Rezension: „Die neue Einsamkeit“ von Diana Kinnert

Die Coronapandemie fungiert als Brennglas für zahlreiche gesellschaftliche Missstände. Die um sich greifende Einsamkeit ist einer davon.

Unerschütterliche Optimisten können bekanntlich selbst dem Wüten von Covid-19 etwas abgewinnen. Nun, ich persönlich bin vom Optimisten so weit entfernt, wie die Sozialdemokraten von einer absoluten Mehrheit im bayerischen Landtag, aber dennoch kann man diesem Gedanken bei näherer Betrachtung etwas abgewinnen. Jenseits der primären Auswirkungen der Pandemie kommen zuweilen auch sekundäre Auswirkungen zur Sprache, über die sonst niemand spricht. Eines davon ist die Einsamkeit.

Vereinsamung hat auch strukturelle Ursachen

Einsamkeit ist ein um sich greifendes Problem unserer Gesellschaft, seit Jahren bereits. Abgesehen von gelegentlich veröffentlichten Statistiken darüber, dass Singlehaushalte immer weiter zunehmen, sehen wir dieses Problem nur nicht. Einsamkeit findet per Definition in der Einsamkeit des einzelnen statt. Zudem ist Einsamkeit mit einem sozialen Stigma versehen, wer einsam ist, ist nach Ansicht vieler schlicht und einfach selbst schuld. Das dem nicht so ist, sondern das diesem Problem strukturelle Ursachen zugrunde liegen, dass es gar Menschen gibt, die von dieser Vereinsamung profitieren, weist Diana Kinnert in ihrem Buch Die neue Einsamkeit: Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können in beeindruckender Weise nach.

Diana Kinnert, jung, lesbisch und dennoch bekennende CDUlerin, beschäftigt sich schon länger mit der Thematik. Unteranderem auch durch ihre Mitarbeit an Versuchen in Großbritannien das Problem anzugehen. Auf der Insel ist man schon ein wenig weiter, gar ein Ministerium gegen Einsamkeit hat man dort bereits ins Leben gerufen. Bezeichnenderweise eingeführt von den Tories, den Konservativen, denen ein gesamtgesellschaftlicher Zusammenhalt wichtiger ist, als die von Linken, wie Kapitalisten betriebene Individualisierung der Gesellschaft. Und Einsamkeit ist tatsächlich ein gesamtgesellschaftliches Problem. Selbst Menschen, denen es an Empathie mangelt, sollten zumindest anerkennen, das Einsamkeit zu einer Krankheit werden kann (offiziell ist sie das übrigens), die ähnliche Auswirkungen wie Hunger hat und die Menschen früher sterben lässt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, auf sich allein zurückgeworfen kann er nicht existieren. Daran ändern auch die sozialen Netzwerke nichts. Deren Verbindungen sind oberflächlich, nicht dazu geeignet die Grundbedürfnisse des Menschen zu decken. Das diese lockeren Verbindungen allerdings ökonomisch wirkungsvoller sind als feste zwischenmenschliche Bindungen, darf man als Teil des Problems sehen – und als Hinweis darauf, dass es eben auch Profiteure des Systems gibt. Echte menschliche Bindungen stehen dem flexiblen Arbeitnehmer, der zu einer Ich-AG degeneriert wird, im Wege. Die um sich greifende Einsamkeit ist insofern nicht nur ein durch den Kapitalismus ausgelöstes Phänomen, sondern eines seiner Endziele. Insofern ist Die neue Einsamkeit auch eine Kritik am real existierenden Kapitalismus, aber kein Plädoyer für den Sozialismus. Eher ein Weckruf dafür zurück zum eigentlichen Erfolgsmodell zu kehren, der sozialen Marktwirtschaft.

Die Stadt macht einsam, das Land wird einsam

Kinnerts Analyse erschöpft sich allerdings nicht darin die aus dem Ruder gelaufene Wirtschaft für die Einsamkeit verantwortlich zu machen. Im konservativen Denken verwurzelt weist sie etwa auch daraufhin, dass das städtische Leben eben nicht nur Vorteile hat, sondern auch Einsamkeit befördert. Manch einer mag die Anonymität zu schätzen wissen, für viele steht sie aber auch am Beginn der Abwärtsspirale zur Einsamkeit. Im Gegenzug dazu ist aber auch auf dem Land nicht alles Eitel Sonnenschein, weil dort oft nur noch die Alten und gesellschaftlich Abgehängten verharren.

Als wichtigster Aspekt allerdings darf gelten, dass Diana Kinnert mit einem der großen Vorurteile über die Einsamkeit aufräumt. Wer kurz in sich geht, und überlegt, wer in unserer Gesellschaft wohl darunter leidet, dem fallen zunächst die Alten in unserer Gesellschaft ein. Dem ist aber mitnichten so. Einsamkeit herrscht in jeder Altersgruppe, und während die Babyboomer, oder auch meine Generation, zumindest noch die Erfahrung von Gemeinschaft als gewollten gesellschaftlichen Aspekt machen konnte, wächst gerade eine Jugend heran, die nicht einmal mehr diesen Vorteil zu haben scheint. Sie werden in einer Welt erwachsen, in der die Zahl der Follower zum Maß aller Dinge wird, während viele von ihnen nicht einmal mehr behaupten können einen besten Freund oder eine beste Freundin zu haben, mit der sie auch mehr als nur Oberflächlichkeiten austauschen können. Das Individuum ist nicht mehr Teil eines Ganzen, sondern nur noch ein Individuum neben anderen Individuen. Nicht zu Unrecht kommt Kinnert am Ende auch auf meinen Haus- und Hofphilosophen Thomas Hobbes zu sprechen. Dessen Theorie des Urzustandes des Krieges eines jeden gegen jeden widerspricht sie, weist aber auf die erschreckende Tatsache hin, dass wir gerade dabei sind den hobbes’schen Naturzustand in den realen Zustand unserer Gesellschaft zu verwandeln. Rückblickend wird man einmal unsere Epoche nicht als Informationszeitalter bezeichnen, was man etwa angesichts von Fake News und der schlichten Tatsache das es unmöglich geworden ist heute noch als Universalgelehrter zu gelten können, allein schon als widerlegt betrachten kann. Kinnert kommt zu dem Schluss, man wird unsere Epoche als ein Zeitalter der Einsamkeit betrachten.


Diana Kinnert: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können, Hoffmann und Campe Verlag, 2021