In der Dezemberausgabe 2018 von DenkZeit erzählt unser Autor Arthur Pahl vom Tod des bekannten deutschen Violinisten, Johny Schwarz, der nach dem 2. Weltkrieg in Bogota gelebt hat und dort auf der Straße ermordet wurde. Die Mörder entkamen ohne Beute. Der wahre Schatz, den der Musiker bei seinem Tod bei sich trug, war eine wertvolle Stradivari Violine, die auf der Straße zurückgeblieben war. Wie es dazu kam, dass der deutsche Einwanderer in Europa mit einer Mittenwalder Geige in See stach und mit einer Stradivari in der neuen Welt ankam, das lesen Sie hier im 2. Teil unserer Geschichte:

Nachdem er seine beiden Eltern in der Bombennacht auf seine Heimatstadt Halle verloren hatte, hielt Johny in Deutschland nichts mehr. Nach seiner Verwundung im Krieg war er soweit wiederhergestellt, um neue Wege zu gehen. Er hatte keine Familie mehr. Was er brauchte, um sein Heimatland zu verlassen, war nur ein Reisepass. Aber die Alliierten verweigerten alleinstehenden deutschen Bürgern in diesen Tagen die Auswanderungsgenehmigungen. Aber während seiner Arbeit mit der Musikkapelle bei den Amerikanern konnte Johny Beziehungen knüpfen, die es ihm ermöglichten, wenigstens einen holländischen Reisepass zu bekommen. Ein Offizier, der ihm gut gesinnt war, und zuvor in Curacao in einer einflussreichen Position als Militärattaché stationiert gewesen war, besorgte ihm einen Pass. Johny konnte nun als holländischer Staatsbürger ausreisen. Seine paar Dollar in der Tasche, sollten ihm in Südamerika einen neuen Start ermöglichen. Für Südamerika sprachen zwei Gründe: Einerseits war er als früherer Soldat der Wehrmacht trotz seiner Beziehungen zu den Amerikanern für ein Einreisevisum in die USA nicht tauglich. Andererseits waren Kolumbien, Venezuela, Argentinien und Chile die einzigen Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg ehemalige deutsche Soldaten bei sich aufnahmen. Um in eines dieser Länder einreisen zu können, musste Johny aber erst in einem ihrer Konsulate ein Einreisevisum beantragen. Solche Konsulate gab es damals in Deutschland nicht. Die nächstbeste Variante war Curacao auf den Niederländischen Antillen. Er wollte dorthin und könnte bleiben, wenn es ihm dort gefiel. Würde es ihm dort nicht gefallen, könnte er nach Kolumbien oder in ein anderes Land weiterziehen. Offiziell war er nun Holländer, sozusagen auf Abruf, solange niemand die Wahrheit hinter seinem holländischen Pass erfuhr. Mit diesem Pass hatte er gute Chancen, aus Deutschland herauszukommen. Seine Reise in die Karibik, mit dem Ziel Curacao als holländisches Staatsgebiet, konnte beginnen.

Die Reise nach Le Havre war lang, die Straßen noch voller Militärkonvois. Bauern mit Pferdewägen und Ochsenkarren boten zwischendurch Gelegenheit zum Aufspringen und Mitfahren – vorausgesetzt, der Bauer hatte ein gutes Herz. Menschen auf Wanderschaft gegenüber waren nicht alle Bauern freundlich gesinnt. Johny kam seinem Ziel eingepfercht zwischen Stroh und Kartoffelsäcken auf der Ladefläche eines Lkw-Fahrers näher. Der müde Musiker am Feldrand tat dem Fahrer leid. Auch ein sympathischer Transporteur mit einem ausgeleierten, rostigen Dreiradgefährt zeigte Johny gegenüber Erbarmen, indem er ihm aus dem Fenster ein Zeichen zum Einsteigen gab. Das Schnaufen und Stocken des Gefährts beim Anfahren konnte Johny nie vergessen. Mit fürchterlich krachenden Schüssen aus dem Auspuff kam das Teufelsgefährt nach einigen Sätzen nach vorn unter Aufheulen des Motors wieder in Fahrt.

Der Musiker aus Halle verspürte, als er schließlich am Kai vor dem Schiff stand, das ihn aus Europa fortbringen sollte. Das Gefühl, dass er gar nicht dazugehörte, übermannte ihn. Was hatte ein Mensch der Kunst und Unterhaltung mitten im Getümmel tausender Menschen, zumeist Frauen, Kinder und älterer Männer, zu suchen? Bei vielen Männern und Frauen war die jüdische Herkunft deutlich erkennbar. Woher mochten sie kommen, vor wem sind sie geflohen, wem konnten sie entrinnen? Einige kleine Gruppen, bei denen es sich vermutlich um Familien handelte, waren nur mit Lumpen bekleidet, während andere in saubere, gut erhaltene Jacken, Mäntel und Kleider gehüllt waren. Nicht nur die Kleidung, sondern auch die Gesichter der Menschen ließen darauf schließen, mit wem es das Schicksal gut meinte.

Johny stand da wie neben sich. Innerlich weigerte er sich, dazuzugehören. In seine Nase drang der strenge Geruch des Hafens. Der Geruch vom Meer mischte sich mit Wind und dem Flair von Algen. Meeressalz und tote Fische machten den Geruch fast schon zu einem Gestank. Über dem Wasser kreischten die Möwen, die auf der Suche nach Nahrung miteinander kämpften. Immer wieder machten sie sich gegenseitig den frischen Fisch streitig. Das Schiff, dessen Reling die Matrosen zuvor frisch gestrichen hatten, roch übel nach Farbe, Teer und Petrol von den gerade befüllten Tanks. Die Hafenarbeiter waren geschäftig mit dem Verladen beschäftigt. Das Bild war von Förderbändern, Kränen, Technikern, Zollbeamten und Feuerwehrleuten geprägt. Die ersten Passagiere begaben sich über die Gangway auf das Schiff, während sich die weniger Betuchten in einer Schlange einreihen mussten. Sie mussten den Anweisungen folgen und ihre Reisepässe vorzeigen. Nachdem Fingerabdrücke von ihnen genommen wurden und die Zollbeamten sie gemustert hatten, durften sie endlich an Bord. Meistens brachten sie ihre großen Koffer oder sogar Kisten mit sich. Alles, was Johny hatte, waren die Geige vom Sepp in einem Geigenkoffer und ein Rucksack mit wenigen Habseligkeiten.

Zu viert und doch allein

An Bord wurde Johny in einer Kabine mit drei anderen Männern untergebracht. Einer von ihnen war Holländer und sprach neben Holländisch etwas Englisch. Die anderen beiden gaben nichts über ihre Herkunft preis und zeigten sich wortkarg. Johny verstand die Sprache, in der sie sich unterhielten, nicht. Vermutlich war es Ungarisch. Wäre es eine slawische Sprache gewesen, hätte er das erkannt, da er einige Jahre Soldat im Osten war.

Der Holländer bereitete Johny die größten Sorgen, denn schließlich durfte er nichts über Johnys holländischen Reisepass erfahren. Johny sprach kein Holländisch, um sich erklären zu können. Er musste unauffällig bleiben und durfte sich nicht verdächtig machen. Doch bis sie Curacao erreichten, waren die Männer in der kleinen Kabine regelrecht aneinandergekettet. Von dort fuhr das Schiff weiter nach Miami und New York. Johny wusste nicht, wo die anderen Drei aus der Kabine aussteigen würden. Er dachte nur an seine Überfahrt. Eingepfercht auf engem Raum, ohne jegliche Privatsphäre, mit drei ihm völlig fremden Männern, war die Situation für Johny ziemlich trostlos. Er hatte aber noch die Geige vom Sepp, mit der er immer wieder einen Moment der Freude herbeizaubern konnte. Würde er ein paar Takte spielen, könnten aus Fremden Freunde werden.

Zunächst kam es gar nicht dazu, da es Johny an den ersten beiden Tagen auf dem Meer sehr schlecht ging. Der Atlantik meinte es mit ihm nicht gut. Am Ende des Ärmelkanals sorgte ein starker Wind für hohe Wellen. Vor dem Bug des Ozeanriesen peitschten die Wellen über den 15 Meter hohen Mast vor der Brücke. Johny ging zwei Tage lang nicht an Deck und kauerte sich stattdessen in seine Koje. Er presste seinen geschwächten Körper hinter den zugezogenen Gardinen an die Stahlwand des Ozeandampfers. Er hielt die Augen geschlossen. Am Rand der Koje hielt er den Brechbecher bereit. Die Seekrankheit machte ihm so zu schaffen, dass er die Kontrolle über sich und seinen Körper verlor. Er konnte gar nicht ans Essen denken, da er schon am ersten Abend alles erbrechen musste. Er trank viel Wasser, das sich aber nicht in seinem Bauch halten konnte. Er erbrach zum Schluss nur noch Galle.

Es ging ihm erst etwas besser, nachdem das Schiff an Southampton vorbeigefahren war und in Richtung Südatlantik Kurs nahm. Die anderen Männer in der Kabine gingen rücksichtsvoll mit ihm um. In seiner Pein nahm er sie kaum wahr. Über die beiden wortkargen Fremden war er jetzt froh. Der Holländer wusste längst, dass Johny Deutscher war. Das war Johny egal, solange er nichts von seinem holländischen Reisepass erfuhr.

Nur noch zehn Tage musste er mit ihnen zusammen sein. Um nicht viel mit dem Holländer reden zu müssen, ließ er seinen Charmeur spielen und ergriff seine Violine, sobald alle in der Kabine waren. Ach, was die Musik erreichen konnte, wenn die Sprache nicht mehr ausreichte. Bei einem melancholischen Klang zum Auftakt wurde die kleine Gruppe nachdenklich. Heiterer wurde es beim Csárdás, der die vermeintlichen beiden Ungarn in Schwung brachte. Johny glaubte, dass die beiden von den ungarischen Liedern besonders begeistert waren. Er beherrschte aber auch Nat King Cole, Glenn Miller und Jim Dorsey auf seiner Geige spielen. In den 40iger Jahren des 20. Jahrhunderts war die Violine noch immer ein typisch klassisches Instrument der Konzertmusiker. Niemand kannte zu dieser Zeit das Wort Rock’n Roll, doch konnte Johny auf seiner Geige auch Klänge von Ella Fitzgerald hervorzaubern. Auch wenn das kein echter Konzertviolinist konnte und wollte, war das Johny egal.

Nachdem ein Abend nach dem anderen die kleine Kabine mit Freude erfüllte und Worte überflüssig wurden, verging die Zeit schneller als gedacht. Auf der Fahrt in die Karibik arrangierten sich die vier Männer untereinander. Die abendlichen Violinkonzerte wurden zum Ereignis des Tages. Bereits am ersten Abend klopfte ein Passagier aus der Nachbarkabine und fragte, ob er hereinkommen dürfe. Er wollte das Geigenkonzert hören, doch ging er wieder auf den Gang hinaus, als er sah, wie klein die Kabine war. Johny und seine Kameraden ließen daraufhin die Tür geöffnet, um den Klang der Geige auch auf den Flur dringen zu lassen. Schnell sprach sich das auf dem Schiff herum. „Bei den billigen Kabinen im Unterdeck zaubert einem ein Geigenspieler mit den Klängen seiner Geige Tränen in die Augen.“ Die Tür zur Kabine wurde von nun an abends nicht mehr geschlossen. Johny kamen Erinnerungen an seine Familie und an das Lazarett. Die Menschen kamen aus allen Etagen, um Johny auf seiner Violine zuzuhören. Sie blieben, bis die Lichter ausgingen. Bevor sich alle wieder in ihre Kabinen zurückzogen, brandete im stockdunklen Bauch des Ozeandampfers ein tosender Applaus auf.

Zwei Tage vor ihrer Ankunft in Curacao meldete sich bei Johny ein kleiner schlanker Mann, der auf dem Kopf eine Kippa trug. Auf Deutsch sagte er: „Sie sind der begabte, Kollege, nicht wahr?“. Unüberhörbar war sein starker südländischer Akzent, bei dem Johny lächeln musste. Sofort erkannte er, dass es sich bei dem Mann um einen Italiener handelte. Das Gehör eines Geigers kann Nuancen im Klang erkennen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Saitenspiel oder Stimme handelt. Einem guten Geiger entgeht kein Klang, der von der Norm abweicht. Johny wusste das vom Konservatorium. Er forderte den Mann auf, hereinzukommen und sich zu setzen. Er deutete auf einen Schemel, der mitten in der Kabine stand. Der Mann wollte sich aber nicht setzen und blieb abwinkend stehen. Zum Gruß streckte er seine Hand aus und sagte: „Ich bin Chaim Goldberg aus Mailand und fahre nach New York. Ich spiele als Violinist hier am Abend im Schiffsorchester mit und würde Sie gerne zum Mitspielen einladen. Es gibt ein kleines Trinkgeld. Was halten Sie davon?“ Johnys Augen strahlten, als er das hörte. Er konnte gar nicht erst „ja“ sagen, da es Chaim schon an Johnys Augen sah, dass er mitspielen würde.

Schließlich spielte Johny während der letzten drei Tage der Überfahrt auf dem Oberdeck im großen Salon im Salonorchester mit. Die Besetzung bestand nur aus einem Pianisten, einer kleinen Streichergruppe, Blechblasinstrumenten, Holzblasinstrumenten, einer Gitarre, einem Harmonium und einem Schlagzeug. Hauptsächlich spielten die etwa 15 Musiker Unterhaltungsmusik der damaligen Zeit. Das alles war für Johny kein Problem. Sofort am selben Abend konnte er sich integrieren. Das Spiel bereitete ihm so viel Freude, sodass er es kaum glauben konnte, endlich wieder auf einer Bühne zu stehen.

Am letzten Abend, bevor sie den Hafen von Willemstad auf den Niederländischen Antillen erreichten, ereignete sich etwas Merkwürdiges. Das Orchester machte eine Pause. Chaim lief mit seiner Geige in der Hand auf Johny zu und nahm ihn zur Seite, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Die beiden entfernten sich aus dem Salon. Johny hatte nun auch seine Geige in der Hand. Draußen auf dem Gang vor dem Salon befand sich ein Abstellraum für Musikinstrumente. Die beiden traten hinein und verschlossen die Tür hinter sich.

„Was hast du da für eine Geige?“, fragte Chaim.

Johny antwortete: „Die ist aus Mittenwald.“ Er wollte nicht sagen, dass er sie vom Sepp als Geschenk bekommen hatte. „Aha, aus Mittenwald“, erwiderte Chaim. „Du weißt ja, dass in Mittenwald bereits im siebzehnten Jahrhundert Geigen gebaut wurden. Mittenwalder Geigen gab es zur gleichen Zeit, als die Stradivaris auf den Markt kamen. Ehrlich gesagt, glaube ich fast, dass deine Geige besser klingt als eine Stradivari.“ Johny musste stutzen. „Warum sagst du das? Zeig mal, was du für eine Violine hast:“ Johny griff nach Chaims Geige, während Chaim nach Johnys Geige langte. Jeder hatte die Geige des anderen in der Hand, um sie zu inspizieren. Johny staunte. „Das ist ja eine Stradivari.“ Für einen kurzen Moment stockte ihm der Atem. Chaim hob Johnys Geige ans Kinn und begann, mit der rechten Hand den Bogen über die Saiten zu streichen. Mit seinem linken Unterarm an der Schnecke der Geige berührte Chaim mit den Fingern den Wirbelkasten. Unter dem hochgekrempelten Hemdsärmel sah Johny eine Tätowierung mit einer sechsstelligen Nummer auf der dünnen, pergamentartigen Haut. Johny erstarrte. Johny dachte leise, dass Chaim nicht nur ein hervorragender Musiker, sondern auch ein außergewöhnlicher Mensch war. Er hatte offensichtlich Grauenhaftes erlebt, wie es die Kippa, die tätowierte KZ-Nummer und der Name „Chaim Goldberg“ verrieten. Johny wusste nun alles, was er über diesen Mann wissen wollte. Er ist eine Legende, dachte Johny, sich über die große Zuneigung wundernd, die ihm dieser Mann entgegenbrachte. Der junge Orchestermusiker aus Halle zögerte nicht eine Minute, diesem wunderbaren Mann seine Mittenwalder Geige zu überlassen. Jeder prüfte den Klang der Geige des anderen. Offenbar war Chaim ein sehr erfahrener Violinist, der in diesem Salonorchester fehl am Platz war. Johny wusste bisher nicht, dass Chaim schon ein Engagement bei den New Yorker Philharmonikern hatte und dort von keinem Geringeren als Bruno Walter erwartet wurde. Johny erinnerte sich an seinen Vater, der ihm damals eine Eintrittskarte zu einem Konzert von Bruno Walter schenkte, der damals auf seinem Debüt in Berlin den zehnjährigen Yehudi Menuhin vorstellte.

Johny wusste bereits, dass teure Geigen nicht immer die besten sein mussten und der Wert einer Geige größtenteils durch Herkunft und Alter bestimmt wurde. Die meisten Violinisten orientierten sich daran. Sie achteten auf den Erhaltungszustand, auf edles Holz und auf das Pro-Segment. Der Klang war ein wichtiges Argument. Bei teuren, guten Geigen war es schwierig, Klangunterschiede aus Nuancen besser oder schlechter einzuschätzen. Ein wichtiges Kriterium war oft die Art der darauf gespielten Musik. Johny hatte sich nie so genau damit beschäftigt. Er hatte jetzt die Gelegenheit dazu, das herauszufinden. So sehr er sich jedoch auch anstrengte, konnte er weder bei der Geige vom Sepp noch bei der Stradivari einen besseren Klang finden. Chaim hatte hingegen etwas entdeckt, was ihn nicht losließ. Immer wieder sagte er zu Johny: „Hörst du das?“ „Kannst du das hören?“ So fasziniert von der Stradivari, dass er sie nicht mehr aus der Hand geben wollte, wusste Johny partout nicht, was Chaim meinte.

„Ich sag dir was“, sagte Chaim zu Johny. „Du spielst für den Rest des Abends auf meiner Stradivari und ich auf deiner Mittenwalder Geige:“ Johny war damit einverstanden. Beide schlugen in die Hand ein und gingen mit einem fröhlichen Lächeln zurück auf die Bühne. Bis Mitternacht spielten Sie für die Gäste der ersten Klasse auf dem Schiff Tanzmusik.

Als der Abend zu Ende war und die Musiker ihre Instrumente verpackten, sagte Chaim zu Johny: „Deine Geige hat etwas. Heute, an unserem letzten Abend, will ich dich um einen Gefallen bitten.“

Johny erwiderte: „Aha, und der wäre?“

„Für ein paar Stunden will ich mir deine Geige noch ausleihen. Weißt du, dass dieser Klang einfach ungewöhnlich ist? Noch nie habe ich eine Geige mit einem so außergewöhnlich schönen Klang gehört. Ist dir das noch nicht aufgefallen, Kollege?“

Johny stutzte und erwiderte nur ein „Nein“. Er wunderte sich, was das Besondere wohl sein könnte, und wagte es nicht, Chaim diesen Wunsch abzuschlagen. Eine Nacht mit der Stradivari in der Kabine und dann einen Csárdás darauf spielen. Noch einmal am letzten Abend mit den anderen drei Männern auf den Bänken tanzen. In den beiden Stunden im Salonorchester konnte er sich gerade einmal aufwärmen. Johny schlug erneut in Chaims Hand ein. Jeder ging mit der Geige des anderen auf die Kabine. Am nächsten Morgen konnten sie beim Frühstück die Geigen austauschen und sich voneinander verabschieden, bevor jeder seine eigenen Wege ging.

Ein tragisches Ereignis

Niemals konnte Johny das tragische Ereignis vergessen, das die darauffolgende Nacht überschattete. Sein Leben lang blieb ihm diese Nacht so schmerzlich und dauerhaft wie ein glühendes Eisen auf nackter Haut in Erinnerung. Ungefähr morgens um eins hatte Johny sein Konzert auf der Stradivari in der Kabine beendet. Als er sich in seine Koje gelegt hatte, konnte er nicht einschlafen. Waren es die Meereswellen, die gegen den Bug schlugen, oder die Gedanken an seine Geige, die ihn so unruhig machten? Er fragte sich, warum Chaim seine Geige in der letzten Nacht behalten wollte und die teure Stradivari aus der Hand gab. Mehrmals stand er auf, um durch den Gang des Schiffes zur Toilette zu laufen. Er spürte einen flachen tropischen Wind, der vom Meer kam, und glaubte, das Meer riechen zu können. Er beschloss, dem erwachenden neuen Tag entgegenzusehen und auf das Achterdeck zu gehen. In Curacao würden sie bald ankommen. Er könnte sich dort ausruhen.

Ein großer, runder Vollmond glänzte ihm auf dem Achterdeck entgegen. Der runde, gelbe Mond erinnerte ihn an einen riesigen holländischen Käse, der noch nicht angeschnitten war. Johny steckte sich eine Zigarette an und schaute auf das Meer, das vom Mond erhellt wurde. Leise hörte er die Wellen plätschern. Hin und wieder verwandelte sich eine Welle in eine schäumende weiße Rolle. Eine Schwermut überkam ihn. Er fühlte sich von den Tropen umarmt, die er noch nicht kannte. Er bewegte sich langsamen Schrittes vom Achterdeck eine Etage nach oben, wo sich das Schwimmbad befand. Johny lief daran vorbei in Richtung Mittschiff und dann nach Steuerbord. Mit kurzen, paffenden Zügen sog er dabei an seiner Zigarette, als plötzlich ein lauter Schrei durch das Schiff ging.

Ein Matrose schrie „Bravo, bravo“ über das Deck. Andere Matrosen, die in Richtung Backbord liefen, schlossen sich diesem Schrei an und riefen ebenfalls „Bravo, bravo“.

Auf dem ganzen Schiff war inzwischen der Code für „Mann über Bord“ zu hören. Der Schiffsalarm ertönte, und einige Matrosen ließen Rettungsboote nach unten. Andere brachten große Scheinwerfer zum Leuchten. Das Meer war plötzlich in taghelles Licht getaucht. Bis zum Sonnenaufgang dauerte es noch mindestens vier Stunden. Alle Mann mussten sich auf die Kabinen begeben. Johny musste das Deck verlassen. Er fragte sich, was geschehen war.

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht.

Ein Mann mit einer Geige in der Hand war auf der Höhe von Bon Air, nahe der Bucht von Kralendijk, über Bord gesprungen, noch 70 Seemeilen entfernt von Curacao. Der Kapitän kam, als der Alarm ausbrach, im Schlafanzug auf die Brücke gerannt, um seine Befehle zu geben. Die Matrosen ließen bemannte Rettungsboote zu Wasser. Die Maschinen liefen rückwärts, bei voller Leistung. Als die Seitentüren auf dem Mitteldeck geöffnet wurden, brach ein unbeschreiblicher Lärm heraus. Signalraketen und Leuchtmunition wurden in den Himmel geschossen. Das Meer verwandelte sich in eine Arena, die in einem gespenstischen Rot beleuchtet war. Taucher und Rettungsschwimmer waren aktiv. Das Schiff wäre eigentlich planmäßig in ungefähr zweieinhalb Stunden in Willemstad eingelaufen, doch durch den tragischen Unglücksfall verzögerte sich alles. Die Matrosen suchten drei Stunden lang mit ihren Rettungsbooten nach dem verschollenen Mann.

Als die Nacht dem Tag zu weichen begann und fast schon Sonnenaufgang war, entschied der Kapitän, die Suche abzubrechen. Der Gong zum Frühstück hallte durch die Gänge des Schiffs. Der Ozeandampfer kam wieder voll in Fahrt. Der Frühstückssaal war in ein peinliches Schweigen gehüllt. Auf dem Schiff verbreitete sich die Kunde vom Sprung des Geigers ins Meer. Johny war erschüttert. Er drängte sich zwischen den Menschenschlangen vor dem Speisesaal vorbei, um zur Kabine von Chaim zu gelangen. Wer war der Geiger, der ins Meer gesprungen war? Doch nicht etwa Chaim? Auf dem Schiff gab es noch andere Geigenspieler, beispielsweise die vom Salonorchester. Johny hatte eine schreckliche Vorahnung im Bauch und hastete ins Oberdeck, bis zur Kabine von Chaim, die zu den teuren Unterkünften zählte. Ein Matrose, der vor der Kabine stand, verwehrte Johny den Einlass. Der Matrose fragte ihn, wer er sei und was er wolle. Johny wusste nun, was los war. Er blieb für einen Moment vor der Kabine von Chaim stehen, ohne sich zu rühren. Schweigend sah er dem Matrosen direkt in die Augen. Er hielt inne und rührte sich nicht vom Fleck. Er sagte kein Wort. Sein Herz pochte. Für Johny war die Ungewissheit längst traurige Gewissheit. Noch größer als sein Mut damals auf dem Schlachtfeld war nun die Angst vor der Wahrheit. Männerstimmen drangen aus dem Inneren der Kabine nach außen. Alle Zweifel waren nun beseitigt, da die Wortfetzen aus der geschlossenen Kabine nicht deutlicher sein konnten. Es war Chaim, der über Bord gesprungen war. Johny dachte für einen kurzen Moment daran, nach einem Offizier zu fragen. Die Stradivari wollte er zurückgeben und die Geige vom Sepp wieder zurückbekommen. Auf einmal wurde alles deutlich. Chaim war mit Johnys Geige ins Meer gesprungen. Es war Chaim und kein anderer, daran bestand kein Zweifel mehr. Johny erschauderte bei dem Gedanken, seine Stradivari aus der Hand zu geben und ohne eine Geige nach Curacao einzureisen. Johny war sich sicher, dass er nie wieder ein Leben ohne Geige führen würde. Er war jetzt Besitzer einer wertvollen Stradivari, doch erfüllte ihn das keine Sekunde lang mit Freude.

Die Ankunft in Curacao

Wie der schreckliche Traum eines Schlafwandlers fühlte sich die Ankunft in Curacao für Johny an. Trotzdem er sicher in der neuen Heimat gelandet war, kam in ihm keine echte Freude auf. Er ging fast schon apathisch von Bord und war bereit, alles über sich ergehen zu lassen. Seinen holländischen Reisepass in der Hand, folgte er dem Schild „holländische Staatsbürger“, um sich an der Passkontrolle in einer Schlange einzureihen. Ein holländischer Staatsbeamter ließ ihn in Willemstad anstandslos ins Land, ohne ihn zu befragen. Johny hatte nun problemlos die Feuerprobe für die Echtheit seines Reisepasses bestanden. Das Wort „bedankt“ war das einzige holländische Wort, das er kannte. Überzeugend ehrlich kam es ihm über die Lippen. In Dankbarkeit gedachte Johny dem amerikanischen Offizier, der ihm den Reisepass geschenkt hatte, und flüsterte ein leises „Thank you Mac“ in sich hinein. Gelassenen Schrittes konnte er nun in Curacao ein neues Leben beginnen, allein, ohne seine Familie, die er in Halle verloren hatte.

Johny ging durch den Ausgang der Einwanderungskontrolle in die Ankunftshalle und traf auf eine Menschenmenge. Es schien, als würde sie ankommende Passagiere erwarten. Auch eine Gruppe von Juden befand sich unter ihnen. Die Männer mit Bärten trugen Kippa auf den Köpfen, während die Frauen mit langen Röcken bekleidet waren und Kopftücher trugen. Es erschien so, als würden sie auf jemand Bestimmtes warten. Johny lief an ihnen vorbei, als ihm plötzlich ein Mann aus deren Reihen entgegenkam. Mit einem Blick auf den Geigenkasten fragte er auf Jiddisch, ob er Chaim Goldberg, den Geigenspieler, kenne. Johny blieb erstaunt stehen. In klarem Deutsch erwiderte er: „Wer seid ihr? Familie? Der Chaim ist tot. Er ist ins Meer gefallen.“ Der Mann schrie Johny an: „Iss er meschuggen?“ Alle erschraken. Schnurstracks lief einer der Männer aus der Gruppe zum Kai, um sich Einlass auf das Schiff zu verschaffen. Die Gruppe umringte Johny. Jeder von ihnen wollte etwas anderes von ihm wissen. Alle redeten sie durcheinander und schauten angesichts der schrecklichen Nachricht ungläubig drein. Sie gestikulierten unverständlich und fragten wieder etwas. Johny wusste nicht mehr, was er sagen sollte.

Über den ganzen Hafen breitete sich die exotische Atmosphäre der Karibik aus. Jeder der Passagiere war davon bei seiner Ankunft überrascht fasziniert, doch Johny nahm sie gar nicht mehr wahr. Er hatte weder für die schönen bunten Kolonialhäuser auf der anderen Seite des Hafenbeckens noch für die Königin Emma Brücke mit ihren eleganten, langgestreckten Bögen einen Blick. Das, was so offensichtlich schien, nahm er nicht zur Kenntnis. Er sah nicht die einheimischen schwarzen Frauen, die auf ihren Köpfen Bananenstauden trugen. Die Indios, Mulatten und die venezolanischen Gemüsehändler interessierten ihn genauso wenig wie der sogenannte flottierende Markt, auf dem mit Ananas, Papayas, Mangos und tropischem Gemüse gehandelt wurde. Das meiste kommt von den Nachbarinseln und vom Festland, da auf Curacao kaum etwas wächst. Auch Milch und Getreide werden eingeführt. Nichts davon war Johny bei seiner Ankunft aufgefallen. Chaims Verwandte umringten ihn und bedrängten ihn mit Fragen, die er nicht beantworten konnte. Erschöpft und mit glasigen Augen stand der schweigend vor ihnen.

Johny hatte sich gerade noch dazu entschlossen, ein neues Leben zu beginnen und der Vergangenheit mitsamt dem schrecklichen Ereignis auf dem Schiff den Rücken zu kehren. Jetzt stand er nun inmitten der jüdischen Großfamilie, die Chaim Goldberg betrauerte. Noch am Kai gaben die Frauen ihrer Trauer deutlich Ausdruck. Sie weinten laut und herzzerreißend. Voller Unverständnis über das Vorgefallene bissen sich die Männer auf die Lippen und klopften sich mit der Faust gegen den Kopf. Es waren offensichtlich Verwandte von Chaim. Der Mann, der ins Schiff gegangen war, kam nach einer Stunde wieder heraus. Johny verstand kein Wort von dem, was alle auf Jiddisch durcheinanderredeten. Der Mann zog Johny an sich und sagte zu ihm: „Du kommst mit“. Die Männer luden Johny ein, mit zu sich nach Hause zu kommen. Johny durfte dort ein kleines Zimmer beziehen. Er musste den ganzen Abend immer wieder von neuem erzählen, was auf dem Schiff vorgefallen war und was er über Chaims Tod wusste.

Johny wohnte einen ganzen Monat lang in Willemstad bei den Goldbergs. Wie er erfuhr, hatte sich die Familie schon seit dem 17. Jahrhundert aus Italien hier angesiedelt. In täglichen Gesprächen erzählten sie Johny, dass Chaim als einer der besten Konzertviolinisten der Welt galt. Er wollte nach New York reisen, um dort ein Engagement als Concertino anzunehmen. Chaim wurde in einem deutschen KZ interniert. Dort kam seine ganze Familie in den Gaskammern zu Tode. Als Johny das hörte, fühlte er sich elend. Er war froh, auf dem Papier kein deutscher Staatsbürger mehr zu sein. Das schien die Goldbergs gar nicht zu interessieren. Johny erhielt bei ihnen alles, was er brauchte. Lediglich das Kriterium ihres Verwandten, der in dem jungen Geiger seinen letzten Freund gefunden hatte, zählte für sie. Das war letztendlich für Chaims Familie der Grund, Johny als vertrauensvoll zu akzeptieren.

Es fiel dem jungen Johny nicht schwer, sich auf der tropischen Insel einzuleben. Alles war gut organisiert und sauber. Die alltäglichen Dinge funktionierten einwandfrei. Johny war davon angenehm überrascht. In ihm keimten neue Freude und Hoffnung auf. Seine Zukunft erwies sich bereits nach einem Monat besser als bei seiner Ankunft.

Die Familie von Chaim kannte jede Ecke auf der Insel und gab sich viel Mühe mit Johny. Sie konnte ihren Gast in kurzer Zeit mit der Musikszene von Curacao vertraut machen. Auf dem „Riba Dempel“, dem Marktplatz von Willemstadt, hörte Johny zum ersten Mal live die einzigartige Volks- und Tanzmusik der Insulaner. Der Rhythmus der karibischen Klänge faszinierte ihn. Von nun an sollte er ihn immer in seiner musikalischen Karriere begleiten. Dieser Rhythmus war jedoch nur den Einheimischen in die Wiege gelegt. Selbst ausgebildete Musiker angelsächsischer Herkunft konnten ihn nur selten richtig einstudieren. Auch wenn Johny ¾-Takt, 6/8-Takt, Rhythmus, lange und kurze Tondauer, musikalische Gestalt, abstrakte Raster, Gliederung, Metro und Tempo kannte, hatte das nichts mit dem zu tun, was die begabten einheimischen Musiker präsentierten. Sofort gingen solche Darbietungen unter freiem Himmel ins Blut. Wer da nicht zu tanzen begann oder wenigstens ein bisschen mit den Hüften wackelte, der konnte kein Herz im Leib haben.

Er fand sich nun fast täglich auf dem Riba Dempel wieder, um den Klängen von Sextett und Trios zu lauschen, die den Menschen auf der Straße viel Freude mit ihren Instrumenten bereiteten. Die ABC-Inseln Aruba, Bonair und Curacao waren dafür schließlich berühmt. Der besondere Sound wurde nicht nur von konventionellen Instrumenten wie Trompete, Gitarre, Kontrabass und Posaune, sondern auch von afrikanischen Trommeln erzeugt. Die Conga teilte sich als eine Art Trommel in verschiedene Tonarten auf. Faszinierend waren auch Tumbadora, Tumba und Quinto. Clave war eine Holzschale mit besonderem Klang. Die Glocke aus Metall klang schrill. Angesichts der Musikinstrumente afrikanischer Herkunft war sich Johny schnell darüber klar, dass er hier mit seiner Konzertausbildung nicht weiterkommen konnte. Er fühlte sich dennoch wohl, denn Musik war für ihn das Schönste auf der Welt.

An einem späten Nachmittag an einem Wochenende lernte er mitten auf der Riba Dempel Plaza einen Holländer kennen, der sehr gut deutsch sprach. Der ältere Herr war der Orchesterleiter im Casino von Willemstad. Er war in Scheveningen geboren und gelangte durch die Kriegswirren auf die Insel. Er musste seinen Posten im Orchester von Scheveningen räumen, als die Nazis in Holland einmarschierten. Für ihn schien Curacao die beste Variante zu sein, um sich abzuseilen. Die beiden Musiker kamen in einem Café auf der Plaza bei einem Amstel Bier ins Gespräch. Schnell war alles Weitere geregelt, denn schließlich erkennen Profis einander in Windeseile an ihrem Stallgeruch. Keine zwei Stunden später stand Johny beim Casino Orchester von Curacao unter Vertrag.

Für Johny hatte nun ein besseres Leben begonnen. Er verdiente im Casino wieder regelmäßig Geld, was nicht wenig war. Er bekam auch die Spendierfreude der Casinobesucher zu spüren. Schon während des Krieges hatte Johny eine Zeitlang das leichte Leben in einem Offizierscasino erfahren. Jetzt war es wieder zum Alltag für ihn geworden. Meistens begann seine Arbeit im Orchester abends um 19:00 Uhr und endete morgens um 02:00 Uhr. Er konnte im Stadtteil Punda für sich allein eine ganze Etage eines bunten Kolonialhauses möbliert mieten. Tagsüber blieb er zu Hause, um sich auszuruhen. Er war alleinstehend und hatte keine Verpflichtungen. Das Geld reichte ihm vollkommen aus. Am Monatsende konnte er sogar noch einiges sparen.

Doch nur selten sind junge Männer aus der Unterhaltungsbranche sparsam. Die Shell Oil Company richtete unweit vom Casino für die holländischen Mitarbeiter der Petroleumraffinerien ein Bordell ein. Johny fand sich dort immer öfter wieder. Nachdem er das Casino morgens um 02:00 Uhr im angetrunkenen Zustand verließ, fuhr er mit dem Taxi nach Campo Alegre, dem größten Bordell in der Karibik. Hunderte junger Frauen aus Kolumbien, Panama, Costa Rica, Venezuela und anderen lateinamerikanischen Ländern verkauften dort ihre Körper. Die jungen Frauen wurden zumeist von der ersten Liebe ihres Lebens geschwängert und enttäuscht zurückgelassen. Für sie gab es nun keinen anderen Ausweg mehr, als sich zu prostituieren. Das fand Johny nicht schön. Er war aber jung, stürmisch und ledig. Die Familie, nach der er sich so sehr sehnte, gab es für ihn nicht. Campo Alegre war daher für ihn eine willkommene Gelegenheit, um seinen Frust abzulassen. Die südamerikanischen Prostituierten zeigten sich ganz anders als die in Europa. Sie gaben sich freundlich und lächelnd. Über das Geld wurde erst nach und nicht vor dem Akt gesprochen. Die Frauen präsentierten sich wie eine Zufallsbekanntschaft von nebenan, an der Theke der Nachbarskneipe, so spontan und sympathisch. Stets waren sie charmant und erweckten den Eindruck, dass sie sich gerade Hals über Kopf in den Mann verliebt hätten, der doch nur einer von vielen Freiern war. Da konnte kaum ein Mann widerstehen.

Die jungen Dirnen in Campo Alegre wurden durch Johnys regelmäßige Besuche auf ihn aufmerksam. Der Deutsche gab sich spendierfreudig und avancierte schon nach kurzer Zeit zu einem der begehrtesten Kunden im Bordell. Von Haus aus war er großzügig und hinterließ immer eine gute Zeche. Sofort bezahlte er anstandslos. Alle wollten daher die Nacht mit Johny verbringen.

Alle jungen Frauen im Camp warfen sich dem jungen Geiger gerne an den Hals. Doch eine von ihnen ignorierte ihn. Gerade sie war es, die auf Johny einen besonderen Reiz ausübte. Sie hieß Fernanda und stammte aus Kolumbien, aus Barranquilla. Schon mehrmals hatte Johny die Nacht mit Fernanda verbracht. Sie schüttete am nächsten Morgen jedes Mal den Kopf, wenn es galt, die Rechnung zu bezahlen. Abfällig sagte sie dann „Behalt dein Geld“. Ihr hübsches Gesicht verzog sie zu einer abfälligen Geste. Mit den Worten „Ich bin keine Nutte“ beharrte sie darauf. Lediglich die Getränke durfte er bezahlen. Sie schenkte ihm ihren Service, für den sie eigentlich da war. Das war jedoch nicht der Grund, warum Johny fortan, wenn er ins Bordell kam, nur noch bei Fernanda im Bett landete. Fernanda hatte etwas Unwiderstehliches, das Johny den Verstand raubte, sobald er sie sah. Er musste darüber lange nachdenken. Warum faszinierte gerade sie und keine andere ihn so sehr? Fernanda hatte eine ausgeprägte Lebenslust, ein Charisma und eine Ausstrahlung. Sie war menschlich, verständnisvoll und warmherzig. Sie war keine von den aufgetakelten Dirnen, die über alles kicherten, dauernd Witze machten, Stimmungsmachelaune verbreiteten und nur immer lachten, aber in Wirklichkeit ihre Freier nur ausnehmen wollten wie eine Weihnachtsgans. Etwa um die dreißig, war Fernanda nicht mehr die Jüngste. Sie hatte natürlich schwarze Haare und wunderschön strahlende Kulleraugen, die ihn an glänzende schwarze Murmelsteine erinnerten. Sie war mittelgroß. Ihr Lächeln war nicht so künstlich wie das der anderen Frauen im Camp, sondern natürlich und charmant. Das musste angeboren sein. Hinter ihrem glatten, faltenlosen Gesicht war jedoch auch Leid zu erkennen. Fernanda ließ es aber nicht zu, über solche Dinge zu reden. Für Johny war sie eine starke Frau.

Als sich das Jahr dem Ende entgegenneigte und Weihnachten vor der Tür stand, erschien Johny einige Tage vor Heiligabend mit einem Weihnachtsgeschenk am Tor von Campo Alegre. Er stieg aus dem Taxi und lief zur Unterkunft von Fernanda. Schon von weitem sah er, dass eine andere vor ihrer Tür saß. In seinem spärlichen Spanisch, das er von Fernanda gelernt hatte, fragte er: „Donde esta Fernanda?“ Schnippisch antwortete die Frau „Se fue – Sie ist weg“. Genervt fuhr sie fort: „Quiere entrar or no“. Johny blieb kurz stehen und wurde sprachlos. Das in Weihnachtspapier eingepackte Geschenk ließ er aus der Hand fallen. Die Nachricht traf ihn so schockiert, dass er sich umdrehte, ins Zentrum des Camps direkt an die Bar ging und einen doppelten Whisky bestellte. Vor lauter Frust schüttete er den Whisky in Sekundenschnelle in sich hinein. Er bestellte sich den nächsten doppelten Whisky und setzte sich an einen Tisch, um die Gedanken zu ordnen. Was war nur geschehen?

Bis über beide Ohren hatte sich Johny in Fernanda verliebt. Die Sucht nach ihr überkam ihn wie eine heimtückische Krankheit und zehrte an ihm, wo sie nicht mehr da war. Johny war nun kein unbeschriebenes Blatt mehr. Er hatte den Krieg hinter sich gebracht, war fast dreißig und konnte jetzt ein privilegierteres Leben als die meisten seiner Zeitgenossen führen. Ein Orchesterleiter im Casino an der Front sagte ihm einmal, dass in der Unterhaltungsbranche gesoffen, getanzt und gehurt wird. Das war auch so. Er verlor für heute und für die vor ihm liegenden Feiertage vollkommen die Kontrolle über sich. Er konnte bis in den Januar hinein keine klaren Gedanken mehr fassen. Sein Leben bestand nur noch in der Arbeit im Orchester, Saufen und kurz vor zu Hause wieder Kraft schöpfen. Spielen, saufen, spielen, saufen. Immer so weiter, ohne Ende.