Sie saß in dieser Kneipe, an diesem Tisch, und rückte ihn gerade. Auf der Tischplatte waren Schnitte und Kerben, verwiesen auf Namen, die sie nicht kannte.

Ein Blick durch die staubigen Scheiben: Ein Huhn flatterte gackernd über die Straße. Die Dächer der Häuser schienen sich zu berühren, sie standen hoch und eng nebeneinander. Auf den geborstenen Stufen eines Hauseingangs schlief eine getigerte Katze. Die Häuser verwiesen über Stuck und Vorsprüngen auf ihre verwitterten Inschriften. Darunter befanden sich Läden mit An- und Verkauf, Schmuck und Secondhand. Passanten gingen, schlenderten, eilten nebeneinander, miteinander, voreinander, jenachdem.

Mit geschlossenen Augen trank sie eine Margarita. Köstlich. Den ersten kleinen Schluck behielt sie eine Sekunde lang im Mund, bis Orangenlikör, Tequila und der Saft von Limetten eine fantastische Geschmacksexplosion verursachten. Sie leckte die Lippen ab und schmeckte das Salz. Dieser Cocktail versetzte sie in die Vergangenheit und ließ dennoch die Gegenwart gelten. „Noch einmal dasselbe!“ So wollte sie den Nachmittag verwarten, und das, was sie wollte, sich wünschen. Mal sehen.

Sie wollte sich endlich jeglichen Einflusses entziehen. Allein der Gedanke verhieß ein Stück Freiheit. Aus angenehmer Langeweile heraus spiegelte sie sich in dem großen Bild mit der blauen Frau. Es hing an der gegenüberliegenden Wand. Sie schob ihr braungoldenes Haar hinter das Ohr, fingerte eine Zigarette aus der Schachtel, nur noch vier, zündete an und der Rauch verbrannte mit scharfem Stich die Bronchien.

Drei. Vier. Fünf Uhr. Sie verfügte über die Stunden, und die Zeit über sie. Gedanken sortierten Empfehlungen und Annahmen. Es war ein Spiel. Sie hatte oft gespielt.

Die leere Schachtel knüllte sie zusammen. Fliegen bewachten die Pflanze auf der Fensterbank.

Jemand drehte an dem Regler der Musikanlage, Bässe wummerten und vibrierten bis in die Gehirne. Gemurmel hing wie eine Glocke über den Tischen. Kaffee, Bier und sonstiges. Eine Kellnerin mit Schwanenhals und breiten Füßen lief unentwegt. Warm war es geworden, zu warm. Im Dunst hingen die Gerüche der Gäste, hingen ihre Gedanken, Fragen und Antworten. Sie nahm alles in sich auf, blickte nach draußen, die Katze saß immer noch da, das Huhn war verschwunden. Es sollte ein letztes Mal sein, dass sie in diesem Raume saß.

Die schwere Eingangstür wurde immer wieder geöffnet, rein- und rausgehen, auch jetzt. Abgeregnete Luft warf einen Schwall Gerüche herein. Es duftete nach Regen und der süße Geruch des Weißdorns vermischte sich damit. Kleine Windstöße ließen die Gläser auf der Theke zittern.

Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Schon wurden in dem Bild mit der blauen Frau seine Umrisse sichtbar. Sie kannte seinen Gang. Schnell, leicht, federnd. Er blieb hinter ihr stehen. Sein Lächeln spiegelte sich im Glas. Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter, noch bevor sie sich darauf niederließ. Besitzergreifend.

Sie erinnerte sich kurz, sah ihn neben sich im Sand liegen. Es schien schon lange her und es schien, als wäre es jetzt. Als er ihren Nacken küßte, kam sie aus ihren Gedanken zurück. Ganz selbstverständlich schob er einen Stuhl nahe an ihren heran, setzte sich, öffnete die schwarze Mappe, die er immer bei sich trug. „Dein Manuskript … Interessant …“ Er dehnte seine Worte, sie sollten wohl Wichtigkeit unterstreichen.

Die ausgedruckten Seiten lagen auf dem Tisch. Mit seinen Worten hatten Sätze ihre Unschuld verloren. Er lächelte, bestellte einen Grappa. Noch einen. Schon dufteten sein Atem und seine Worte nach Himbeeren. Es folgten Satzkaskaden. Sie roch immer mehr Himbeeren, es wurden zu viele.

Aus der Küche hörte sie das eilige Klappern von Töpfen und Geschirr. Zweimal Pizza. Knoblauch, Basilikum und Thymian, Ahnung von südlichen Fischerdörfern. Sie aßen langsam, redeten, er machte Pläne für morgen und übermorgen, sie machte keine. Seine und ihre Worte reisten noch einmal von Griechenland nach Kuba, sie hatten weder Punkt noch Komma. Bunte Phantasien.

Cafe Wunderbar schloß wie immer um drei.

Es war kühl in dieser Nacht. Sie steckte ihre Hände in die Jackentasche. Auch er. Sie gingen bis zum Aufgang der Sonne durch die stille Stadt und schwiegen.

Als er sagte: „Dein Manuskript …“, klang das wie ein Knall.

„So wichtig ist es nun auch nicht. Da vorne ist der Bahnhof. Bis irgendwo unter einem blauen Himmel mit einem blauen Meer, mit weißen Häusern, mit Worten, die dann nur uns gehören.“

Sein Gesicht wurde eine einzige Frage.

„And it’s quite alright

And goodbye for now
Just look up to the stars
And believe who you are
‚Cause it’s quite alright
And so long, goodbye.“

Sie hob die Hand. Ein letztes Lächeln. Sie ging in den Morgen hinein.

Bücher der Autorin:

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Monika Detering

Monika Detering wollte Schiffsjunge oder Malerin werden. Sie wurde Puppenkünstlerin und arbeitete u. a. in New York, Washington und Philadelphia sowie auf den Ostfriesischen Inseln. Heute schreibt und veröffentlicht sie Romane wie zum Beispiel Der Sommer des Raben (2017), Ich bin Hermann (2017) und Krimis, zuletzt Macht, Gier und Haie (2017), Bittere Liebe an der Ruhr, zusammen mit Horst-Dieter Radke (2017).
Sie lebt mit ihrem Mann in Bielefeld, Westfalen, BRD, hat drei erwachsene Töchter und liebt ihre große bunte Familie sehr.
Monika Detering

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