Requiem für eine Violine – Teil 1: Heimat

In den dunklen Gassen von Bogota, gibt es Ecken, da konnte man sich noch nie sicher fühlen. Wer in dieser Stadt wohnt, weiß das. Und dennoch… Haben wir uns nicht alle schon mal im Leben unnötig in Gefahr begeben? Hat nicht ein jeder von uns schon einmal zutiefst erleichtert davon erzählt, wie er sich aus einer lebensgefährlichen Situation gerade noch gerettet hat und quasi dem Tod von der Schippe gesprungen ist?

Wer den Satz, “Mensch das hätte aber auch ganz anders ausgehen können“, noch nie über die Lippen gebracht hat, der wollte diesen Moment vielleicht vergessen, oder, er ist tatsächlich ein „Beglückter Thor, der die Gefahr nicht kennt“. Das letztere ist im realen Leben gar nicht so lustig, wie es im Lustspiel „Donna Diana“ klingt, denn wer keine Gefahr kennt, besitzt auch nicht das Erkennungsvermögen sich davor zu schützen.

Todesmutig oder Thor?

Vielleicht ist das der Grund, warum Selbstgefährdung etwas Alltägliches geworden ist. Allein sich in Gefahr zu bringen, ist nicht immer strafbar. Das muss auch nicht sein. Wenn es schlimm kommt, ist die Höchststrafe für Selbstgefährdung sowieso letal und folgt der Tat oft auf dem Fuße. In Sekundenschnelle wird sie vollzogen und bleibt unumkehrbar. Freund Hein hat immer Hochsaison!


Eine Nacht wie jede andere…?

Im Februar 1978 – an einem Freitagmorgen kurz nach fünf – schlenderte im Schatten der aufgehenden Sonne ein grauhaariger älterer Herr, Anfang sechzig, mittelgroß und schlank, von der Carrera Sexta hinab zur großen Hauptstraße von Bogota. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Fliege. Um seinen dürren Hals baumelte ein lockerer, weißer Seidenschal. Gekleidet, wie ein Orchestermusiker aus alten Zeiten auf der anderen Seite des Atlantiks, der von einem bejubelten Auftritt nach Hause aufbricht. Blitzblank geputzte schwarze Schuhe, versteht sich. Ohne blitzendes Schuhwerk ging er nie aus dem Haus. Das war eine alte Gewohnheit, aus der Zeit beim Militär, damals in Deutschland. Unterm Arm hielt er, ganz Musiker, seine alte Geige in einem Geigenkoffer.

Der Mann näherte sich jetzt der Carrera Septima. Auf der Ecke überquerte er die Carrera Septima, kreuzte die Avenida, ging hinab Richtung Quinta, vorbei am Hotel Monaco und steckte sich eine Zigarette an. Alkoholisiert, beileibe nicht volltrunken, blieb er einen Moment stehen. Er schaute sich um, nahm einen langen Sog an der Zigarette, inhalierte den grauen Rauch langsam und tief in sich hinein, schaute weiterhin um sich und machte dabei einen fröhlichen und zufriedenen Eindruck. So fröhlich und zufrieden, wie Männer sind, wenn sie gerade der Türe eines Freudenhauses, nach langdurchzechter Nacht den Rücken gekehrt haben. Ein paar Schritte weiter, kurz vor der Carrera Quinta, direkt vor der Panaderia „El Cometa“ – der vielleicht berühmtesten Bäckerei Kolumbiens, sprangen zwei robuste Halbstarke den Mann an – um ihn auszurauben. Unser Freund wehrte sich vehement, ließ dabei den Geigenkoffer auf den Gehsteig fallen. Die Räuber waren junge Kerle – der Mann über sechzig. Die Drei rangen miteinander. Die Wut in ihm, ließ den Widerstand des Alten noch vehementer werden Da griff einer der Räuber nach dem Messer. Mit voller Wucht rammte er es blind in sein Opfer. Tödlich verletzt sackte der Mann zusammen. Mit der letzten Kraft taumelte er noch ein wenig, dann war sein Widerstand am Ende. Er krachte auf den geteerten Gehsteig und verblutete an Ort und Stelle. Unerkannt und ohne Beute, flohen die Räuber; an der nächsten Ecke wartete schon das nächste Opfer. Deren gibt es viele, in dieser unendlich großen Stadt.

Chaos auf dem Bürgersteig – Wie Retter zu Bestatter werden

Hinter der verschlossenen Tür des Hotel Monaco, hatte der Nachtportier die Szene beobachtet. Er war es, der Polizei und Rettungsdienst rief. Als erstes trafen die Rettungskräfte ein. Sie konnten nur den Tod des Musikers feststellen. Weil die Polizei nicht sofort vor Ort kam, die Bestatter schon gar nicht, riefen die Retter selbst den Staatsanwalt über Funk. Auch der war schneller als die Polizei. Er stellte den Tod des Opfers fest und gab die Leiche für den Transport frei. Während die Polizei sich immer noch nicht blicken ließ, luden die Sanitäter den Toten mit einer Bahre in den Krankenwagen, bedeckten sein Gesicht mit dem blutverschmierten weißen Seidenschal, schauten sich ein letztes Mal um, sahen den Geigenkoffer auf dem Gehsteig, nahmen ihn mit und fuhren mit dem Toten und seinem Geigenkoffer zum städtischen Leichenschauhaus, um dort die Todesursache offiziell zu machen. Als der Krankenwagen gerade die Kurve zur Avenida nahm und mit Sirenengeheul Richtung Chapinero davonraste, kam die Polizei mit Blaulicht als letzte Instanz um die Ecke.

Alles Routine – Alles wie immer

Ein Toter – zwei unbekannte Mörder – keine Zeugen. Nur ein paar Nachtwandler. Gesindel. Angetrunken – vollgekifft. Die Dirnen im Freudenhaus – wo sich der Mann die ganze Nacht lang aufgehalten hatte – 200 Meter vom Tatort entfernt, hatten ihm beim Abschied noch mit Handkuss lächelnd zugewunken, bevor sie die Tür verschlossen. Sie hatten nichts mit bekommen von der Tragödie. Keiner konnte oder wollte was Genaues gesehen haben. Befragte gaben nur Nebensächlichkeiten von sich. Für die Polizei war der Fall schneller erledigt als für alle anderen Beteiligten. Sogar die Presse nahm sich mehr Zeit für dieses Ereignis als die Gendarmen. Journalisten von „El Tiempo“ hörten über den Polizeifunk, was da mitten in der Stadt gerade passiert war. Sie schickten einen Reporter, um zu sehen ob es da etwas gab, für das es sich rentierte einen Bericht zu schreiben. In Bogota wird ständig jemand auf der Straße ermordet. Nicht immer ist da was berichtenswertes dabei. Morde sind in dieser Stadt alltäglich – genauer gesagt allnächtlich. Nur für die Gesetzeshüter blieb es „Una baja mas al acta“ – ein Opfer mehr zu den Akten. Nächster bitte!

Die Taschen leer – Die Arme voll

Während es für die Polizei eine Nacht war, wie jede andere, wurde es für die Reporter der „El Tiempo“ noch interessant. Wie sich herausstellte, war der Tote nicht irgendein Violinist, oder gar Straßenmusiker, oh nein und seine Geige war nicht irgendeine Geige, es war eine kostbare Stradivari, die, hätten es die Räuber geahnt, mehr wert war als eines der begehrten nagelneuen, importierten Autos aus Europa. Des Mannes Wehrhaftigkeit und seine leeren Taschen, waren ihm zum Verhängnis geworden. Dabei trug er das eigentliche Kleinod sichtbar und dennoch völlig unerkannt, vor sich her.

  

Ganze 100.000 U.S.-Dollar hatte ihm ein kolumbianischer Smaragdminenbesitzer einmal für die Geige geboten. Der wollte die Geige seinem Sohn schenken. Dieses extravagante Geschenk sollte in ihm die Lust erwecken, dass Geigenspielen zu lernen. Wünschte sich der Smaragdminenbesitzer doch nichts sehnlicher, als einen berühmten Violinisten in der Familie. Geld spielte da keine Rolle. Davon hatte er wahrlich genug. Soziale Anerkennung, von denen da oben wirklich geachtet zu werden. Dieser Teil des Aufstiegs war nur über einen außergewöhnlichen Bildungsweg zu erlangen. Möglichst viele Verdienste mussten her, alles auf einer großen Bühne, für jeden schon von Weitem zu sehen. Im Kopf des Vaters sollte der Sohn seinem Land und seiner Familie zu großem Ansehen in der Welt verhelfen. Südamerikanische Virtuosen waren schon damals sehr gefragt, an den internationalen Konzerthäusern. Eine teure Geige wäre der Anfang zu einer großen Karriere, dachte sich der Smaragdminenbesitzer, als er dem Mann sein Angebot machte. Aber seine Stradivari gab der Mann nicht her. Damals nicht, und ebenso wenig in dieser verhängnisvollen Nacht in Bogota.

Bruderkuss unter Gleichwertigen

Der Mann von dessen Schicksal am Tag danach alle Zeitungen im Land berichteten, hieß Johannes Schwarz. Allen bekannt unter dem Namen „Johny“. Wer in Bogota in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Namen Johny Schwarz noch nie gehört hatte, der musste einsam verriegelt in einem Haus abseits der Weltstadt wohnen, ohne Radio und Fernsehen, denn Johny war vom Scheitel bis zur Sohle ein Schützenbruder der Musiker, bewundert und verehrt, von vielen einheimischen Musikern. Vom Club Militar, in der Hauptstadt, wo er Generäle und Staatsmänner mit seinem Orchester unterhielt, bis zu den Fernsehstationen, die zu damaliger Zeit fast alle noch in schwarz-weiß ihre Programme ausstrahlten, war er ein gern gesehener Gast. Lucho Bermudez, seinerzeit der bekannteste aller kolumbianischen Kapellmeister begrüßte Johny, wenn er ihm auf offener Straße begegnete, stets mit einer festen Umarmung und einem Bruderkuss der Gleichwertigen, so sehr respektierte er den Musiker aus Deutschland.

Johny komm nach Hause

Wer war dieser Johny Schwarz? Was für ein Mensch offenbarte sich hinter dieser schillernden Figur von Mann und Musiker?

Mehr als nur EIN Leben war zu Ende gegangen, als an jenem unseligen Tag der Morgen graute. Die Biografie eines Johny Schwarz wäre für jeden Verlag mindestens fünf pralle Bücher wertgewesen, hätte der Autor nur gewollt, sie zu schreiben. Aber Johny mochte keine „PP“, wie er es nannte, und meinte damit, „Persönliche Publizität“. Publikum ja, aber ein hochgejubeltes-Lobhudelei-Blabla, außerhalb jeglicher musikalischer Leistung – auf keinen Fall! Sein Motto war, du musst spielen, spielen, spielen, dann erntest du Applaus. Und umso mehr Applaus er bekam, umso besser konnte er spielen. Öffentlichkeit in Form von Presse, Funk und Fernsehen außerhalb einer künstlerischen Darstellung, das war in seinen Augen „alles Gequatsche“. Dabei hatte er so viel zu erzählen.


Ich erinnere mich gut, als ich ihm das erste Mal gegenüberstand. Es war Im Mai 1971, ich hatte gerade die Leitung des Anglo-American Clubs in der Altstadt von Bogota übernommen und das erste große Ereignis, das mir als leitender Direktor des Clubs aufgetragen wurde, war die Hochzeitsfeier für die Tochter eines angesehen kolumbianischen Industriellen zu organisieren. Etwas über 100 Gäste waren geladen. Es gab Hummer und Kaviar für alle, ein sukkulentes Hauptgericht mit mehreren Gängen. Weine und Champagner, versteht sich und natürlich die berühmteste Tanzkapelle der Hauptstadt war für den ganzen Tag engagiert. Mir fiel auf, dass der Orchesterleiter – offensichtlich Europäer – mit einem leichten ausländischen Akzent sprach, als er sich mit seinen Musikern auf Spanisch verständigte. Während ich rätselte, aus welchem Land in Europa er wohl kam, sprach er mich sofort mit einem charmanten Lächeln in deutscher Sprache an und streckte mir die Hand zum Gruß entgegen: „Ich heiße Johny. Johny Schwarz. Aber für dich bin ich der Johny. Vergiss den Schwarz und den Herrn“. Ganz schön forsch, dachte ich. Überraschten Blickes sah ich ihn an und konnte es mir nicht verkneifen, ihn von oben bis unten mit musternden Augen zu begutachten. Seine Erscheinung hatte mich verunsichert. Und obwohl ich nicht die Absicht hatte, ihn von oben herab zu mustern, hinterließ mein unkontrolliertes Auftreten genau jenen Eindruck, den ich eigentlich vermeiden wollte. Johny hat mir diesen Moment lange nicht verziehen und es dauerte Jahre, bis er davon überzeugt war, dass ich kein Freund der Arroganz bin. Das erste was mir ins Auge stach, waren die glänzend geputzten schwarzen Schuhe und die akkurate Bügelfalte seiner schwarzen Seidenhose darüber. Vor mir stand ein Mensch, der der Generation meines Vaters angehörte. Ohne zu zaudern, erwiderte ich sein Lächeln, griff nach seiner Hand und stellte mich ebenfalls vor: „Ich bin der Arthur, vergiss den Pahl. Nett dich kennen zu lernen“.

Diese Begrüßung war der etwas steife Anfang einer langen Freundschaft mit Johny. Schon Momente danach taute das Eis zwischen uns auf. Die Band, die unter seiner Leitung spielte, hatte einen phänomenalen Rhythmus. Salsa eben: Tumbadora, Bongos, Timbales, zwischendurch untermalt von Claves und Maracas während Akkordeon, Schlagzeug, Querflöte, Violinen und Streichinstrumente das ganze hervorhoben. Zwischendurch er, der Johny, mit seiner geliebten Geige am Kinn, im Solo voran. Wenn er die Saitenstränge mit dem Bogen berührte, überkam ein zartes Lächeln sein Gesicht. Wenn Johny im Solo spielte, wurde daraus ein Akt der Liebe auf offener Bühne. Der leidenschaftliche Austausch zwischen dem Musiker und der Geige – seiner Geige, eigentlich nur ein Stück feinstes Holz, daraus konnte er Klänge entlocken, die eine Menge Herzen in den Frohsinn katapultierte. Was für ein Sound, wenn alle zusammen im Crescendo ihren gemeinsamen Klang hinaus ins Publikum schmetterten. Da wackelten die Wände im ganzen Saal und selbst die hundertjährige Oma der Schwiegereltern, schwang das Tanzbein auf dem Parkett.

Solange ich mich an Johny erinnern kann, wurde immer viel gelacht und geschäkert, wenn wir uns trafen. Im Laufe der Jahre lernten wir uns näher kennen und erzählten uns gegenseitig Dinge aus unserem Leben. So erfuhr ich von ihm, dass er aus Halle stammte. Sohn eines Kammermusikers war. Jahrgang 1917. Zwei Jahre älter als mein Vater. Viel aus der Kindheit gab er nicht preis. Nur das er immer schon Musiker werden wollte, so wie sein Vater. Der machte ihm ein Geburtstagsgeschenk zu seinem 12. Geburtstag. Er nahm ihn mit nach Berlin und schenkte ihm die Eintrittskarte zu einem Konzert des blutjungen Geigers Yehudi Menuhin, der unter der Leitung von Bruno Walter in einem E-Dur-Violinkonzert von Beethoven und Brahms debütierte. Diese musikalische Sensation bestärkte den jungen Johny nur noch in seinem Wunsch Musiker zu werden so sehr, dass er von jetzt an nichts anderes mehr dachte. Irgendwann einmal wollte auch er auf einer großen Bühne stehen und vor einem internationalen Publikum den großen Applaus für sich allein genießen.

Vier Jahre später griff Hitler nach der Macht in Deutschland, damals stand Johny bereits drei Jahre vor dem Abitur. Er konnte es kaum erwarten sich ins Konservatorium von Halle einzuschreiben. 1936 war es dann soweit. Doch drei Jahre später begann der Krieg. Johny durfte noch zwei Jahre Musik studieren, dann wurde auch er eingezogen.

Am Anfang ging es ihm noch gut. Nach der Grundausbildung bei der Wehrmacht, versetzte man ihn in ein Offizierscasino. Dort spielte er am Abend die Geige und ansonsten tat er Bereitschaftsdienst für Offiziere, die unterhalten werden wollten. Der ein oder andere Major, Hauptmann oder auch General. Eine Geburtstagsfeier hier, eine Sause für einen Kriegshelden dort – und ähnliches. Bis der Stellungsbefehl kam. 1943 wurde jeder Mann gebraucht. Johny wurde zur Heeresgruppe Mitte abkommandiert. Auch hier hatte er wieder Kontakt mit Generälen und Offizieren. Doch irgendwann konnte auch er den Kampfhandlungen nicht mehr entgehen. Im März 1943 wurde er in Weißrussland während der Schlacht von Byalistok verletzt. Von jetzt an war der Krieg für ihn vorüber. Er kam in ein Lazarett, hinter der Front, in Nordbayern, dort wurde er in einem Jahr zwanzig Mal operiert. Splitter aus dem Rücken entfernt. Wunden behandelt. Die vorrübergehende Lähmung in den Beinen therapiert. Es dauerte ein ganzes Jahr, da war der Krieg fast vorüber, als Johny wieder einigermaßen laufen konnte. Noch keine dreißig war er, und hatte mehr gesehen als die meisten mit achtzig. Krieg, Hunger Grausamkeiten, dabei zählte er noch zu den Glücklichen, die die meiste Zeit keinen Kampfhandlungen ausgesetzt war, wegen seines Berufes, seines Charmes. Johny wusste wie man sich beliebt machte. Aber in seinem Inneren war viel kaputt gegangen. Darin unterschied er sich kaum von seinen Zeitgenossen. Die Eltern waren beide in einer Bombennacht auf die Heimatstadt Halle im Luftschutzkeller verbrannt. Geschwister hatte er keine und zu den restlichen Verwandten waren die Beziehungen abgebrochen, seitdem er ins Feld gezogen war. Als der Krieg vorbei war, war die Zukunft in Deutschland, zumindest aus einer Sicht, alternativlos geworden.

 

Während der Zeit im Lazarett hatte er viel sinniert. Die Langeweile, das enthemmte Geschwätz der Kameraden. Das Jammern und Prahlen. Die Verstümmelungen. Der Gestank der Wunden und des Äthers. Eukodal gegen die Qual – die schmerzstillenden Morphinpräparate waren längst ausgegangen. Der Zwiespalt. Die Wut und Verzweiflung. Hoffnungslosigkeit bei diesem und jenen, über das, was das Schicksal von jetzt an bereithielt. Am Ende bedeutete das für viele mehr als ein Vakuum – im schlimmsten Fall das totale Nichts.

Auch hier war wieder der einzige Lichtblick seines Daseins die Musik. Doch auf dem Schlachtfeld war seine Geige verloren gegangen. Als er im Feldlazarett aufwachte, wusste niemand etwas über den Verbleib des Instruments. Keine Musik mehr spielen zu können, zog ihn hinab in ein depressives schwarzes Loch. Manchmal, wenn der Sanitätsgehilfe ihnen billigen Fusel organisierte, den sie dann in einer gelben Glasflasche herumreichten, um dem Lazarettalltag zu entfliehen, dann überkam ihn die Sehnsucht, nach seiner verloren gegangenen Geige, die ihm sein Vater geschenkt hatte, als er ins Konservatorium aufgenommen wurde. Er stellte sich vor, dass jetzt ein russischer Kosake irgendwo in einer Berliner Soldatenkneipe darauf den Kasatschók spielte, während Soldatendirnen dazu unflätig tanzten, umringt von grölenden Russen, die dabei die Wodkaflaschen im Kreis umher gingen ließen. Es tat weh, sich vorzustellen, wie seine Geige auf diese Weise entwürdigt wurde. Die Geige war aus dem Egerland, keine Stradivari, aber eine sicherlich nicht irgendeine Geige. Der Verlust war ein Herzschmerz, der tief in seinem Inneren schwelte, der etwas von Heimat und Wehmut mit sich trug und ja, auch von Sehnsucht, nach dem, was Heimat einmal war und nicht mehr sein konnte. „Johny komm nach Hause“, summte er dann leise vor sich hin. Mit geschlossenem Mund, die Zähne fest aufeinandergepresst, weinte er seinen Kummer tränenlos in sich hinein. Alles was er nach außen hin nicht zeigen wollte, summte er einfach weg, während der Fusel von Krankenbett zu Krankenbett gereicht wurde, bis die gelbe Glasflasche leer war.

Manchmal dachte er, dass er es besser verkraftet hätte nicht mehr laufen zu können, als nicht mehr Geige zu spielen. Es war das erste Mal, die erste Zeit in seinem Leben, die er ohne seine Geige verbringen musste. Aber woher sollte er in diesen Zeiten von Hunger und Not eine Geige bekommen?

Da lernte er im Lazarett von Nordbayern einen Volksmusiker aus Mittenwald kennen, den Sepp, der, als er erfuhr das Johny ein ausgebildeter Konzertmusiker war, sich so sehr darüber freute, dass er sein eigenes Instrument gar nicht mehr anfassen wollte, am Abend, wenn sie untereinander auf ihren Bettkanten saßen und in Stimmung kamen. „Spiel Johny spiel“ feuerten sie ihn an und Johny spielte für sie auf der geliehenen Geige des Mittenwalder Sepps, alles, was in den letzten Jahrzehnten zum Hit geworden war. „Wie habe ich nur leben können ohne dich“, von Lilian Harvey, „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, die alte Marlene Dietrich Schnulze. Aber auch Richard Strauß, ungarische Zigeunermusik und ab und zu mal einen Klassiker von Beethoven oder Mozart, kurz vorm Schluss, als das Betthupferl-Schlaflied, bevor die Lichter ausgemacht wurden. Währenddessen sammelten sich aus allen Zimmern aller Etagen des Lazaretts Ärzte, Krankenschwestern und Patienten um ihn, und lauschten den zauberhaften Klänge. Mit ihm im Zentrum trafen sie sich als applaudierendes Publikum.

Der Sepp schloss den Johny so sehr ins Herz, er schenkte ihm die Geige, am Tag, als er aus dem Lazarett entlassen wurde.

„Woast scho, du Preiss“, sagte er zu ihm in seinem strengen bayrischen Akzent, „I komm aus Mittenwald. Mir ham voi Holz für Geign zu macha, dess is jötzt doane Geigee“. Dem Preußen Johny liefen die Tränen über die Wangen als er vom Mittenwalder Sepp die Geige zum Abschied geschenkt bekam.

Mit einer Mittenwalder Geige unterm Arm, war die Zukunft für Johny gesichert. Damit konnte er sehr bald wieder auf einer Bühne spielen. Stunde null. Tanzabende. Festkapellen. Kriegsheimkehrer. Kriegswitwen. Offizierscasino bei den Amerikanern auf der Militärbase. Es gab sehr viele Gelegenheiten als Berufsmusiker unterzukommen. Johny verdiente endlich wieder seinen Lebensunterhalt. Tauschgeschäfte miteingeschlossen. Zigaretten. Nylonstrümpfe. Whisky.

Kaum zwei Jahre nach seiner Verwundung, war er soweit das Land zu verlassen. Es ging ihm so, wie vielen anderen ehemaligen Soldaten, als sie zurückkamen und nichts als Trümmer und Ruinen vorfanden. Sie verloren die Zuversicht auf die Zukunft. Das Wort Heimat im eigenen Land, hatte plötzlich keine Bedeutung mehr für sie. Sie wollten nichts wie weg und eine andere, neue Heimat finden. Wohin, das war auch Johny nicht so ganz klar? In den Vereinigten Staaten wollte er es erst gar nicht versuchen. Er hatte davon gehört, dass manch ehemaliger Wehrmachtssoldat, der aktiv auf dem Schlachtfeld tätig war, keine Visa für die USA ausgestellt bekam. (Jahre danach, als der deutsche Wissenschaftler und ehemalige SS-Offizier Wernher von Braun amerikanischer Staatsbürger geworden war und bei der Mondlandung die TV-Bildschirme der ganzen Welt für sich einnahm, sah auch Johny ihn zu Hause in Bogota auf seinem Fernseher. Bis zu seinem Tod hat er sich darüber geärgert, dass die Amerikaner den ehemaligen SS-Mann einen amerikanischen Pass gegeben haben. Hätte er das gewusst, hätte er, der nie ein Nazi war, es auch gewagt nach Amerika auszuwandern).

Aber es kam anders. Johny dachte an die Karibik, die Niederländischen Antillen, davon hatte er gehört und auch davon, dass es dort zivilisierter zugehen würde, als auf den anderen Inseln der Karibik. Mit den Dollars von den Amerikanern kaufte er sich eine Fahrkarte nach Willemstad. In einem kleinen Koffer hatte er die wenigen Habseligkeiten, die er noch besaß bei sich. Und natürlich seine Mittenwalder Geige, die vom Sepp …

Was Johny auf seiner Überfahrt in die neue Welt erlebte? Wie er schließlich nach Kolumbien kam, und dort seine neue Heimat fand und wie aus der Mittenwalder Geige die Stradivari wurde? Warum er sich am letzten Tag seines Lebens in solch eine vorhersehbare Gefahr begab? Welcher Teufel ihn geritten haben mag an diesem Abend, denn ältere Herren mit mitteleuropäischen Gesichtern fallen vor allem in Bogota am helllichten Tag jedermann auf, so jemand schlendert nicht in der Dämmerung durch den morgendlichen Übergang von der Dunkelheit der Nacht zur Helligkeit des Tages, unbekümmert und halbtrunken seinen Mördern entgegen. Alle diese Zusammenhänge beantworten bereits einen Teil der Frage, nach der Persönlichkeit des Mannes und der ganzen Komplexität, die sich hinter dem Akteur des Geschehens verborgen hielt. Das und mehr, erfahren Sie, liebe Leser, im zweiten Teil dieser wahren Geschichte unserer Januarausgabe 2019, Thema „Familie“.

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