Als Mutter sein Kind zu verlieren ist ein Alptraum. Was aber ist, wenn das Kind ermordet wurde, und man den Mördern jeden Morgen aufs Neue gegenübersteht?

Kann ein Justizsystem für Gerechtigkeit sorgen? Haben wir nicht alle schon einmal von einem Gerichtsurteil gehört, das uns am Ende als ungerecht erschien? Nach dem Motto, dem Gesetz mag vielleicht genüge getan sein, aber gerecht ist das nicht! Die Forderung nach Gerechtigkeit an ein Gericht zu stellen, hat aber etwas hochgradig Unfaires in sich. Zum einen ist nicht die Gerechtigkeit, die Aufgabe eines Richters, es ist das Gesetz, dem er Geltung verschaffen muss. Zum anderen ist Gerechtigkeit ein Begriff, unter dem wir zwar glauben, alle dasselbe zu verstehen, aber jeder doch seine ganz eigene Vorstellung hat.

Aber was ist mit den Fällen, in denen eine Bestrafung der Täter mehr oder weniger gar nicht vorgesehen ist? Nicht weil der Straftatbestand es nicht verlangen würde, sondern weil man dem Täter aufgrund seines geistigen Zustandes, oder seines Alters, anders beurteilt, als man es gewöhnlich tun würde. Was ist zum Beispiel, wenn Kinder Kinder töten?

„Geständnisse“ von Kanae Minato

Unsere Geschichte spielt irgendwo in der japanischen Provinz, genaueres erzählt uns die Autorin Kanae Minato nicht. Am letzten Schultag verteilt Yuko, Lehrerin an einer Mittelschule, die von der Präfektur bereitgestellten täglichen Packungen Milch an ihre Schüler, und eröffnet ihnen zugleich, dass sie als Versuchskaninchen gedient haben. Man habe nämlich feststellen wollen, wie sich die tägliche Portion Milch auf ihre Leistungen in der Schule auswirken würde. Doch damit beginnt ihr Monolog erst, der das erste Kapitel von „Geständnisse“ darstellt. Der Leser erfährt, was vor wenigen Wochen in der Schule geschah. Er erfährt von dem tragischen Tod der 4-jährigen Tochter der alleinerziehenden Yuko, die im Schwimmbecken der Schule ertrankt. So zumindest die offizielle Geschichte, denn die Mutter ist längst hinter das Geheimnis gekommen, und verkündet ihren Schülern, dass die beiden Mörder ihrer kleinen Tochter hier im Klassenzimmer unter ihnen wären. Sie will Gerechtigkeit, sie will die Schüler bestrafen. Aber sie weiß auch, dass beide Jungen, gerade an, oder kurz nach der Schwelle zur Pubertät, aufgrund ihres Alters, einer milden Strafe entgegensehen würden. Sie beschließt zu handeln. Noch ehe sie der Schule für immer den Rücken kehrt.

Kanae Minato lässt in den unterschiedlichen Kapiteln die handelnden Personen ihren Teil der Geschichte erzählen. Manchmal greift sie auch auf einen erzählerischen Trick zurück, wenn etwa die ältere Schwester eines der beiden Täter aus dem Tagebuch der Mutter vorliest, um zu beschreiben, wie ihr jüngerer Bruder aufgrund der Tat und der Bestrafung durch Yuko langsam in den Wahnsinn abgeglitten ist. Oder sie lässt durch die Schülerin Mizuki eine zuerst unbeteiligte Klassenkameradin berichten, wie die Schulklasse im nächsten Schuljahr beginnt dem anderen Jungen als Strafe für seine Tat zu drangsalieren. Und am Ende lässt sie auch die beiden Täter sprechen, wobei der dem Wahnsinn Verfallene, schon von einer unbekannten Person zu sprechen scheint, die ihn verfolgen würde.

„Geständnisse“ spielt in Japan, könnte aber auch an jedem anderen Ort der Welt so geschehen. Es ist ein subtiler Thriller, der sich nicht allein auf jenen Tätertypus konzentriert, der mordet, weil er sich anderen überlegen fühlt, andere gar für wertlos hält. Im Zentrum steht auch immer wieder die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind. So wie Yuko selbst, die den Tod ihrer kleinen Tochter rächt. Oder bei den beiden Tätern. Die eine Mutter, die ihren Sohn mit ihrer Liebe fast erdrückt, und dennoch vor allem das Bild einer heilen Familie aufrechterhalten will. Die sich die Welt zurecht lügt, wenn der Abgleich zwischen Wunschbild und Realität eine Differenz bildet. Und die andere Mutter? Von ihr hat ihr Sohn das Genie geerbt, das ihn unter anderem die komplizierte Konstruktion bauen ließ, mit der er das kleine Mädchen ermorden wollte. Doch von dieser Mutter wird in „Geständnisse“ nur berichtet, denn sie verließ die Familie vier Jahre vor der Handlung, und ließ einen Sohn zurück, den sie zwar misshandelt hatte, der sich aber trotzdem voll Sehnsucht nach ihr verzehrte. Die Aufmerksamkeit dieser abwesenden Mutter zu erlangen, ist die eigentliche Triebfeder, die die gesamte Handlung in Gang bringt. Und es, nebenbei bemerkt, Kanae Minato erlaubt, dem Buch einen Schluss zu geben, der den Leser ein staunendes Erschrecken entlockt.

Es ist ein unerbittliches Buch voll Rachedurst, bei dem doch die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen. Niemand hier ist wirklich gut, und selbst jene, die wir am Ende in die Schublade mit der Aufschrift „Böse“ einordnen würden, sind eigentlich doch auch nur Opfer. Überhaupt, wenn alle handelnden Personen in „Geständnisse“ eines gemein haben, dann ist es ihre Rolle als Opfer. Opfer, für die dieses Buch am Ende kein Happy End bereithält, vielleicht nicht einmal Genugtuung oder gar Gerechtigkeit.

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.
Thomas Matterne