Kritik: „Die Kunst es lässigen Anstands“ – Alexander von Schönburg

Wenn auch kein Lebensratgeber im eigentlichen Sinne, kann dieses Buch doch dazu beitragen eine neue, andere Aristokratie zu erschaffen.

Wenn Alexander von Schönburg seinem Buch den Untertitel „27 altmodische Tugenden für heute“ gibt, nennt er einen Einwurf der Allgemeinheit schon beim Namen. Anstand, das klingt gleich so altmodisch. Da denkt man doch eher an die Zeiten in der Kindheit, als man mit den Eltern vielleicht auswärts essen war, oder bei Freunden oder Familie zu Besuch, und die Hauptaufgabe des Kindes darin bestand einen Zustand der Existenz-Nichtexistenz einzunehmen – oder zumindest ruhig zu sein. Und Tugenden klingen sogar noch ein bisschen schlimmer, wie Pflichten, die einem in einer vor-modernen Erziehung eingebläut wurden. Aus der Zeit gefallen wirken beide Begriffe, ebenso wie die meisten der 27 von Alexander von Schönburg aufgeführten Tugenden auch. Sie passen nicht mehr in einen Zeitgeist in der die Herrschaft des Egoismus eingetreten ist, der sich nicht nur in der Pflicht – da drückt man dann wieder ein Auge zu – zur Ich-Optimierung ausdrückt, oder auch dem andauernden Versuch sich selbst – einschließlich eines möglichst individuellen Geschlechts – neu zu kreieren.

Heute kennt man Alexander von Schönburg vielleicht als Kolumnist der BILD, auf deren letzten Seite der Verlag ihm Platz für ein paar durchaus lesenswerte Zeilen gibt. Obwohl bereits Autor mehrerer erfolgreicher Bücher, und Oberhaupt seines Hauses, dürfte aber wahrscheinlich seine Schwester Gloria von Thurn und Taxis der breiten Öffentlichkeit bekannter sein. Mit ihr teilt er eine Verwurzelung im katholischen Glauben, die auch immer wieder in Die Kunst des lässigen Anstands durchscheinen. Missionarischen Eifer braucht der atheistische Leser dabei aber nicht zu fürchten, selbst Jens Jessen bestätigte in seiner Rezension in der Zeit, man könne das Buch auch ohne die religiöse Seite als treffende Analyse unserer Zeit lesen. Tatsächlich flechtet Schönburg jene Teile in einer solchen Selbstverständlichkeit ein, dass sie einfach in die Erzählweise des Autors hineingehören zu scheinen.

Jedem Kapitel stellt der Autor einen kurzen „Was geht’s mich an?“-Absatz hinzu. Wer diese Frage für das gesamte Buch beantwortet haben möchte, hat mehrere Gründe zur Auswahl. Zunächst einmal, auch wenn der Autor mal mehr, mal weniger ernstgemeinte Knigge-Fragen in Einschüben beantwortet, ist Die Kunst des lässigen Anstands kein Kniggebuch. Wer also unbedingt wissen will, warum oder zumindest welches der zahlreichen Messer vor ihm auf dem Tisch er für Fisch, Fleisch oder Käse er nutzen muss, dem seien andere Bücher empfohlen. Hier und da wird aber doch eine längst vergessene Höflichkeitsformel erwähnt, etwa die Tatsache aufzustehen, oder es zumindest anzudeuten, wenn eine Frau an den Tisch kommt. Ich erinnere mich an eine Studentenparty, es ist Jahr(zehnte) her, als ein aus dem Iran stammende Kommilitone tatsächlich in diesem Fall immer kurz ein Aufstehen andeutete. Mir viel das damals auf, ich wusste auch warum, aber ich muss leider zugeben, ich habe so etwas nie gemacht. Dabei wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, denn eine der Grundthesen des Buchs lautet, unser Leben wäre insgesamt wieder etwas besser, würden wir diese kleinen Höflichkeiten im Leben noch leben, statt sie als antiquiert zu verdammen.

Die Kunst des lässigen Anstands ist so durchaus auch eine Polemik gegen die heutige Zeit, wenn auch nicht in jener polemischen Form, die wir heute vor allem im Internet vorfinden. Er seziert die Irrungen und Wirrungen des heutigen Westens, positioniert sich gegen sie, bringt gute Argumente vor, hält aber auch immer eine von ihm in der Liste ebenfalls aufgeführte Tugend ein: Respekt. Das macht sein Buch nicht nur für jene lesenswert, die ohnehin mit ihm übereinstimmen, sondern auch für jene, die zwar der von ihm kritisierten Kultur anhängen, aber dennoch offen sind die andere Seite anzuhören.

Ganz nebenbei ist das Buch auch eine amüsante Ansammlung von ritterlichen Anekdoten, aber auch Adelsgeschichten der heutigen Zeit. Einer Welt in der auch Schönburg aufgewachsen ist, wenn seine Familie bei der Flucht nach dem 2. Weltkrieg auch Güter und Reichtum verlor. Er ist sich dieser Rolle, ohne jedoch arrogant zu wirken, durchaus bewusst. Und auch wenn man dem Buch Unrecht täte, es in die Reihe der abertausenden Ratgeberbücher einzureihen, ist Die Kunst des lässigen Anstands doch in einem Sinne wirklich ein Ratgeber, ein Ratgeber wie man selbst in die Gruppe eines neuen Adels eintreten kann. Ganz ohne Titel oder blauem Blut. Sondern als eine Art Gegen-Adel zu einer heutigen Elite, die über so gut wie keine seiner genannten Tugenden noch verfügt und so gut wie jede von ihnen verteufelt. Davon hätte nicht nur die Gesellschaft als ganzes einen Vorteil, sondern auch die Betroffenen selbst würden in ihrem Leben vielleicht ein wenig an der Gelassenheit und Zufriedenheit haben, die zur Aura der Aristokratie hinzugehört.