Ich kam vom Dokkumer Markt, hatte Fisch geholt, nahm den Korb vom Fahrrad und stellte ihn ab. Der Händler hatte ihn geruchsdicht in Wachspapier gepackt, obendrauf lagen Kräuter für die Sauce. Mit Vorfreude auf eine gebratene Scholle hatte ich unterwegs laut gesungen und Wilhelmina Pepermunts gelutscht. Das waren die besten. Es war Samstag und wir hatten schon zwei Tage im Häuschen und an der See verbracht, waren ausgelassen und zu dritt so glücklich, dass es mir fast schon zu viel erschien. Dieses Wochenende sollte doch das Beste werden. Ich hatte es verdient. Einmal im Leben überraschte uns Mutter mit einer großartigen Idee, wenn auch ausgelöst durch ihren Neuen, dem Karl. Der nicht übel war. Uns sein Häuschen für die paar Tage zu überlassen. Besser konnte er sich jedenfalls bei mir nicht einschmeicheln.

Der Dokkumer Markt gefiel mir und ich hatte mich deshalb fürs Einkaufen zuständig erklärt. Allein schon mit dem Hintergedanken, dass strammes Radeln an meinen Pfunden zehren würde. Das Zusammensein mit Konstantin hatte auch schon gezehrt. Ich war auf dem besten Wege, grazil und elegant wie Astrid zu werden. Mich zumindest dem anzunähern.

Das Fenster war angelehnt, dahinter hörte ich Konstantin und Astrid. Ich drückte mich gegen die Backsteinwand. Wäre ich bloß nicht so neugierig gewesen, wäre, wäre. Ich war neugierig, dachte, die beiden würden eine Überraschung für unseren Abendausflug planen. Ihre Worte nahm ich nur unzusammenhängend wahr. Mein Gehirn streikte. Dann roch ich. Ich hatte Konstantins Schweiß in der Nase, den kannte ich gut und ich roch Astrid. Wieso? Besonders warm war es heute nicht und durch die massiven Backsteinwände war es im Haus ständig kühl.

Ich wollte mich bemerkbar machen, gegen die Scheibe klopfen und rufen, bin wieder da! Ich machte gerade den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Was sagte Konstantin da zu meiner Schwester? Was? Ich musste mich verhört haben. In meinen Ohren war ein dünnes Piepen und fieses Rauschen.

Mir war, als würde ich in die Erde gezogen. Als würde ich einbetoniert. Ich konnte mich nicht rühren. Ich glaubte es nicht.

Wie sie sich ansahen … Astrid hockte auf dem einzigen Tisch im Haus. Konstantin stand so nah vor ihr und betrachtete sie. Als hätte er viel Zeit. Als würde ich erst in einer oder zwei Stunden zurückkommen. Oder überhaupt nicht. Oder als wäre es ihm egal, ob ich schon zurück war. Hatten sie nicht das Quietschen der Radbremsen gehört?

Ich trug das Kleid, das er mir geschenkt hatte. Es schien mir Jahre her. Konstantin nahm Astrids Gesicht in die Hände. „Ich liebe dich. Anders als Lila und sehr viel mehr.“ Mitten in der folgenden zärtlichen Umarmung, mitten in ihrem verdammt innigen Kuss konnte ich mich wieder bewegen. Ich stieß das Fenster auf. „Scholle ist da!“

Sie lösten sich wie in Zeitlupe voneinander, drehten sich zu mir, und strahlten einen Augenblick lang Sonne, Mond und Sterne. Ich blickte auf das Bild mit den Möwen, damit ich meine Schwester nicht ansehen musste. Konstantin kam träge wie ein sattes Raubtier zum Fenster, öffnete den zweiten Flügel, beugte sich vor, und sagte: „Na, du scharfes Pfefferminz? So schnell bist du zurück?“ Ahnte er, dass ich gehört und gesehen hatte?

Ich schluckte Wut, Angst, ihn zu verlieren, und Astrid saß noch auf dem Tisch mit entrücktem Gesichtsausdruck und einer Haltung, als würde sie auf Reaktionen meinerseits pfeifen.

Meine Gedanken keiften wie ein Schwarm bösartiger Möwen. Ich nahm den Korb vom Grasboden, und drückte ihn Konstantin in die Hand, schwang mich auf das Fensterbrett und sprang in den Raum mit den Sonnenlichtflecken an den Wänden. „Wer bereitet den Fisch zu?“, fragte ich und stellte meinen Einkauf in der Küche mit den handgemalten Fliesen ab. „Ich mach‘s nicht, ich geh duschen.“

Ich ging die Treppe nach oben, und schob die beiden Dachluken bis zum Anschlag auf. Auf das Bett, das ich mit Konstantin teilte, blickte ich nicht. Ich wollte auch nicht in das Zimmer meiner Schwester gucken. Ich wollte nichts wissen. Und wusste zu viel.


Die Scholle aßen wir gemeinsam. Konstantin hatte sie zubereitet, und den Salat dazu. Das ich etwas essen konnte!

„Es tut mir leid“, begann er. Ich dachte, dies würde der Versuch einer Entschuldigung. Astrid lächelte noch immer entrückt.

„Was tut dir leid?“ Ich lächelte verächtlich. „Dass der Fisch alle ist?“

„Ich fahre zurück.“

Ich achtete nur auf den Klang seiner Stimme. Auf Zwischentöne. Wartete auf jedes weitere Wort, das ihn damit noch bei mir ließ. Astrid entließ ihn mit einer vagen Handbewegung und einem Blick, der durch ihn hindurchging. Sie hatte so ein angedeutetes Grinsen drauf, in das ich hätte reinschlagen können.

„Na denn. Wir sehen uns zu Hause wieder.“ Sagte Astrid.

„Was soll das jetzt?“, fragte ich. „Fährst doch wohl nicht mit Astrids VW zurück?“

„Ich nehme den Bus und fahre mit dem Zug weiter. Kein Problem.“

Ich hörte, wie er oben den Schrank öffnete. Geschultert mit der Reisetasche kam er nach unten und ich betrachtete ihn schon wie ein Bild aus der Vergangenheit. Der Schmerz würde noch kommen, aber jetzt hieß es Haltung bewahren. Ich war nicht die, die heulte und flehte. Ich ging zu ihm und umarmte ihn, wollte seinen Geruch noch einmal in mich aufnehmen. Ich spürte, wie sein Körper sich versteifte und schon entzog er sich meiner Nähe.

Ich stand peinlich erstarrt.

Konstantin ging mit einem Lächeln, das wie ein Messer schnitt, scharfkantig und spitz. Er war schon auf dem Weg in Richtung Bushaltestelle, drehte sich um und winkte kurz. Ich glaubte das alles immer noch nicht.

Ich lehnte mich gegen die Hauswand, sie musste mir Halt geben. Stand im Schatten, zwei Eichen schützten mich.

Astrid tänzelte über die Straße.

Später trödelte sie durch die Räume, summte ein albernes Lied, das gerade in Mode war. Verdammt. Ich war jung und schön, mit nur noch vier Kilo Übergewicht. Meine Pfunde liebte Konstantin. Hatte er jedenfalls gesagt. Ich guckte hinter Astrid her und kam mir nach langen Wochen wieder fett vor. Fett. Fett wie Butter oder Öl.

Am frühen Sonntagmorgen packte ich meine Sachen. Zurück fahren wollten wir einen Tag später. Astrid hatte dafür Urlaub genommen. Sollte sie haben. Auch ich glaubte, so könnte alles in der Schwebe bleiben, sich ändern, Konstantin käme zurück. Und? Weiter reichte meine Fantasie nicht. Weiter wollte sie nicht reichen, alle Gedanken darüber hinaus schmerzten höllisch. Ich wartete darauf, dass Astrid sagen würde, es war nur Spaß, ein kleiner Flirt, reg dich nicht auf.

Sie sagte nichts.

„Wir radeln nach Dokkum“, drängte ich. Astrid verschwand im Bad. Ich hörte Kotzgeräusche. Eine böse Ahnung erfasste mich. Blass kam sie wieder heraus. Ich dosierte Mitgefühl in meine Stimme. „Die Schollen waren frisch! Geht’s wieder? Komm, wir fahren zur Aalräucherei, machen im Café am Kanal Rast und danach geht’s gemütlich am Wasser zurück …“

„Hin- und zurück? Das ist mir zu anstrengend“, sagte Astrid.

Die Frage passte mir außerordentlich gut. Ich schloss Haus samt Hintertür ab und steckte den Schlüssel ein. Sah, wie Astrid ansetzte, um etwas zu sagen. Ich schaute weg.

„Ich glaube, ich bin schwanger.“

„Von wem?“

Meine Schwester Astrid. Schau an. Konstantin? Ich frag nicht, ich will nicht fragen, ich will das nicht wissen …

„Willst du abtreiben?“ Ich zeigte mich sachlich und kühl. „Kannst du in Groningen machen lassen.“

„Ich weiß es noch nicht genau.“

„Meine Frage war auch nur, falls …“ Meine Schwester und Konstantin. Ich hatte zu viel erwartet. Ich sah von der Seite, wie Astrid zum Sprechen ansetzte. Es kam nichts. Sie konnte mir nichts sagen. In dem Schweigen brüllte mein Schmerz. Hörte sie das nicht? Trotzdem wünschte ich, dass sie mir meine Empörung nicht ansah. Die Erbitterung, der Zorn. Meine Verwundung.

„Abtreiben?“, fragte sie endlich. „Ich sagte doch, dass …“

„Wie lange geht das schon?“, fragte ich bissig.

„Wie lange, wie lange“, äffte mich Astrid nach. „Sieh es doch ein, Konstantin ist kein Mann für dich. Dem bist du nicht gewachsen.“

„Was du alles weißt.“

Sie strich mit den Händen über ihren Bauch. Am liebsten hätte ich da hinein getreten.

Ein Kind von Konstantin? Meine Selbstgespräche wurden böse. Sehr.

Astrids Haar wehte.

„Du wartest hier, weil du ja die Strecke mit dem Rad nicht so ganz schaffst.“ Ich troff vor Ironie. „Ich fahre den Wagen so bis zur Mitte der Strecke und stelle ihn da ab. Mein Rad lege ich in den Kofferraum und komme schnell zurück. Und bis dahin geht’s dir dann besser.“

Sie nickte. „Tschau tschau, bis gleich!“


Wir kamen an der Windmühle vorbei, am Wasser, den Hausbooten, schoben unsere Räder durch die schönen alten Straßen, und kamen zu dem berühmten Bonifatiusbrunnen. Der Legende nach wurde dieser vom heiligen Bonifatius entdeckt, gesegnet und soll eine heilende Wirkung haben.

„Fass mal rein und wünsch dir deine Unstimmigkeiten weg. Und deine verirrten Gefühle“, sagte ich.

„Du guckst so komisch“, stellte Astrid fest und ging von Brunnenrand. „Machst du auf Drama? Lila, lass es. Es steht dir nicht.“

Kinder turnten herum. Lachten und kreischten.

„Liebst du ihn?“

„Das Wort ist zu groß. Ich bin ein bisschen verliebt.“

Der Himmel war blauviolett wie Lackmuspapier. Ich stieg aufs Rad. „Kommst du?“ Astrid kam. Sie sah unbefangen aus. Wir radelten über Brücken stadtauswärts, kamen an Wiesen mit braun gefleckten Kühen vorbei. Linkerhand begleiteten uns der Kanal und unzählige Wasserpflanzen. Ich hätte es genießen sollen, weites Land, weiter Himmel.

Wind kam auf. Eine Böe zerrte an den Rädern. An uns. Mantelmöwen trippelten. In mir gärten Fragen, ich schluckte sie herunter. Ich lächelte, lächelte meine Schwester an, wenn sie sich zu mir umschaute, ich lächelte, bis ich einen Krampf bekam. Zu gern hätte ich gewusst, welches Bett er sich wo mit Astrid teilte. „Pause!“, rief ich in Astrids Rücken. „Ist das nicht eine tolle Stelle? Ganz in der Nähe steht dein Auto.“

„Wieso hier? Die ganze Strecke ist schön, aber gut … Alles zurückradeln will ich nicht.“

Vor uns lag die Böschung, die steil nach unten zum Wasser führte. Dichtes Schilf, Wasserpflanzen, Lilien und Büsche. Oben legten wir die Räder hin. Würde schon keiner klauen. Ich rutschte zum Kanal hinunter, blieb hängen, schob Zweige beiseite, zog die Schuhe aus, krempelte die Jeans hoch und steckte die Füße ins Wasser. „Komm runter. Ist nicht kalt!“

„Lieber nicht. Ich hab‘s nicht so damit. Das ist bestimmt schlammig da unten.“

„Komm schon, alleine macht’s keinen Spaß.“ Ich wartete. Sie stand da oben. Ich kletterte den Hang hinauf. „Ab morgen haben wir keinen Fluss, keinen Kanal mehr, nur noch Stadt.“

„Ich will nicht.“

Ich packte Astrid. Begannen zu rangeln, wie wir es als Kinder getan hatten. „Lass mich los!“ Ich ließ aber nicht. Da biss sie mich in die Hand. Im jähen Schmerz nahm ich sie, zog sie den Hang hinunter, wir rutschten aus und landeten im Wasser. Sackten bis zur Brust in Morast, Pflanzen legten sich wie Tentakel um meine Beine. Ich strampelte, kam frei, packte Astrid an der Schulter und drückte sie unter Wasser. Sie strampelte wie besessen, ich ließ sie hochkommen, sie spuckte, gurgelte, ich drückte sie noch einmal tief ins Wasser. Ich hatte Kraft. Zu irgendetwas musste mein Gewicht ja gut sein. Dann ließ ich los. Ich sah mich nicht um, verstand nicht, was sie rief, ich raste, Dornen ritzten in Beine und Arme, auf allen Vieren krabbelte ich zu dem Weg, zu der Stelle, wo unsere Räder lagen.

Autos fuhren vorbei. Ein Bus, der die umliegenden Dörfer anfuhr.

Schilf raschelte. Kiebitze klagten kiju-vit.

Ich drehte mich auch jetzt nicht um. Ich fuhr zu der Stelle, an der ich das Auto geparkt hatte. Es war nur ein kurzes Stück. Es war nicht nötig, dass mich jemand mit dem zweiten Rad sah. Ich hatte Glück. Wenigstens jetzt.

Wolken schoben sich zusammen und hingen so tief über den Wiesen, dass ich sie hätte berühren können. Sie hingen so tief, als wollten sie Astrid holen und zurückbringen.


Sie kam nicht. Ich wartete. Radelte nach Stunden zurück bis zu jener Stelle, wo wir gewesen waren. Alles sah so gleich aus, Wiesen, Kühe, Wassergewächse, der Kanal. Und nirgends Astrid. Ich überlegte. Geld hatte sie bestimmt in ihrem Rucksack. Nur keinen Schlüssel fürs Ferienhaus – den hatte ich eingesteckt. Und kein Fahrrad. Kein Auto. Sie sollte angekrochen kommen und sich erklären, ich hatte mir großes Kino ausgedacht.

Nichts war.

Ich fand meine Schwester nicht. Der Weg bis zum Haus war ziemlich übersichtlich, ich fuhr ihn zwei, wahrscheinlich sogar dreimal mit dem VW Bulli ab. Noch in der Nacht suchte ich.

Der Spaß war vorbei. Der Zorn, der aufflammende Hass, beides nur noch ein Feuerchen. Ich wurde müde, war erschöpft und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich glaube, nur deshalb weinte ich. So verwartete ich die Stunden und schlief gegen Morgen ein.

Montag. Ich musste zurück. Nirgends gab es ein Telefon. War Astrid per Anhalter zurückgefahren und längst in ihrer Wohnung? Eins von beiden. Ich nahm meine und ihre Sachen und setzte mich in den VW.

In ihrer Wohnung war sie nicht. Nahm ich jedenfalls an, ich klingelte und klingelte. Fuhr zu Mutter und gab Karl mit Dank den Schlüssel zurück. Fragte, ob sich Astrid gemeldet habe. Hatte sie nicht. Meine Mutter blickte mich prüfend an und nahm mich zur Seite. „Wo ist denn Konstantin?“

Ich hatte nicht die Kraft, eine gute Lüge aufzubauen. So erzählte ich, was ich zwischen den beiden gehört und gesehen hatte. Von der möglichen Schwangerschaft sagte ich nichts. Das war Sache meiner Schwester. Und was sich am Kanal zugetragen hatte, erzählte ich auch nicht. Und dann log ich doch, es kam aus mir heraus, wie lange vorbereitet.

„Wir waren in Dokkum und auf dem Weg zurück. Astrid ging es nicht besonders. Ich wollte noch am Kanal bleiben, aber Astrid radelte schon vor. Als ich mit dem Bulli hinterher kam, dachte ich, sie läge schon im Bett. Lag sie aber nicht. Ich wartete, setzte mich wieder in den Wagen und fuhr einige Male die Strecke ab, keine Astrid. War nur seltsam, dass ihr Fahrrad neben der Hintertür stand. Also muss sie doch dagewesen sein.“

Meine Mutter schien den Boden unter den Füßen zu verlieren, sie schwankte, hielt sich an einer Stuhllehne fest, aus ihrer Hand fiel eine Tasse mit Kaffee, sie starrte auf die Scherben, die Pfütze, starrte mit erfrorener Miene, bis sie weinen konnte. „Was ist wirklich passiert?“ Ich wiederholte, ich verhaspelte mich.

„Astrid kann sich verirrt haben, sie kennt die Gegend doch überhaupt nicht. Es kann sie einer mitgenommen und sie nicht am Ferienhaus abgeliefert haben. Hatte ich nicht vorher gesagt, Leute wie dieser Bartsch, nein, ich darf es mir nicht vorstellen … Ich fahre sofort mit Karl dahin und du bleibst hier, falls sie kommt. Du wolltest Astrid strafen, mein Gott, was hast du gemacht?“

„Astrid übt Drama, nichts anderes.“

„Elisabeth, du wirst noch lernen, dass Liebe schmerzhaft sein kann. Vorbeigeht. Immer. Und was du auch anstellst, keine Tränen, kein Schmerz bringen dir einen Geliebten zurück, wenn er nicht mehr will.“

Sie fuhren und ließen mich zurück.

Als die beiden auf dem Weg gen Dokkum waren, rief ich aus Mutters Wohnung Konstantin an. Er ließ mich nicht weiter zu Worte kommen. „Lila, hör zu. Lass uns einander wieder so begegnen, wie es vor unserer Beziehung war. Ich habe mich in Astrid verliebt. Ich bin ab Ende der Woche schon in Münster. Wenn wir uns über den Weg laufen, trinken wir einen Kaffee zusammen, aber …“

Hastig warf ich noch ein: „Deine Adresse, bitte, wegen Astrid.“

Er gab sie mir durch. „Die kommt schon wieder!“ Er legte auf.

Wenigstens wusste ich, wo er wohnen würde. Und meine Mutter würde wissen, dass ich mich gekümmert hatte.

Karl und Mutter kamen zurück, waren verstört, enttäuscht und sagten mir: „Ihr hättet aber wenigstens im Haus aufräumen können. Nein, von Astrid keine Spur.“

Gleich darauf rief Mutter Konstantin an. Er glaubte nicht, dass sie entführt worden sei. „Eine Rache der Frauen …“

Ganz falsch lag er nicht.

Am dritten Tag gaben Mutter und Karl eine Vermisstenanzeige auf. Sie wurde angenommen, aber es wurde uns auch mitgeteilt, dass Astrid eine erwachsene Frau sei, die kommen und gehen konnte, wie sie wollte. Und so mancher hatte sich nach heftigen Auseinandersetzungen abgesetzt. „Es gibt Fälle, da tauchen Vermisste selbst nach Jahren wieder auf.“

Es wurde gesucht. Wir drängten. Riefen immer wieder den zuständigen Ermittler an. Im tiefen Innern konnte ich mir nicht vorstellen, dass ihr Schlimmes passiert sein sollte. Und ich glaubte auch nicht ihren Hinweis auf die Schwangerschaft. „Möglich“ hatte sie gesagt, mir schien es eher ein Hinweis darauf zu sein, mich besonders eifersüchtig zu machen. Ich nahm mir vor, Konstantin zu fragen. Wir mussten im Kommissariat unsere Aussagen machen. Und ich, die Astrid als letzte gesehen hatte, wurde wieder und wieder befragt. Ich sagte mehr oder weniger das Gleiche über den Ausflug, unser kurzes Bad im Kanal, berichtete über ein Gespräch wegen Konstantin, behauptete, dass Astrid etwas später nachkommen wollte, weil sie allein sein wollte. „Sie hatte ja das Rad und sie muss zurückgekommen sein, es stand ja hinter dem Ferienhaus.“ Dass ich es mitgenommen hatte, behielt ich auch an dieser Stelle für mich. Die deutsche Polizei arbeitete mit der Gemeentepolitie zusammen und letztere forderte mich an. Ich musste kommen. Ich sollte ihnen die genaue Stelle zeigen, an der Astrid und ich zu zuletzt gewesen waren. Und noch immer sahen der schnurgerade Weg, der Kanal und die Pflanzen an der Böschung sich ähnlich. Manchmal zeigte ich aus Verlegenheit auf eine Stelle. Dann wurde gesucht, aber es waren schon einige Tage her, es fand sich kein niedergetretenes Gras. Ganz zuletzt – ich musste auf dem Weg bleiben, fanden die Niederländer eine halbe Rolle Wilhelmina Pepermunt und ich rief erleichtert, regelrecht begeistert: „Das sind meine!“ So hat Pfefferminz mich davor bewahrt, in eine Ermittlungsmaschinerie zu geraten. Ich konnte nach Hause. Die weitere Suche war ohne Erfolg. Meiner Mutter wurde gesagt, dass es keinen Hinweis auf ein Verbrechen gab.

Heute würde man durch moderne Computermethoden eine Vermisste eher finden. Ich habe gehört, dass man zum Beispiel ein Foto von Astrid mit alten Bildern meiner Mutter digital verschmelzen lassen kann, um damit so ein aktuelles Aussehen annähernd erreichen zu können. Aber das alles gab es 1968 noch nicht.

Mutter litt. Jedes Mal, wenn wir uns sahen, fragte sie mich. Ich wollte nichts mehr davon wissen, diesen Streit vergessen, ich wollte Konstantin vergessen und wegen der Schwangerschaft hatte ich ihn dann nicht mehr gefragt. Zwei, dreimal hatte ich versucht, ihn zu erreichen. Bei jeder jungen Frau, die schmal war, ihr Haar offen trug, durchzuckte es mich. Dann eilte ich hinterher, versuchte, ihr Gesicht zu sehen. Nie war sie es.

Keiner von uns hat Astrid je wiedergesehen. Es war Sommer. Er hatte unbeschwert und leuchtend begonnen. Es hätte ein Sommer werden können, an dem ich mich später mit Wehmut erinnern würde.

Bücher der Autorin:

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Monika Detering

Monika Detering wollte Schiffsjunge oder Malerin werden. Sie wurde Puppenkünstlerin und arbeitete u. a. in New York, Washington und Philadelphia sowie auf den Ostfriesischen Inseln. Heute schreibt und veröffentlicht sie Romane wie zum Beispiel Der Sommer des Raben (2017), Ich bin Hermann (2017) und Krimis, zuletzt Macht, Gier und Haie (2017), Bittere Liebe an der Ruhr, zusammen mit Horst-Dieter Radke (2017).
Sie lebt mit ihrem Mann in Bielefeld, Westfalen, BRD, hat drei erwachsene Töchter und liebt ihre große bunte Familie sehr.
Monika Detering

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