Ich war siebzehn Jahre alt, als mein Frauenarzt mir sagte, dass ich nie Kinder haben werde. Verwachsene Eierstöcke und Gedöns. Mit 20 erneut dieselbe Diagnose, ein paar Jahre später wieder das gleiche Bild auf dem Ultraschall. Klar habe ich mir also nie einen Kopf um Verhütung gemacht, Pille und Kondome waren für andere. Auch nicht, als der erste meiner drei Ehemänner in mein Leben trat. Wir waren beide jung. Zu jung. Blitzhochzeit, Flitterwochen auf den Kanaren und danach ein flaues Gefühl im Magen. Wochen später der erstaunte Blick meiner Gynäkologin. „Sie sind schwanger. Ich habe auch keine Ahnung, wieso und warum.“ Die Sache mit den Bienchen und Blümchen wollte ich ihr nicht erklären.

Hätte sie mir damals doch nur ein paar Tipps für den Umgang mit dem Neuzugang an die Hand gegeben. So wie man im Autohaus ja auch eine dicke Beschreibung bekommt, welcher Knopf wofür ist. Aber ich verließ die Praxis in Trance und ausgestattet mit dem hellblauen Mutterpass, Werbeprospekten von Windelfabriken und Milchpulverküchen. Ich wurde rund. Quoll auf. Legte zwanzig Kilo zu und verlor bei einer Messeveranstaltung einen Absatz – an meinen Hochzeitsschuhen, bezahlt wie Tradition bei uns mit damals noch Pfennigstücken(!), gesammelt in einer Zwei-Liter-Cognacflasche, seit ich ein kleines Mädchen war. Mein Elefantengewicht war zu viel für den Schuh aus dem Designerladen.

An jenem Tag lag der errechnete Geburtstermin noch drei Wochen im Voraus. Die Heimreise im Zug trat ich barfuß an. Ging weiterhin in die damals neu gegründete Werbeagentur und pennte in der Mittagspause unter meinem Schreibtisch. Kundentermine standen an. Geld musste herangeschafft werden. Blöd, dass ich in der Nacht zum 3. September 1998 aufgewacht bin. Rückenschmerzen vom Feinsten. Gedacht habe ich mir nichts dabei, sondern habe um fünf Uhr morgens, weichgekocht von amerikanischen Moderatoren in einem Homeshoppingsender, die feilgebotenen Geldbeutel so toll gefunden, dass ich mir einen gekauft habe. Aus Frust, aus Schmerz. Aus Langeweile.

Der Geldbeutel wurde vier Tage später geliefert. Meine Tochter schon wenige Stunden später. Die Geburt – der absolute Horror. Die philippinische Hebamme mit schwäbischem Dialekt verbot mir jegliches Schmerzmittel. Ich sei ja noch jung. Der Erzeuger– aus guten Gründen ein Ex! – wehrte sich vehement gegen einen von der Ärztin angeratenen Dammschnitt. Als ob er dieses Menschlein hätte rauswuchten müssen. Pah. Ich weiß noch, dass ich im Kreißsaal brüllte, dann solle er doch mal eine Melone rektal ans Licht bringen. Dann biss ich der Krankenschwester in den Daumen. Dafür entschuldige ich mich an dieser Stelle aufrichtig.

Irgendwann war sie da. Meine bezaubernde Tochter. Über zwanzig Jahre ist das her. Das völlig abgegriffene Portemonnaie besitze ich aus nostalgischen Gründen noch immer. Mein Kind sowieso, dem noch zwei Brüder gefolgt sind. Und mit jedem ersten Schrei ein Packen an lebenslanger Verantwortung. Klar, im ersten Schwall der Hormone freut man sich nur über das zerknautschte Etwas und den auf einen Schlag viel leichteren Bauch. Aber dann geht es los. Und man hat nicht den blassesten Schimmer, welcher Knopf an diesem Kind wofür ist. Die Basics schafft man sich selbst drauf. Windeln wechseln, Milch einfüllen, brüllendes Kind bis zur eigenen Erschöpfung nächtelang durch die Wohnung tragen. Das ist genau so simpel, wie geradeaus fahren, den Blinker setzen oder Tanken.

Aber anders als in der Fahrschule, in der man von einem gelangweilten Fahrlehrer erklärt bekommt, welche Rechte man als Autofahrer hat (der größere Wagen gewinnt) und welche Pflichten. Das ordnungsgemäße Zahlen der KfZ-Steuer zum Beispiel. Mein Monsieur ist noch immer fassungslos, dass Deutschland Geld pro Karre kassiert. Im Nachbarland undenkbar. Da würden sofort gelbe, lila und grüne Westen auf die Autobahn gehen. Der Franzose übernimmt Verantwortung für seine Nation.

Verantwortung für unsere Kinder freilich hat auch mein Mann. Wir übernehmen sie gerne. Auch wenn ich vor 20 Jahren noch nicht ahnte, dass man diese Gedanken nie, nie, niemals los wird. Selbst wenn das Baby mittlerweile eine junge Frau ist. Studiert. Und längst den Führerschein in der Tasche hat.

Verantwortung haben ist okay. Diese abzugeben – tut weh. Das erste Mal nach der Geburt mit meinem (Ex!-) Mann ausgehen, das Baby dem Sitter überlassen… der blanke Horror. Den Abend genießen konnte ich nicht. Nach der Vorspeise im noblen Lokal raste ich nach Hause. Lebte das Kind noch? Brannte die Wohnung? Ich platzte ins Wohnzimmer. Die Babysitterin zappte sich durch bekloppte Talkshows. Meine Prinzessin lag selig schlummernd im Bettchen.

Der erste Kindergartentag. Der Sprössling in der Obhut dafür ausgebildeter Erzieherinnen. Die Tür geht zu. Der Zwerg wackelt fröhlich an der Hand der Kindergärtnerin ins Spielzimmer. Ich Muttertier heulte auf dem Parkplatz. Einschulung – keinen Deut besser. Stolzer Minimensch mit übergroßer Schultüte neben Mutter mit vollgerotztem Taschentuch. Kein schmeichelndes Foto von mir, das wir da in der Familienchronik haben. Und das ganze Desaster drei Mal.

Damals dachte ich, dass es nicht schlimmer kommen könnte. Doch dann kamen Klassenfahrten. Die ersten Übernachtungen bei Freundinnen. Der Führerschein. Ich habe Rotz und Wasser geheult, als mein kleines Mädchen allein mit dem Auto vom Hof fuhr. Habe bestimmt eine halbe Stunde lang die leere Straße angeschaut, als die Bremslichter hinter der Kurve verschwunden waren. Sie ist erwachsen. Verantwortlich für ihr eigenes Leben. Die Nabelschnur ist längst gekappt. Aus ihrer Sicht. Bei mir fühlt es sich an wie ein unsichtbares Gummiband.

Das ist gut so. Ich genieße die ‚verantwortungslosen‘ Momente, das gemeinsame Shoppen. Bummeln gehen. Auf Augenhöhe. Trotzdem werde ich in unserer Beziehung und in der zu meinen Söhnen immer das Muttertier sein. So wie es meine Mutter für mich war.

Für sie musste ich in den letzten Monaten und Tagen ihres Lebens Verantwortung übernehmen. Schalten wir die Beatmungsgeräte ab? Schafft sie es noch einmal raus aus der Intensivstation? Entscheidungen, die zu treffen ich niemandem wünsche. Meine Mutter hat mir am Ende des Lebens die Verantwortung abgenommen. Sie starb zu Hause, ganz friedlich. Wir hatten einen liebevollen Abschied.

Vielleicht ist das der Schlüssel, um mit Verantwortung umzugehen: das schwere Wort ersetzen durch Liebe. Nicht mehr, nicht weniger. Liebe für unsere Mitmenschen. Für unseren Beruf. Für die Welt, in der wir leben. Naja. Man muss nicht alles lieben. Zum Glück habe ich keine Verantwortung für Hebammen vom alten Schlag oder meine Exmänner.

Wenn Ihnen das mit der Verantwortung mal zu viel wird, hilft vielleicht ein Daumen. Sie müssen nicht reinbeißen. Lutschen reicht. Denken Sie dabei an strunzdoofe Fernsehsendungen und seien Sie froh, dass Sie nicht verantwortlich für deren unterirdischen Inhalte sind.

Herzlich
Ihre Silke Porath

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