskalten Klassenraum. Vorne neben dem Pult war ein alter Ofen aufgebaut. Ein Loch in die Außenwand für das Rohr gehauen. Vorne, vor dem Kreidestrich hockten die Kinder der parteitreuen Genossen. Aber davon wussten wir Kinder nichts.

Nichts davon, warum wir in solche und solche eingeteilt wurden. Wir wollten in die Wärme. Aber der Lehrer dirigierte uns mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in eine Reihe an die Wand, dann rief er die Namen auf und wies uns nach hinten oder vorne. Und jeder Junge und jedes Mädchen kassierte hämische Bemerkungen: „Der Kleine von Ploßnitz. Ihr Gesindel habt ausgedient. Ab in die letzte Reihe.“ Zwei dünnen Mädchen zischte er ins Ohr: „Warum seid ihr denn nicht in Ostpreußen auf eurem schönen Gutshof geblieben?“ Auch sie landeten genau wie ich hinter dem Kreidestrich. „Polen haben hier nichts zu suchen“, spuckte er einem Jungen ins Gesicht, dem keins seiner Kleidungsstücke passte. „Und du da“, dieser kantige hagere Lehrer in seiner russischen Militärhose und den geschorenen grauen Haaren kam in Fahrt, „Du kleines Miststück setzt dich in die letzte Bank.“ Das Mädchen schlich und hielt den Kopf nach unten. Nelly hieß sie und war nach einigen Wochen verschwunden. Auf und davon die ganze Familie in den Westen. Das machten meine Mutter und ich wenige Jahre später auch, bei Nacht und Schnee in die Tschechoslowakei, dann nach Bayern ins Lager Moschendorf und dann an den Bodensee mit dem Säntis. (Als ich den Berg das erste Mal sah, wusste ich seinen Namen nicht und auch nicht, dass am anderen Ufer die Schweiz lag und dass es dort Dinge gab, die ich noch nie im Leben zuvor gesehen geschmeckt und gerochen hatte: Schokolade Orangen Bananen Milch in großen Mengen Kaffee und Marzipankuchen).

Wir Kinder haben nie erfahren, wer sich diesen Kreidestrich ausgedacht hatte, aber er war in allen Klassenräumen gezogen. Weiß splittrig. Gab es irgendwo einen Kreidesoldaten, der in den Schulen Striche zog? Wir Kinder konnten uns darin nicht einig werden. Wir stritten, brüllten, schlugen, bis wir selbst wieder geschlagen wurden.

Vor dem Strich wurden es immer mehr Kinder, hinten verschwanden immer öfter welche. Der Lehrer mit den bösen Sätzen verschwand nach einem halben Jahr. Von einem Tag zum anderen war er weg Im Unterricht schrie er, schlug und dann saß er manchmal still an seinem Pult und sprach leise, eine Geschichte, ein Märchen. Oder er malte eine Rechenaufgabe mit Geduld an der Tafel auf und erklärte. Bis er wieder schlug und uns als dreckiges dummes Pack beschimpfte. Wir waren sechs oder sieben Jahre alt. (Als er weg war, sprachen die anderen Lehrer schlecht über ihn, vorher nicht).

An den kaputten Wänden hingen Bilder von Ulbrich und Pieck. Sie hatten es warm, sie hingen neben der Tafel. Am wärmsten hatte es Stalin, sein Bild war direkt hinter dem Ofen angebracht.

Jedes Kind musste ein Brikett morgens mitbringen. Wenigstens einen Holzscheit. Jedes Kind. Auch die, die hinter dem Kreidestrich saßen und kaum noch etwas von der Ofenwärme abbekamen. (Fast alle Eltern mogelten nach besten Kräften und gaben uns in feuchtes Papier gewickelte Abfälle, Rinde, Kohlenstaub mit, weshalb es im Klassenzimmer oft stank).

Hinter dem Kreidestrich hockten Flüchtlingskinder, Katholiken, Kinder von bürgerlichen und konterrevolutionären Subjekten. So eins war ich. Weder die Kinder vorne noch die hinten wussten wie ihnen geschah, aber mit den Wochen trennten wir Sechsjährigen uns voneinander. Auch auf dem Schulhof. Nur ein Lehrer kümmerte sich nicht um den Kreidestrich und ließ uns Kinder alle um den Ofen drängeln. Das war in Leipzig 1952.

Die Erwachsenen, die ich kannte, waren still und stumm. Die meisten hatten sich vergessen und wollten an nichts mehr erinnert werden. Aber die Trümmer waren im Haus und vor der Tür. (Bei uns hatten Phosphorbomben das Dach und die eine Hälfte des Hauses beschädigt). Die Soldaten und die Kommunisten hatten das Sagen und die neuen roten Spruchbänder hingen vor den schwarzen Hausfassaden. Manchmal schauten die Väter und Mütter uns Kinder an, als wüssten sie nicht, dass wir zu ihrer Familie gehörten.

Die Erwachsenen waren eingeschlossen von einer dunklen Wolke und unerreichbar für uns Kinder. Nur eine Tante lachte über alles, über die alten und neuen Bonzen (alles Fähnchen im Wind), über meine Mutter, über das vergrabene Silber (entweder wir tauschen das Besteck gegen Essen oder wie decken den Tisch schön ein und hungern) und über das Meiste, was die Leute sagten, vor allem über den Satz: „Wir mussten in die Partei eintreten“ (In welche denn? Jetzt oder früher?).

Ihr Mann ging mit dem kleinen Mädchen jede Woche einmal durch das Leipzig, wie ich es kannte, zerbombt, schwarz und grau. Und erzählte dann von einem anderen Leipzig voller Glanz und Leben. Manchmal dachte ich, er erfindet das alles, damit die Stadt ein bisschen schöner aussieht und nicht nur nach Schwefel riecht. Außer seinen Worten gab es keinerlei Beweise. Die Tante und ihr Mann waren aus der Emigration gekommen. Aus England, Liverpool. Nach Hause hatten sie gewollt. Das mit der DDR nahmen sie in Kauf. Und als ihnen die Zustände in der DDR unerträglich wurden, war es zu spät weg zu gehen. (Wären wir doch in England geblieben, wir kamen zu recht dort).

Unsere Kinderhoffnungen waren jeden Tag beim Aufwachen rosa und hellblau und gründeten sich auf nichts als dass die dunkle kalte Nacht vorbei war. Wie kleine bunte Federknäuel waren unsere Hoffnungen. Die Großen pusteten den Federhaufen weg oder spuckten und schmissen Dreck darauf. Die Großen trugen Wackersteine im Magen (wir Kinder hörten sie rumpeln) und Wut im Bauch (wir Kinder rannten schnell davon) und sie wussten nicht, was denken und wie es weitergehen sollte in ihrem Leben: Welche Regeln waren jetzt zu beachten? Wir Kinder kannten weder die alten großdeutschen noch die neuen sozialistischen Regeln. Wir kannten nicht die alten und die neuen Wörter. Wir wussten von all dem nichts. Wir fragten nicht, warum sind die Häuser kaputt. Wir fragten nicht, warum den Männern Arme und Beine fehlten. Wir fragten kein Warum. Wozu auch. Wir waren klein. Wir waren mitten in Trümmern, Dreck, Kälte, Hunger. Wir lachten über die Panzer, die durch die Straßen fuhren. Wir rannten durch Ruinen. Wir fragten und bettelten nach Essen. Wir lachten und brüllten, bis wir von den neuen Zeiten und den Erwachsenen belehrt wurden. Ermahnt und belehrt. Mit aller Gewalt. Da wussten die Großen wieder wie Leben ging und was alles nicht sein durfte.

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Meine Mutter arbeitete bei der Leipziger Volkszeitung, in der Buchhaltung und in der Redaktion. Sie schrieb kleine Geschichten aus dem Alltag. 1954 stand sie vor der Tür. (Sie konnte nie ihren Mund halten und redete von roten Proleten). Erich Loest stand 1957 nicht nur vor der Tür der Leipziger Volkszeitung, sondern wurde wegen konterrevolutionärer Umtriebe in das Gefängnis nach Bautzen transportiert. Sieben Jahre Schreibverbot. Als Kind wusste ich von den politischen Dummheiten der Erwachsenen nicht viel, nur mit den Auswirkungen des Kreidestrichs kannte ich mich aus. Meine Mutter landete im VEB Haus des Buchhandels, dann stand sie auch dort vor der Tür. Sie wollte nicht in diese Einheitspartei und ich ließ jede Einsicht in die Klassenverhältnisse vermissen. (Was wollten diese Partei von uns kleinen Kindern?) Wir mussten weg. Ein Holzkoffer, eine Tasche.

Der zweite weiße Strich zog sich längs durch die Klasse. Freda war mutig genug auf ihm herumzuhüpfen. Bis die Anordnung kam Katholiken kommen in den Himmel und sitzen am Fenster. Freda war keine Katholikin, sondern aus Livland. Die fröhliche Freda und ihre Eltern lebten in zwei Zimmern, in einer Mansarde. Eine Geige war ihr Familiebesitz. Der Vater spielte, die Mutter unterrichtete. Für Pfennige. Zur Not. Oder gegen Essen. Aus Not.

Freda und ich waren keine Katholiken, Marlies nicht und zwei Adlige auch nicht, aber die durften in die erste Reihe auf der Wandseite. Protestanten, Flüchtlingskinder, Kinder mit Eltern, die als displaced persons galten, alle die kamen auf die kältere Wandseite. Kein Sonnenstrahl. Bis auf eine Lehrerin akzeptierten alle Erwachsenen den Kreidestrich. Das war in Friedrichshafen am Bodensee. Hinter den Trümmern und dem zerbombten Hafen leuchtete der Säntis. Wir schliefen auf Strohsäcken. Meine Mutter hatte Kohl gepflanzt an den Eisenbahngleisen im Hafen und den spukte sie wieder aus. (Meine Mutter verabscheute hörbar die Schwaben, andere Flüchtlinge, französische Soldaten, Werftarbeiter und auch sonst alle Leute, mit denen wir zu tun hatten. Das war vermutlich der Grund, warum sie mich jeden Tag einkaufen schickte). Ich war ein hübsches kleines Mädchen mit hellroten Locken und es erforderte nur Geduld, um von all den vespernden Arbeitern und Matrosen, die mit ihren Taschenmessern Speck und Brot, Äpfel und Geselchtes in mikroskopisch schmale Streifen schnitten, Essen abzubekommen. Rauchfleisch auf einem hellen Stück Brot. Da meine Mutter das alles auch verabscheute, brachte ich ihr bald nichts mehr mit.

Der zweite Kreidestrich setzte sich auf dem Schulhof fort. Die Schule hatte zwei Eingänge. Der rechte war für die Knaben, der linke für die Mädchen und damit sich in den Pausen die Geschlechter nicht mischten, wurde erst ein Kreidestrich gezogen, später dann ein Band aus Schottersteinen gelegt. Und in jeder Pause stand ein Lehrer oben und eine Lehrerin unten an den Enden und achteten darauf, dass niemand über die Grenze trat. Die älteren Schüler reihten sich links und rechts von den Schottersteinen auf, um mit einander zu reden. Manchmal jagten die Lehrer sie alle auseinander, klatschten wie bei Vögeln. Und Kinder stiebten weg, um gleich wieder zu kommen. Wie die Spatzen.

Im Klassenzimmer zeigte die Trennung Wirkung, die einheimischen Kinder liebten ihre Sonnenseite. Für sie war alles gut und schwäbisch und wie gewohnt und von den Eltern gewünscht, aber wir aus der Fremde, wir wollten weg. Wir wollten über den Kreidestrich, der quer über den großen Platz zwischen der Volksschule und dem Gymnasium gezogen war. Freda hüpfte immer wieder hinüber. Hinüber. (Bildet euch nichts ein, ihr kommt dort niemals hin. Pack!)

Wir fremden Kinder, wir Flüchtlingskinder wir lernten und die Väter und Mütter gaben uns nachmittags Unterricht: Die Rose der Rose zwei Rosen die der dem wem wessen Mein Besuch im Strandbad wenn ein Brötchen vier Pfennig kostet was kosten dann sechs Brötchen und wie viel Pfennige bekommst du zurück bei drei Groschen. Wir wussten Bescheid und wussten, wo Polen lag und Frankreich und England, Österreich und Prag. Wir bekamen Post aus diesen Ländern. Manchmal auch aus der DDR. Da war vieles durchgestrichen oder der Brief in winzige Schnipsel zerrissen oder in der Mitte abgeschnitten. (So erfuhren wir nicht, dass mein Onkel schwer krank war und welche Medikamente er brauchte, die es in der DDR nicht gab. Aber dann kam eine Postkarte durch und wir kauften die Tabletten in der Schweiz und mischten sie unter Graupen. Das Paket kam an.)

Video: Leipzig 1945 - Ankunft der US-TruppenVideo Leipzig 1945: Ankunft der Roten Armee

Auch am Tag der Aufnahmeprüfung saßen wir links und rechts vom Kreidestrich, bleich zitternd schrieb kaschubischer Kleinadel neben einer aus Leipzig neben Freda neben der polnischen Marlies neben einem blassen Jungen aus der Tschechei neben einem Jungen aus Litauen neben einem Mädchen ohne Eltern aus einem Heim neben einem Jungen mit einem Nazivater. Der Rose der Rose die das wenn zehn Rosen bei einem Besuch im Strandbad zehn Groschen kosten wie viele Brötchen bekommt der Strandwärter für das schönste Erlebnis aller Kinder jenseits der Kreidestriche.

Auf der anderen Seite des Kreidestriches von der Lehrerin liebevoll behütet und betrachtet, schrieben die katholischen Kinder das Rose dem Strandwärter sein schönstes Erlebnis ohne Brötchen. Da saßen sie auf der Sonnenseite. Mit Kakao und Marmelade. An diesem Tag gab es für alle diese kleine Flasche Kakao. Ich liebte sie. Glas und die braune Wassersoße. Und mein zitternder Bauch. Ein Glück. Marmelade hatten wir nicht. Meine Mutter sagte immer noch Konfitüre. (Sie weigerte sich ein Grundvokabular an schwäbischen Wörtern zu lernen.)

Eine Woche später wurden die Ergebnisse der Prüfung verkündet, mit Rektor, allen Lehrern. Es war ein Hoheitsakt und der Rektor sah den Kreidestrich und die einen Kinder und die anderen an der Fensterseite und er schaute die Lehrer an und uns und wir an der Wandseite senkten unsere Köpfe. Wir waren fremdes dummes Pack. Nur Freda lachte. Laut. Ich liebte sie. Und sah schräg nach unten weg. Der Rektor zitterte.

Der Rektor las die Ergebnisse vor: Alle Wandkinder konnten über den Kreidestrich quer über dem Schulhof die große Steintreppe hinauf zum Gymnasium gehen, alle einheimischen Kinder blieben auf der Volksschule. Die Erwachsenen waren ratlos, die Lehrerin gratulierte uns nicht. Die Eltern der einheimischen Kinder standen erwartungsvoll vor dem Klassenzimmer, unsere Mütter und Väter waren nicht da. Freda sprang über die Bänke, über den Strich und rannte aus diesem dunklen Schulhaus über den Hof hinüber über den dritten Kreidestrich. Die Rose der Rose schenkt der Strandwärter seiner Bäckerin. Die Kreidestriche in der Schule und auf dem Hof verschwanden.

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