Auf der Suche nach einer nachhaltigen Lebensweise im Einklang mit der Natur verschlug es die beiden Schweizer Btina und Santi in den Süden von Ecuador. DenkZeit hat sie über ihr neues Leben und ihr Projekt PermaTree interviewt.

Mit PermaTree riefen Btina und Santi mehr ins Leben, als eine nach nachhaltigen Maßstäben betriebene Farm. Mit ihrer Non-Profit-Organisation setzen sie sich nicht nur für einen ursprünglichen Umgang mit der Natur ein, sondern wollen den Menschen vor Ort dadurch auch neue Perspektiven aufzeigen und Mitstreiter aus aller Welt gewinnen. Im Interview mit DenkZeit haben wir sie über ihre Vision befragt, ihre Pläne, aber auch wie es ist, von der westlichen Gesellschaft der Schweiz in jene vollkommen anders geprägte Kultur Südamerikas zu wechseln.

Btina & Santi

DenkZeit: Der Name PemaTree ist zusammengesetzt aus den englischen Wörtern „permanent“ und „tree“. Was hat es mit dieser Wortschöpfung auf sich?

PermaTree: Ja, der Begriff „PermaTree“ kombiniert die Wörter „permanent“ und „Baum“ zu: permanenten Bäume. Bäume produzieren Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen. Bäume schaffen Lebensräume für eine vielfältige Tierwelt, was für unsere Umwelt wichtig ist. In vielen Kulturen ist der Baum das Symbol des Lebens. Ihre Wurzeln und Zweige zeigen, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen. Bäume unterstützen uns nicht nur mit Lebensmitteln, sie geben uns auch das, wonach wir eigentlich alle suchen, nämlich inneren Frieden.

DenkZeit: Erzählt einfach mal ein bisschen etwas über euer Projekt? Was gab den Ausschlag?

PermaTree: Unsere persönliche Veränderung kam um 2014 von verschiedenen Seiten. Wir haben erkannt, dass es mehr geben muss, als einen Bürojob zu haben, und sich im Alltag nur auf das Wochenende oder den Urlaub zu freuen. Es gab auch gesundheitliche Gründe. Btina hat eine Allergie auf industrielle Ernährung entwickelt. Wir konnten auch nicht mehr gemeinsam auswärts im Restaurant essen. Also zum Beispiel Fertigsaucen, Produkte die „verbessert“ wurden, damit sie länger haltbar werden, wie Fleisch, das mit Gas abgepackt wird, damit es nicht Blau anläuft, waren tabu.

Außerdem ist uns damals aufgefallen, dass viele Produkte, die wir täglich verwenden, gar nicht lokal sind – oder aus der Schweiz oder Europa kommen. Es gab zum Beispiel „BIO“ Pinienkerne, mit denen du dein eigenes Pesto machen wolltest, die kamen aus China … krass, oder? Wir besuchten auch Schweizer BIO-Bauernhöfe, und stellten viele doofe Fragen, wie zum Beispiel: Was bekommen den eigentlich BIO-Hühner für Futter? Die Antwort war dann auch ganz vielsagend, ich glaube es war 40% lokalen Mais und 60% Soja. Leider wusste der BIO-Bauer nicht genau woher das Soja kam. Höchstwahrscheinlich aus Südamerika, Brasilien, ehemaliges Amazonasgebiet, wo heute kein Urwald mehr steht, sondern Soja und Rindviecher „geerntet“ werden …

Für uns wurde klar wir müssen möglichst alles selber anbauen, oder die Herkunft auch von den Bestandteilen der Produkte kennen, die wir konsumieren. Ansonsten würden sich unsere gesundheitlichen Beschwerden nicht bessern. Das war unsere NR-1-Motivation.

Ein 4-Wochen-Urlaub in Costa Rica hat unsere Entscheidung dann bestätigt. Davor waren wir einmal in Mexiko, haben diesmal jedoch mit unserem eigenen Auto das Land vom Pazifik bis zur Karibikküste erkundet und waren begeistert. Wir kamen in die Schweiz zurück und stellten fest, wie sehr uns Lateinamerika bereichert hat und wir wollten mehr sehen.

Wir haben die Schweiz dann im August 2014 verlassen, und mit unserem jungen Hund Asterix angefangen Paraguay zu erkunden. Nach Paraguay fuhren wir nach Bolivien. Asterix wurde leider in den Bergen von Bolivien in Samaipata überfahren… Später bereisten wir dann noch Kolumbien. Und dann haben wir uns schließlich noch Ecuador angesehen, obwohl wir zuerst dachten es sei zu klein. Hier hat sich unseren Traum dann aber erfüllt! Im Mai 2016 haben wir im wundervollen Amazonasgebiet von Süd-Ecuador ein Grundstück gefunden. Verglichen mit Costa Rica und Kolumbien war es zu Anfang in Ecuador nicht so „sexy“. Aber es war auch wie eine kleine Zeitreise, das hat uns inspiriert.

DenkZeit: Und jetzt, wo ihr angekommen seid, was wollt ihr bewirken?

PermaTree: Wir wollen nicht die Welt retten, darum geht es gar nicht. Der Planet Erde braucht überhaupt keine Menschen. Nach dem Tag, an dem Menschen aussterben, wird der Planet Erde weiter existieren wie seit Millionen von Jahren. Wenn die Erde nur einen Tag alt wäre, dann haben die Dinosaurier den Planeten um 23 Uhr besiedelt und starben 20 Minuten vor Mitternacht aus! Und wir Menschen sind kaum 3 Sekunden hier. 23 Stunden 59 Minuten 57 Sekunden, also vor 200.000 Jahren erscheint der moderne Mensch!

DenkZeit: In eurer Selbstdarstellung beschreibt ihr euch als eine non-profit Bildungsorganisation. Auf den ersten Blick wirft das Fragen auf. Von außen betrachtet, könnte man meinen, PermaTree sei eine Gemeinschaft, die ökologische Landwirtschaft betreibt, und im Einklang mit der Natur leben möchte. Inwiefern seht ihr euch dabei als Bildungsorganisation?

PermaTree: Ja, unser Fokus liegt absolut nicht auf dem Geld verdienen an sich. Wir wollen ein einfaches Leben, einen alternativen, positiven und gesunden Lebensstil. Am besten mit den lokalen Ressourcen hier vor Ort. Es ist uns auch wichtig, dass die Region wachsen kann, dazu wollen wir positive Impulse geben. Natürlich haben wir eine andere Mentalität als die Menschen hier. In Lateinamerika kopiert man oft, was gut läuft. Zum Beispiel eine Bambus-Industrie oder der Anbau von Guayusa. Wir haben bei uns keine Glasfenster, sondern nur welche aus Bambus und Hölzern. Die bringen frische Luft ins Haus, und es sterben auch keine Vögel.

DenkZeit: Und der Bildungsaspekt?

PermaTree: Wieso Bildungsorganisation? Na ja, weil andere, lokal und international, sich von uns und dem, was wir hier umsetzen inspirieren lassen können. Oder auch von unseren Fehlern lernen sollen. Und wir gerne bereit sind Wissen weiter zu geben, idealerweise wollen wir uns auch neues Wissen aneignen, also eine Win-Win-Situation.

Unsere Hoffnung für die Zukunft ist, Gleichgesinnte in PermaTree oder in der Umgebung zu haben, um eine Art positiven Transitionnetzwerkseffekt zu starten. Aber es kann leider dauern, bis man dazu die „richtigen“ Leute findet, die dasselbe Ziel vor Augen haben. Es soll eine richtige Plattform entstehen. Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig bereichern. Wir möchten das sonst verlorene Know-how von Menschen am Leben halten, die wieder erlernten Fähigkeiten und Erfahrungen mit anderen Menschen teilen. Längst vergessene Rituale zum Leben erwecken.

DenkZeit: Ihr habt aber auch schon konkrete Pläne, was das Thema Bildung angeht.

PermaTree: Falls alles so läuft, wie es sollte, dann werden wir in ein paar Monaten einen kleinen Kindergarten auf der Farm starten. In dem es zum großen Unterschied zu den anderen Kitas keinen Zucker für die Kleinen geben wird. Und wir hoffen später auch eine Art Waldorfschule aufbauen zu können, aber zuerst kommt der Kindergarten.

DenkZeit: Euer Zuhause liegt im Süd-Osten von Ecuador, am Rande der Anden und der euadorianischen Amazonasregion. Die Farm ist im Grunde schon Teil der Anden und hat vom niedrigsten zum höchsten Punkt 300 Meter Unterschied. Die nächste große Stadt 100 Kilometer entfernt. Wie habt ihr diesen Ort gefunden?

PermaTree: Genau genommen liegt in PermaTree der niedrigster Punkt 800 Meter über dem Meeresspiegel und der höchster Punkt 1300 Meter über dem Meeresspiegel, also ganze 500 Meter Höhenunterschied! Das war einer der Gründe weshalb wir uns für dieses Grundstück entschieden haben. Wir wollten auch weg von der Küste, auch wegen der Atomkatastrophe in Fukushima. Täglich strömen Tonnen radioaktives kontaminiertes Wasser in den Pazifik. Die Strömungen bringt einiges davon auch nach Amerika. In Kanada ist 2012 nach dem Tsunami in Japan ein Harley Motorrad mit japanischem Kennzeichen am Strand von Graham Island in British Columbia aufgetaucht…

Wir haben damals quasi ganz Ecuador erkundet, die Küste, dann in der Nähe von Quito ein Bergdorf namens Mindo, dort hätten wir aber keine Früchtefarm aufbauen können, wegen des vielen Regens. Anfangs suchten wir eine Farm mit Primärwald, mussten jedoch rasch lernen, das nach dem 1960 ein Gesetz in Kraft trat, das Leuten das Landrecht erteilte, wenn sie die Bäume rodeten, es kaum noch Primärwald gab. Damals wurde abgeholzt wie die Weltmeister, damit die Leute legale Landrechte erhielten. Dahinter steckte die USA, die in dieser Zeit Angst hatten, dass sich auch in Ecuador im Dschungel Paramilitärs und Guerillagruppen verstecken könnten… Na ja, Ziel erreicht: An der Küste von Ecuador gibt noch ganze 3% Primärwald! Im Amazonas, dort wo es Straßen gibt, sieht es nicht viel besser aus. Nur wo keine Straßen sind, und wo man extremschwer hinkommt, gibts noch Primärwald. Also haben von dann an andere Suchkriterien gehabt, notwendigerweise.

DenkZeit: Kommen wir zu einem Thema, das mich persönlich immer interessiert: Essen. Ihr bewirtschaftet einen sogenannten „Food Forest“, was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept?

PermaTree: Ja, das ist ein Teil der klassischen Permakultur-Philosophie. Dabei handelt es sich um einen Art 3D Anbau. Auf jeder Ebene des Waldes wird etwas Essbares angebaut. Polykulturmäßig, also alles durchmischt, idealerweise Pflanzen, die sich gegenseitig unterstützen. Am Ende kann man sich das so wie in einem Supermarkt vorstellen, man läuft einfach durch einen Wald, und Beeren, Bananen, Avocados, Salak, Maracuja, Kakao, Süßkartoffeln, Papayas usw. können dann frisch geerntet werden, oder man isst sie gleich.

Noch befinden sich die verschiedenen Food Forests im Aufbau. Alles ist erst 1 bis 2,5 Jahre alt. Sogar die Bananen benötigen 12 bis 15 Monaten bis diese Früchte produzieren. Und die Bananen sind schnell. Reis hat bei uns 6 Monate gedauert. Mit der Zeit werden wir diese Food Forests aber noch fein tunen können. Idealerweise ist ein Food Forest aber einfach eine Kopie des natürlichen Dschungels.

DenkZeit: Zu den Pflanzen, die ihr anbaut, gehört Kaffee für den Eigenbedarf. In eurer Region hat es die Kaffeepflanze allerdings nicht leicht, deshalb baut ihr auch Guayusa an. Ich beschäftige mich auch als Journalist viel mit dem Thema Kaffee, aber von Guayusa habe ich ehrlich gesagt noch nie etwas gehört?

PermaTree: Ja, die Guayusa hat extremes Potential. Sie ist in Europa noch quasi völlig unbekannt. Aber es ist eine wirklich interessante Pflanze. Sie wächst quasi von selbst, die Pflanze braucht das tropische Klima und Sonne, aber keine Pflege, nicht einmal Kompost.

DenkZeit: Und man kann daraus einen Ersatz für Kaffee oder Tee machen?

PermaTree: Guayusa ist sogar gesünder als Kaffee oder Tee. Aus drei Gründen. Erstens, Theobromina, das Antioxidantien enthält, es stimuliert und öffnet die Lungen. Zweitens, enthält Guayusa Koffein, weniger als Kaffee, aber mehr als grüner Tee. Und drittens, L-theaine. Das findet man auch im grünen Tee, es hilft gegen Stress, stärkt das Herz und arbeitet mit dem Koffein zusammen.

DenkZeit: Ich habe keine Nutztiere entdeckt, wie Ziegen oder Schweine, PermaTree ist allein auf Früchte ausgelegt, nicht wahr?

PermaTree: Korrekt, es ist noch zu früh für viele Nutztiere. Wir brauchen erst eine eigene Produktion an Früchten und Gemüse, und dann können wir mit den Nutztieren starten. Zurzeit haben wir nur ein paar Hühner, damit wir Eier haben, und ab und zu werden die „überflüssigen“ Hähne gegessen. Es darf maximal zwei Hähne geben, sonst gibts zu viel Streit. Noch müssen wir aber zusätzlich Eier kaufen. Aber langsam kommen wir voran.

DenkZeit: Bei eurem Projekt kann jeder auch ganz praktisch mitmachen, ihr habt ein Freiwilligen-Programm, was muss ein Freiwilliger mitbringen, um bei PermaTree dabei zu sein?

PermaTree: Ja, absolut. Das ist ich wichtiger Teil unseres Projektes. Aber auch nicht ganz so einfach wie man sich das so vorstellt. Definitiv kein klassisches Volontariat wo man 3 Stunden am Tag an der Rezeption eines Hostels sitzt, oder nur wilde Tiere füttert.

Im Umgang mit unseren Freiwilligen mussten wir einiges lernen. Zu Beginn gabs keine Regeln. Jetzt nach knapp 2,5 Jahren, mit den verschiedensten Freiwilligen, mussten wir einiges anpassen. Der Trick besteht darin die “richtigen” Freiwilligen auszuwählen. Von zehn können wir normalerweise zurzeit maximal zwei Freiwillige nehmen. Nicht weil wir keinen Platz hätten, wir könnten vier gleichzeitig unterbringen, sondern weil viele Freiwillige ganz etwas anderes suchen. Wir suchen Freiwillige die bereit sind, ihre Realität mit einer anderen zu tauschen, und die selbständig sind, und über Sozialkompetenz verfügen. Wir mussten sogar die Kosten für die Freiwilligen höherschrauben, weil die letzten Zwei kamen, um Geld zu sparen – und nicht wegen dem Projekt, oder den tropischen Früchten, oder dem gesunden Essen. Wir sind der Meinung, dass PermaTree ein ganz spezieller Ort und Projekt ist, welche als Plattform mit den richtigen Teilnehmern auch in die gewünschte Richtung wachsen kann.

DenkZeit: Wie kann man euch sonst noch unterstützen?

PermaTree: Das ist eine super wichtige Frage, es gibt viele Möglichkeiten. Wir suchen Gleichgesinnte, die bereit sind etwas in diese Richtung zu machen, nur nicht wissen wie und wo. Je größer die Gemeinschaft ist, umso schneller können wir vorankommen. Man kann uns aber auch als Digital Volunteer unterstützen, also von zuhause aus bei bestimmten digitalen Projekten helfen.

Unterstützung können wir auch beim Aufbau eines Vertriebssystems für Guayusa oder Bambussprossen in Deutschland und Europa gut brauchen. Wir wollen einen Direkthandel aufbauen, damit die Bauern vor Ort mehr an ihrer Ernte verdienen können. Einmal das Direkthandelssystem aufgebaut, könnte man es in ganz Lateinamerika einführen und müsste es vielleicht nur hier und da anpassen. Damit wäre die Landwirtschaft wieder etwas, das die Jungen interessiert, weil sie sich wieder lohnen würde. Nicht so wie heute, wo etwa in unserer Region gar keine jungen Leute mehr Landwirtschaft betreiben wollen. Die sind alle zum Studieren an die Universitäten gegangen, und später suchen sie dann halt irgendeinen Job in der Stadt, und dass Essen kommt dann von den noch verbliebenen Bauernhöfen, oder wird gleich importiert.

DenkZeit: Ihr beide kommt ja eigentlich aus der Schweiz, und seit 2014 nach Ecuador gegangen. Wie haben euch die Einheimischen dort aufgenommen, eher skeptisch, eher herzlich? Was denkt man im benachbarten Los Encuentros über PermaTree?

PermaTree: Wir sind zwar 2014 aus der Schweiz weg, aber erst im November 2015 in Esmeralda, Ecuador angekommen. Wir haben quasi alles erlebt. Wir wurden freundliche empfangen, wie ein Teil der Familie. Die Leute sind extrem herzlich in Südamerika. Die Menschen hier teilen ihre Dinge gerne mit anderen, das ist etwas, was in Europa leider bereits verloren gegangen ist. Wir wurden jedoch auch von einer Gruppe von fünf bewaffneten Leuten mit Skimützen überfallen, geknebelt und ausgeraubt. Es scheint ein allgemeines Problem mit der Sicherheit in Lateinamerika zu geben. Davon abgesehen ist es eine echte Perle hier. Viele hier sprechen auch über uns. Die Hälfte davon ist dann zwar dazu gedichtet, aber man kommt ganz einfach ins Gespräch.

In Los Encuentros haben wir ein paar gute Freunde, man hilft sich gegenseitig. Wenn sie Hilfe benötigen, versuchen wir zu helfen und wenn wir ein Problem haben versuchen sie uns zu helfen, und das ist etwas vom wichtigsten.

DenkZeit: Euren Lebenssinn habt ihr in Ecuador gefunden, aber gibt es doch manchmal Heimweh nach Europa? Oder ist die Welt, wo Obst, Salat und Fleisch aus dem Supermarkt kommt, die Uhr regiert und man abends den Regenwald nur in einer gestreamten Dokumentation bei Netflix sieht, ein abgeschlossener Teil von euch?

PermaTree: Also das großartige daran, wenn man von Grund auf alles neu aufbauen kann, ist dass man das gute mitnehmen und das andere sein lassen kann. Wir sind hier, weil es auch so abgelegen ist, damit wir wieder mit der Natur eins werden können. Damals als wir in der Stadt lebten und arbeiteten, waren wir komplett von der Natur abgekoppelt. Das Fleisch konnte man zum Beispiel nur fertig abgepackt kaufen. Dabei verliert man die Verbindung zum Tier. Hier wird das Schwein zuerst ein paar Monate, oder Jahre gehalten und dann geschlachtet. Dasselbe geschieht mit dem Huhn usw. Witzigerweise wollen viele unserer Bekannten zwar täglich Fleisch essen, können es sich jedoch nicht vorstellen ein Tier zu schlachten. Das eine gehört zum anderen. Alles andere ist doch nur weil die Leute nicht mehr die ganzen Prozesse sehen.

Da wir eine Tochter haben wäre es aber doch schön, die Familie etwas näher zu haben, als 10.000 Kilometer weit weg. Internet haben wir ja auf der Farm, sonst wäre die Kommunikation ja nicht möglich, auch für dieses Interview.

DenkZeit: Welche Entwicklungen oder Projekte stehen in nächster Zeit bei PermaTree an? Und wo seht ihr euch in zehn Jahren?

PermaTree: Hoffentlich haben wir in 10 Jahren mehr als genug zu essen auf der Finca. Bambus werden wir auf jeden Fall mehr als genug haben! Denn ein größeres Projekt, dass wir starten werden, ist es den Wert von Bambus im ökonomischen Sinne aufzuzeigen. Das wäre eine schöne und saubere Zukunftsindustrie, verglichen mit den Minen, die die Wirtschaft der Region jetzt dominieren. Heute gibt es fast kein Bauholz mehr. Darum werden die meisten Konstruktionen heutzutage mit Beton oder Stahlträger gebaut, was speziell in der Küstenregion und im Amazonasregion keinen großen Sinn macht, bei so viel Feuchtigkeit. Bambus wird hier als Baumaterial der Armen angesehen, aber Bambus ist weit mehr. Es müssen viele verschiedene Sorten angebaut werden. Je nach Verwendungszweck: Baumaterial, Textilien, Pharmazeutisch, Ernährung, Handwerk, Papier, Karton, Auto/Flugzeugindustrie, Kohle, Umwelt-Luft-Wasser verbessern usw. Man muss der Bevölkerung zeigen das Bambus alles andere als Baumaterial der Armen ist.

DenkZeit: Und wie seht ihr die Entwicklung in eurer Region? Besteht nicht auch die Gefahr, dass sie von der Ausbreitung der modernisierenden westlichen Lebensart erfasst wird? Irgendwann kommt das Fleisch auch gebraten zwischen zwei Brötchen von McDonalds?

PermaTree: Hier bei uns in der Region und auch in Südamerika ist alles extremer als in Europa. Wir haben auf der anderen Seite des Flusses die Minen aus Kanada und China. Und jeder kann eine kleine Mine betreiben, mit allen Giftstoffen, die dann direkt in den Fluss fließen. Die Politiker sind oft korrupter, was in Europa nicht direkt auf dem ersten Blick gesehen wird. Es gibt aber auch viel Positives hier. Das MAG (Ministerio de Agricultura) versucht alle Farmer soweit es geht mit Wissen und Material zu unterstützen. Das ist echt erstaunlich. Wir arbeiten auch mit einem Programm zusammen, das sich BAP (Buenas Practicas Agricolas) nennt, und eine Art Bio-Siegel vom Staat ist. Außerdem arbeiten wir mit der lokalen Kooperative APEOSAE zusammen. In Ecuador nennt sich Bio-Landwirtschaft „organico“ und es ist vor allem für den internationalen Export bestimmt, weil die heimischen Märkte fast noch kein BIO abnehmen. Alles braucht seine Zeit.

Aber auch die Modernisierung ist hier voll im Gange. Was in Europa 25 Jahre gebraucht hat, wird hier in fünf Jahren durchgezogen. Vor 10 bis 15 Jahren gab‘s noch kein Internet hier. Heute haben fast alle ein Smartphone mit Facebook und WhatsApp. Okay noch wird das Potential des Internets nicht wirklich ausgenutzt, aber immerhin es ist bereits vorhanden.
Fernsehen gab‘s schon lange hier. Darum werden die USA auch so vergöttert. New York wird als Zentrum des ganzen Planeten angesehen. Die Leute kleiden sich so wie sie es im Fernsehen auf MTV und Co. sehen, mit Baseball Cap, T-Shirt und Turnschuhen. Auch wenn sie es sich nicht leisten können. Oftmals werden wir gefragt aus welchem US-Staat wir ursprünglich kommen. Wenn wir erklären aus Europa kommen, dann hören wir ein „Aha, Europa“ … meistens völlig unbekannt.

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