Luther auf dem Fuß

Eine große Brücke, die in einem kleinen Ort in Sachsen ihren Ursprung hat, spannt ihre Bögen um die ganze Welt. Vor einem Jahr wurde sie 500 Jahre alt. Ihr Name ist Reformation. Erbaut wurde diese Brücke von Martin Luther. Der Mann, der es verstand Historie mit Humor auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Bis heute bekennen sich seine Verehrer zu ihm und bedienen sich dabei merkwürdiger Rituale.

Martin Luther – wer kennt ihn nicht? Der Mann gehört zu Deutschland wie Mosel und Main, Bockwurst und Bier, wie Wilhelm Grimm und Johann Wolfgang von Goethe. Seine Bedeutung in der Geschichte unseres Landes ist bis heute wesentlich und führungsweisend geblieben. Der Schatten seines Wirkens liegt auch nach fünfhundert Jahren wie eine Kralle über der Kleinstadt, hundert Kilometer südlich von Berlin. Wenn die Welt sich in Wittenberg trifft, sind Hundertausende genauso überwältigt von der Elbprovinz, wie die Katholiken von Rom und dem Tiber.

Arthur Pahl, der Autor vor der berühmten Wartburg

  

Für das  Jubiläumsjahr 2017 wurden schon Jahre zuvor Programmhefte unter das Volk verteilt. Sogar über den großen Teich sind Broschüren verschickt worden. Große Erwartungen für die kleine Stadt. Schaulustige und Lutherverehrer aus der ganzen Welt sollen kommen. Bereits 2016 – noch bevor das eigentliche Jubiläumsjahr eingeläutet war – strömten sie massenweise hierher und huldigten ihrem Reformator. Kein Wunder, denn für viele ist er zum Vorbild ihres eigenen Lebens geworden.

Lutherreliquien

Ja es ist durchgedrungen. Sogar in Amerika wissen viele um den Pomp und die Pracht, mit der sich die Lutherstadt Wittenberg ausgestattet hat, dieses Ereignis zu feiern. In manchen Gegenden der Vereinigten Staaten wurde der Bürger Monatelang animiert, Lutherreliquien zu bestaunen. Aufwendige 1000 Seiten dicke Publikationen von Katalogen, in zwei Sprachen gedruckt, können immer noch für mehr als 50 Dollar das Stück ersteigert werden. Vier parallele Ausstellungen massiver Lutherzeitlicher Kunst, historische Dokumente und Originalschriften, sind aus deutschen Museen in die USA ausgeliehen worden. Auflehnung gegen Papst und Kirche untermalt von sakraler Kunst. Geschichte trifft Geschick. Auf der internationalen Bühne herrscht „Lutherneugier“.

Der heilige Luther

Ein Freund sagte vor kurzem zu mir: „Du wirst sehen Arthur, der Luther wird dieses Jahr noch heiliggesprochen“. Das mag etwas übertrieben sein. Schließlich sehen die meisten Amerikaner in Luther nicht mehr als eine Symbolfigur. Im besten Fall einen Reformator auf der Augenhöhe von Calvin. Wenige Amerikaner erkennen Luthers historische und theologische Bedeutung.

Und dann…. aber lesen Sie selbst was schier unglaublich klingt!

Lutherliebe – Lutherrausch

Luther hat in den letzten fünfhundert Jahren für vieles herhalten müssen. Kunst und Kitsch miteingeschlossen.  Das Land des Reformators hat vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten gelernt, wie modernes Marketing funktioniert. Da gibt es Luthersocken, Lutherhandschuhe Lutherhemden, Lutherkettchen, Lutherbleistifte, Lutherhauben, Lutherbier und sogar einen „Nonnenfurz“ kann man kaufen um sich daran zu berauschen. Letzteres ist ein hochprozentiger Likör, der nach Katherina von Bora, Luthers Ehefrau, benannt wurde.

Echte amerikanische Lutherverehrer brauchen das nicht. Ihnen genügt ein kräftiger Schluck Leitungswasser, schon sind sie beflügelt von ihrem „Lutherrausch“ und schwingen sich in die Höhen des „Lutherhimmels“. Wie bizarr das enden kann, habe ich vor nicht allzu langer Zeit zweimal hintereinander erlebt: Bei einem Besuch einer U.S. amerikanischen Gruppe auf der Wartburg, kamen wir auch zur Lutherstube. Plötzlich sprang eine ältere Dame aus der Reihe und drückte mir ihren Fotoapparat in die Hand, bevor sie in das Bett von Martin Luther hüpfte: “Please, please, quick, quick, make a photo of me in Luthers Bed“, rief sie mir zu. Alles ging so schnell, ich hatte kaum Zeit mich zu wundern, warum diese liebestolle Frau so schnell in das Bett von Martin Luther gehüpft war? Und so drückte ich instinktiv auf den Knopf der etwas veralteten amerikanischen Kodak-Kamera und tat wie gewünscht. Gerne hätte ich gesehen, wie gelungen das Foto wirklich geworden ist? Aber nachdem ich der Dame ihren Fotoapparat zurückgegeben hatte, habe ich nie mehr etwas von ihr gehört.

Das Herz einer Lutherrose als Nagellack?

  

Bis dahin habe ich immer gedacht, dass der Kult um den Reformator, mit diesem seltsamen Akt, die absolute Spitze erreicht hatte und somit endgültig (zumindest für mich) ausgereizt war. Doch es kam noch doller: Ein Jahr später war ich wieder mit einer U.S. amerikanischen Reisegruppe unterwegs. Ebenfalls Lutheraner. Bei Ankunft in Berlin Tegel ertappte ich mich dabei, einer behäbigen älteren Dame mit Gehstock, auf die frisch lackierten Zehennägel zu schauen, die vorne aus ihren Flipflops herausragten. Ich schaute und schaute und konnte meinen Blick nicht von den Füßen der Dame abwenden. Was mag die wohl gedacht haben, so kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland? Da empfängt sie ein Reiseleiter auf dem Flughafen von Berlin und statt sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, schaut er ständig auf ihre nackten Füße. Nun das hatte seinen besonderen Grund. Die Dame hatte vorne auf ihren beiden großen Zehennägeln sage und schreibe je eine Lutherrose lackiert. Ich nahm mein Handy und fotografierte sogleich was ich sah, denn erst dann wollte ich es glauben.

Wie hätte wohl Luther selbst reagiert darauf, fragte ich mich? Stets hat er sich lustig gemacht über Reliquien und wäre er jetzt hier gewesen, dann hätte er sich sicherlich genauso wie ich den Bauch gehalten vor Lachen und wahrscheinlich sogar einen kräftigen Witz gerissen.

God bless America!