Once upon a time. Auch im eigenen kleinen Leben gibt es Märchenanfänge, aber irgendwann sind diese schönen Geschichten zu Ende und es hat etwas anderes begonnen. Dann ist aus einem Dorf der Hauptort der Halbinsel Crozon geworden. Auf Bretonisch Gourenez Kraozon. Mit rund siebentausend Einwohnern, einschließlich aller Bauernschaften und Dörfern rundum.

Es war einmal ein Mädchen, das zu seinem emigrierten Onkel nach Boulogne-sur-mer geschickt wurde. Er hatte einen kleinen Friseurladen am Hafen. Er hatte die Nazis überlebt. Erst in Berlin, dann in Frankreich. Er lebte sorglos, arm und schlampig in seinem Laden und den zwei Zimmern. Bett und Küche. Mehr brauchte, mehr wollte er nicht mehr. Er saß gerne abends vor seinem Laden, rauchte und erzählte mir Geschichten. Von einer Welt, die es nicht mehr gab und von einer Welt, die es noch nicht gab. Damals war Boulogne eine kleine und sehr überschaubare Hafenstadt. Von der Bretagne und dem Ende der Welt, dem Finistère hat er mir nichts erzählt, auch nicht von den beiden Wappentieren: Dem Löwen und dem silbernen Schaf, aber er sagte: Schau auf deinen Teller und iss, aber schau auch über den Tellerrand. Sagte es und schöpfte meinen Teller mit Fischköpfen voll.

In den zweiten Semesterferien im Sommer 1967 fuhr ich mit einem alten Citröen 2CV von Münster bis ans Ende der Welt. An den großen Strand hinter dem Dorf Crozon. Plage de Kerloch. Noch nie hatte ich solche Felsen im Meer gesehen. Unvergessene Formen bei Ebbe und Flut, Durchblicke und Höhlen. Ich blieb zwei Monate. Lernte Muscheln zu pflücken. Tourteaux, Krebse, zu fangen und zu kochen. Zu essen. Ich sammelte Tellines, Plattmuscheln, am Strand. Ich sprang über die Felsen, tauchte, sammelte auch Seeigel. Aber die tauschte ich ein. Lebende Seeigel zweiteilen und ausschlürfen tat ich nur einmal unter der strengen Aufsicht einer Fischerin. Die mir auch zeigte, wie man Krebse und Meeresspinnen fängt. Die Freude aller, die bei Ebbe loszogen und für ihr Essen sorgten, von Zelt zu Zelt teilten, kochten, füllte die flirrende Luft über dem Meer und den Dünen mit kleinen Glückschreien.

Crozon war damals ein Dorf mit einem Marktplatz, um den herum sich die Geschäfte an drei Seiten aufreihten: der Lebensmittelladen, eine Bäckerei und eine Konditorei mit feinsten Kuchen und immer frischen Eclairs. Prall gefüllt mit Schokolade, Vanille, Erdbeere oder Pudding. Eine Apotheke, ein Laden für Zeitungen und Zigaretten, ein Fischladen, ein Schlachter, der mit blutiger Schürze zwischen der Theke im Geschäft und dem Kühlraum hin- und herlief und die Wünsche nach Lammrippchen, einem Faux-Filet erfüllte. Frisch geschnitten. Wenn er gut gelaunt vor sich hin pfiff, gab er auch mal ein kleines Entrecote dazu. Zwei gefragt, drei bekommen. Ein Laden für Töpfe, Keramik und einem Postkartenständer vor der Tür. An der vierten Seite stand die Kirche. Daneben das Haus mit der Mairie. Zwei stattliche Bürgerhäuser aus vergangenen Zeiten ergänzten das Viereck. In den Seitenstraßen gab es noch Läden für Blumen, Stoffe, Geschirr. Und einen Friseur.

An der Ecke zur Durchgangsstraße stand ein schönes Haus mit einer Kneipe. Ein paar Stufen hinab in einen dunklen Zwischenraum. Weg aus dem Sonnenlicht und vom Markttreiben. Eine ältere Dame herrschte dort hinter einem hohen alten Holztresen. Außer Flaschenbier, Cidre und Calvados aus Fässern gab es Pflaumenschnaps in winzigen fein geschwungenen Gläsern. Prune. Sein Duft durchzog die ganze Kneipe, die offensichtlich zwischen Himmel und Erde lag. In der getrunken und gesungen wurde. Die stattliche Wirtin achtete darauf, dass sich alle ordentlich benahmen. Sie war die Königin in ihrem dunkelblauen Kleid, ihrer davor gebundenen Schürze. Sie sang, servierte, wies zurecht, spendierte, kassierte. In ihrem Reich konnte der Nachmittag vergehen. Alle waren satt, alle tranken in kleinen Schlucken. Prune. Ein Glück. Crozon.

Zweimal die Woche war Markt. Ein Stand mit Austern, Sardinen, Meeresspinnen. Stände mit Honig, mit Brotlaiben im Ofen gebacken. Mit Würsten. Krempel und Kram. Kleidung und Schuhe. Mit sehr wenigen Francs konnte ich einkaufen. Die Marktleute aßen alle in demselben Restaurant und saßen danach bei der Königin des Zwischenreichs. Mit Pflaumenschnaps und Calvados. Laut ging es her. Lustig. Touristen gab es genauso viele, dass die Mischung stimmte. Die Einheimischen hatten das Sagen und die Touristen kauften, was sie zum Campingleben draußen in der großen Bucht brauchten. Alles Franzosen. Nur eine Handvoll Engländer und Deutsche.

Zwei Restaurants gab es in Crozon. Eines an der Straße nach Camaret. Palmen und Bananenstauden standen um das Haus. Auf der Speisekarte wurde im Menu Lotte angeboten. Aber so viel Francs hatten nicht. Also zurück auf den Marktplatz und eine Gasse hinab, die zur anderen Straße aus dem Dorf führte. Das andere Restaurant war für Fremde kaum zu erkennen. Keine Karte. Dort saßen die Markthändler, die Familien, das halbe Dorf und auch viele Leute, die ihre Zelte draußen am Strand aufgeschlagen hatten. Viele Pariser im August. Sieben Francs kostete das Menu. Noch ein Glück. Rettiche mit Salzbutter und Brot. Eine große Scheibe von einer Pâté de campagne mit Gurken. Mit etwas Glück gab es zur Auswahl einen halben Tourteaux. Einen Großen. Ich sammelte die kleinen an den Felsen ein. Dann Pommes frites und an den Markttagen auch mal ein kleines Entrecote. Sonst eine Andouilette, ein Faux Filet, ein Lammkotelett. Kutteln. Eine Wachtel. Danach Eis oder Crème brûlée. Ein halber Liter Wein war umsonst. Wasser aus der Karaffe auch.

Sehr viele Jahre fuhr ich ans Ende der Welt. Nicht mehr allein. Zeltete in der Bucht, für zwei Monate. Der Tourismus nahm zu, die Preise kletterten. Für die Austern, für den Pflaumenschnaps. Auch in dem Restaurant, irgendwann gab es das Menü für zehn Francs, dann für elf, zwölf. Dann war Schluss. Die kleinen Bauernhäuser wurden zu Ferienhäusern. In den Hafendörfern Morgat und Camaret entstanden Flaniermeilen. Sehr viele Touristen strömten ans Ende der Welt. Die Bucht wurde zum Naturschutzgebiet erklärt. Niemand durfte in der weiten Dünenlandschaft zelten. Campingplätze wurden eingerichtet. Imbisswagen fuhren von links nach rechts. Die Preise kletterten immer weiter. Einige Läden schlossen. Das kleine Restaurant schloss. Die Märkte stellten sich auf die Touristen ein. Die Pariser kauften Land, bauten Häuser. Niemand sammelte mehr Muscheln. Die Dörfer und Bauernschaften wurden zu einem Gemeinwesen erklärt. Crozon ist der Hauptort der Halbinsel, des Kantons Crozon. Im Arrondissement Chataulin.

Die Einheimischen schlagen sich durch. Durch die neuen Verordnungen, durch die Touristenströme aus so vielen Ländern. Die Pariser kommen immer noch im August. Aber inzwischen ist alles anders. Wer will denn Rettich mit Salzbutter und Brot als Vorspeise, einen halben Tourteau? Eine einfache Unterkunft. Den ganzen Nachmittag in einem Zwischenreich bei Calvados und Pflaumenschnaps sitzen und vergessen, welche Rolle man im Leben den anderen vorspielt. Wichtig sind die Sehenswürdigkeiten, Cidre trinken und Crêpes essen. Und eine Platte mit Meeresfrüchten. Oder zwölf Austern. Crozon und auch der Fischerhafen Camaret, beide Orte, sind nur im Winter noch Dörfer, aber ohne das Leben, das es einmal gab. Sie kämpfen sich tapfer durch die neuen Zeiten und Sitten.

Das letzte Zelt wurde von einem vier Tage tobenden Mistral in der Camargue, in Saintes-Maries-de-la-Mer, zerrissen, die Stangen verbogen. Ein Dorf damals. Heute darf auch dort niemand mehr an der Küste, in den Dünen zelten. Alles ist geordnet. Längs einer Flaniermeile. Mit seehr schlechtem Essen. Wenn es mit der Ordnung so weiter geht, erlebt die Menschheit bald eine Klimakatastrophe, die sie nicht mehr ordnen kann, aber eine teure Platte mit Meeresfrüchten können wir uns noch eine Weile gönnen.

Bücher der Autorin:

     







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J. Monika Walther

J. Monika Walther, aufgewachsen in Leipzig, Berlin und am Bodensee, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Sie wollte immer nur eines: Schreiben. Sie lebte und schrieb u. a. in Spanien, Portugal und Israel. Sie gründete zwei Verlage Frauenpolitik und tende (zusammen mit Annette V. Uhlending). Sie schreibt Hörspiele, Hörbücher, Erzählungen und Romane wie Sperlingssommer, Am Weltenrandund Kriminalromane wie Himmel und Erde, Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht, Das schöne Dorf (2017). Seit 1966 lebt sie im Münsterland und in den Niederlanden und ist glücklich mit ihrer Wahlheimat und ihrer Familie. Seit vierzig Jahren. (Foto: Barbara Dietl)
J. Monika Walther