In der Januarausgabe 2019 von DenkZeit erzählt unser Autor Arthur Pahl, wie der in Bogota ermordete deutsche Violinist Johny Schwarz nach dem 2. Weltkrieg mit einer Mittenwalder Geige im Gepäck Deutschland verlassen hat, aber mit einer wertvollen Stradivari in Curacao ankam.

Lesen Sie hier, warum der ehemalige Wehrmachtssoldat nicht in der Karibik geblieben ist und ausgerechnet nach Kolumbien weiterzog, wo er bis zu seinem Tod gelebt hat.

Die Liebe und ihre Folgen

Ja die Liebe, sie hatte Johny erwischt. Dieses glühende Feuer, das Fernanda in ihm entfacht hatte, lies ihn vergessen, an welchem Ort und unter welchen Umständen er sie kennengelernt hatte. Es war ihm egal. Der Mensch hinter der Dirne… ertappte er sich heimlich beim Denken und polierte sogleich den Satz in seinem Kopf wieder sauber, indem er mit sich selbst argumentierte: Sie ist ein guter Mensch. Sie hat viel im Leben mitgemacht. Sie hat Charisma und ist ehrlich und schließlich hat sie nie Geld für ihre Dienste von ihm angenommen. Unsere Gefühle setzen der Realität gerne eine Maske auf. So wird das Wahre nicht zur Lüge, sondern es ändert sich nur die Art, wie wir es darstellen. Das ist nichts Neues bei Frischverliebten. Jedenfalls war die magische Anziehungskraft, die die Frau aus Kolumbien auf ihn ausübte, der Grund, warum Johny seinen sicheren Arbeitsplatz beim Casino Orchester von Curacao regelrecht hinschmiss und quasi Übernacht die Karibikinsel verließ.

Ein neuer Weg lag vor ihm. Jung und immer noch dem Alkohol verfallen, der ihm seinen Schmerz nicht nehmen konnte, denn umso tiefer er ins Glas schaute, umso größer wurde seine Sehnsucht nach Fernanda – und damit auch die Wehmut, weil er sie nicht an seiner Seite hatte. Der einzige Ausweg, den er sah, diesem Liebesschmerz zu entrinnen, war, Fernanda zu finden. Und dazu musste er nach Kolumbien reisen.

Doña Hertha

In der Zeit um 1970, als ich den Anglo American Club in Bogota geleitet habe und Johny bei einer Hochzeitsfeier dort kennenlernte, schlossen wir vom ersten Tag an Freundschaft. Wir trafen uns regelmäßig, bei „Doña Hertha“. Hertha Köhler hatte ein kleines Restaurant auf der Carrera 19, zwischen Calle 8a und Calle 9a, im Zentrum von Bogota. Es war berühmt für sein Gulasch. Deutsche Einwanderer aus der Nachkriegsära trafen sich dort regelmäßig, bei einem zünftigen deutschen Gulasch, das auf Wunsch auch mit Semmelknödel serviert wurde. Dazu gab es kolumbianisches Bier von der Bavaria Brauerei. Bei Doña Hertha saßen wir oft stundenlang am Stammtisch und redeten darüber, warum wir ausgewandert sind und auf welchem Weg wir nach Kolumbien kamen. Warum wir nicht in Deutschland lebten. Wie es uns in Kolumbien erging, und sonst noch so alltägliches aus unserem Leben. Doña Hertha war damals die Anlaufstelle der deutschen Gemeinschaft in Bogota.

Wenn das Lokal am Mittag brechendvoll war und die Gäste laut durcheinanderredeten, verursachten ihre Stimmen in diesem nüchtern eingerichteten Speisesaal eine besondere Raumakustik. Dieser Nachhall klingt mir bis heute in den Ohren. Da war der Geruch von Gulasch, der bis hinaus auf die Straße strömte. Manch vorübergehender Passant blieb stehen bei dem betörenden Duft. Der Verlockung nicht widerstehend trat er ein, um da drinnen etwas zu essen.

Im Lokal stets das widerhallende Geschirrgeklapper. Die Bedienung und ihre Rufe in die Küche: „Mesa 4 se puede adelantar“. All diese Geräusche und Gerüche waren das Markenzeichen für das Lokal von Hertha Köhler. Man hätte auch sagen können: „Einfach und gut“ und vor allem „günstig“. Versteht sich.

Kolumbien – Der neue Weg – Die neue Heimat

Den Tag, an dem Johny mir seine Geschichte erzählte und was ihn dazu bewegte ins Land zu kommen, werde ich nie vergessen. Wir saßen in der Ecke, weit weg vom Eingang, am Stammtisch. Nur Johny und ich. Jeder hatte eine Flasche Bier vor sich stehen. Ich hörte ihm zu und erfuhr, wie er sich auf die Suche nach Fernanda machte, nachdem er Curacao verlassen hatte und mit einem Frachter nach Barranquilla gefahren war.

„Bist du des Wahnsinns,“ erwiderte ich erstaunt und in Unglauben. „Du fährst in ein Land, um eine Frau zu suchen, von der du soviel wie nichts weißt und deren Land du nicht kennst. Was steckt dahinter Kerle?“

„Die Liebe“, antwortete er, lachte mich an und erhob sein Glas, um mit mir anzustoßen. Er stand auf, ging an die Theke und sprach zu Hertha: „Hertha, ich kann das nicht erzählen. Komm mal zu uns an den Tisch und erzähle wie wir uns in Barranquilla kennengelernt haben“.

Und Herta kam, setzte sich zu uns an den Stammtisch und begann zu erzählen:

„Wir, mein Mann und ich waren damals die Gastrobetreiber vom deutschen Club in Barranquilla“, berichtete Hertha. „Das ist zwanzig Jahre her. Eines Tages stand er da, mit seinem Geigenkasten in der Hand“, fuhr sie fort und sah Johny dabei an. Während sie weitererzählte, saß Johny grinsend daneben.

„Erzähl weiter“, stachelte Johny Hertha an und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Er nahm sein Benzinfeuerzeug aus der Tasche und zündete sie an. Der Tabak in der Spitze der Zigarette glühte auf und Johny sog den Rauch in sich hinein.

„Arthur“, blickte Herta mich an und fuhr fort, „der da…, so unschuldig wie er dasitzt und aussieht als könnte er kein Wässerchen trüben, hatte keinen Pfennig in der Tasche. Wir haben ihn aufgenommen bei uns zu Hause. Gaben ihm Essen, Trinken und ein Bett und er hat dafür im Club gespielt am Abend. Während des Tages ist er in ganz Barranquilla umhergelaufen, und hat in jedem Rotlicht-Club nach der Fernanda gefragt. Sechs Monate lang ging das so zu“.

„Aha“, sagte ich, „und hat er sie gefunden?“

Herta schaute mich an, „Nein, frag ihn selbst“,

„Johny“, ich drehte mich zu ihm, wir stießen unser Bierglas an und er sagte, „Nein, bis heute habe ich sie nicht gefunden. Und das ist jetzt zwanzig Jahre her. Ich habe es aufgegeben“.

„Eine verrückte Geschichte“ bemerkte ich und konnte es immer noch nicht glauben.

Familie

Die Jahre vergingen. Wir trafen uns immer noch regelmäßig bei Hertha. Tranken unser Bier und genossen das deutsche Gulasch, als an einem Nachmittag, irgendwann im Herbst, ich glaube es war 1976, Johny mir bei Herta ein Bild zeigte, das er aus seiner Brusttasche zog. Es war das Bild einer Frau. Sie mag etwa Ende vierzig gewesen sein, nicht besonders hübsch, aber auch nicht hässlich. Kein Typ, der aussah wie ein Model, eher etwas bieder, jedenfalls nicht unsympathisch. „Ich habe geheiratet“ sagte er. Da war ich paff. „Fernanda, hast du sie gefunden?“, erwiderte ich. „Du Arsch“ lachte er laut.

Johny hatte sich entschlossen sein Leben nicht zu beenden, ohne die Erfahrung einer Ehe gemacht zu haben. Heute bin ich überzeugt, dass der Mann, der Jahrzehntelan Boheme war, das Grundverlangen nach Zugehörigkeit in Form von Heimat und Familie nicht mehr entbehren wollte. Er hatte seinen Weg gefunden. Und der hatte ihn nach Kolumbien gebracht. Dort war seine Heimat. Nie wieder ging er auch nur für einen Tag zurück nach Deutschland. Er spielte in den besten Orchestern des Landes, war erfolgreich und jetzt hatte er sich entschlossen in den Hafen der Ehe einzufahren. Wie alles im Leben, brauchte auch das seine Zeit.

Sechs Monate später, wir saßen wieder bei Hertha am Nachmittag, tranken wieder Bier und erzählten, da langte er erneut in seine Brusttasche und zeigte mir wieder ein Bild. Diesmal waren auf dem Bild Zwillinge. Zwei Mädchen. Etwa fünf oder sechs Jahre alt. Johnys Antlitz leuchtete vor Freude, als er mir das Bild zeigte. „Wir haben sie adoptiert. Es ist das schönste Gefühl, das ich kenne“, sagte er mir und ich verstand jetzt das Leuchten in seinen Augen. Mein Freund hatte sich verwandelt und mit jedem Tag kam er dem Gefühl der Häuslichkeit näher. Er wollte im fortgeschrittenen Alter nicht nur Ehemann sein, sondern auch Vater. Das konnte ich verstehen. In kurzer Zeit hatte er sein Leben geändert. Ehemann und Vater geworden. Oft denke ich daran und stelle mir vor, wie groß dieser Drang in ihm gewesen sein mag.

Wie Männer so sind, wenn sie beim Bier unter sich protzen, fragte ich ihn einmal mehr im Scherz. „Sag mal und bist du eigentlich treu?“ Die Antwort war lang und detailliert. Es wurde klar, dass der Wandel in ihm Zeit brauchte und dass er sich von seinen alten Gewohnheiten nicht von heute auf Morgen trennen konnte. Das hieß, das er alle Anstrengungen machte ein treuer Ehemann zu sein und ein liebevoller Vater, aber das gelang ihm nicht immer. Des Nachts, wenn er vom Orchester nach Hause ging, hat er zwischendurch immer wieder seinem alten Drang nachgegeben und verlor sich in den einschlägigen Etablissements des Rotlichtviertels im Zentrum der Stadt um dort noch einen „Absacker“ zu nehmen, bevor er dann nach Hause ging zu Frau und Kinder. Das schien ihn zu stören und er sagte mir einmal, dass er daran arbeiten würde ein besserer Mensch zu werden und die alten Gewohnheiten über Bord zu werfen.

Er hatte sich die Änderung seines Lebenswandels fest vorgenommen, doch zu spät. Wie sich herausstellte, wollte Johny am Abend, an dem er ermordet wurde, seinen Abschied von der Welt der Boheme zelebrieren – so ironisch es klingt – es sollte das letzte Mal sein in seinem Leben, hier in Erscheinung zu treten. Eine der Dirnen, die damals dabei war, erzählte es später am Stammtisch von Doña Hertha. Sie hatte gerade ein paar Asbach getrunken und fing an zu plaudern. Johny lies sich immer weniger in diesen Clubs blicken. Der Einfluss der Familie, die guten Vorsätze, es schien als ob er an diesem Abend seinen endgültigen Abschied von der Welt des Rotlichts und der käuflichen Liebe im Sinn hatte.

Mit seiner Geige unterm Arm lief er im festen Glauben nach Hause, fortan nur noch treuer Ehemann und Familienvater zu sein. Das war Johny. Jeder Lebensabschnitt den er zu Ende brachte, zelebrierte er. So auch diesen Abend. Das er seinen Vorsatz aber nicht mehr umsetzen konnte und seine Familie es nicht mehr erleben durfte, verhinderten seine Mörder. Dabei blieb die kostbare Stradivarius, in deren Besitz er auf so seltsame Weise gekommen war, am Ende doch noch in der Familie. Bei seiner Beerdigung hat ein Vertreter der Staatsanwaltschaft, der Witwe und den Kindern die Violine übergeben.

Arthur Pahl

Arthur Pahl wurde in Gladbeck/Westfalen geboren und wuchs in Würzburg auf. Nach einer Ausbildung im Hotelfach, absolvierte er ein Praktikum in der Schweizer Nobelgastronomie, arbeitete als Steward auf einem Ozeandampfer, lebte in den USA, Kolumbien, Kanada und Brasilien, war abwechselnd Reisbauer, Smaragdhändler, Taxifahrer, Grabsteinverkäufer und Börsenmakler, bevor es ihm gelang in Deutschland einen halbwegs sicheren Hafen anzusteuern, von dem aus er seither als Reiseleiter für internationale Reisegruppengruppen tätig ist. Arthurs Lebensmotto ist: „Schreiben ist Leben – lesen ist Leben verstehen.
Arthur Pahl