Es war ein kalter Winter in Königsberg. 1916, der 1. Weltkrieg, den man damals noch den großen Krieg nannte, befand sich bereits im 3. Jahr. Im Westen gruben sich Armeen ein, und wer nicht schnell genug in den Schützengräben war, krepierte elendig. Im Osten sah die Lage für das Deutsche Kaiserreich besser aus, man drängte von Ostpreußen aus die Truppen des Zaren nach Russland zurück. Und doch war der Krieg ganz nah, als an diesem kalten 13. Februar ein Frühchen zur Welt kam, kaum mehr als 2 ¾ Pfund brachte es auf die Waage. An einen Brutkasten war gar nicht zu denken, aber das kleine Mädchen hielt durch. 102 Jahre später starb Ruth Geede, als die wahrscheinlich älteste aktive deutsche Journalistin, und konnte nicht nur auf ihr eigenes bewegtes Leben zurückblicken, sondern auch auf jene von unzähligen ihrer Landsleute, die sich in den letzten Jahrzehnten nach Flucht und Vertreibung durch ihre Hilfe wiedergefunden hatten.

Als ich ein kleines Kind war, verbrachte ich die Nachmittage immer bei meinen Großeltern und meinem jüngsten Onkel, der noch bei ihnen im Haus lebte. Mein Großvater war ein alter Schlesier. Sein ganzes Leben hat er hart in der Zuckerfabrik gearbeitet, und wenn er dann am Abend nach Hause kam, dann hat er sich erst einmal in seinen Sessel gesetzt, sich eine Zigarette nach der anderen angezündet und auf den Kaminofen gesehen. Ein stiller Mann, der keine überflüssigen Worte verschwendete, sondern eben nur sagte, was zu sagen war. Und kurz nachdem er aus der Fabrik kam, holte mich meine Mutter dann auch schon ab. Montag bis Donnerstag ließ ich mich auch abholen, aber am Freitag konnte man sich sicher sein, dass der kleine Junge anfing zu bitten und zu betteln doch über Nacht bleiben zu dürfen. Und wie das mit kleinen Kindern so ist, manchmal konnte ich mich damit auch durchsetzen.

Keine Klagen, und doch Sehnsucht nach der alten Heimat

Von mef.ellingen – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11398552

Mein Onkel arbeitete damals in einer Bäckerei ein paar Straßen weiter, und bekanntlich müssen Bäcker recht früh aus dem Haus. Und so hatte es sich meine Großmutter zu eigen gemacht, ihren Jüngsten immer zu wecken. Während der Großvater also irgendwann schlafen ging, blieb sie in der guten Stube, um auf den Morgen zu warten. An diesen glücklichen Freitagen aber, da verließ mein Großvater seinen Sessel – in den sich zu setzen unterm Tag nie jemand gewagt hätte – und kaum waren seine Schritte die Treppe hinauf zu hören, da saß ich dann schon im Sessel. Meine Großmutter nahm sich dann einen Stuhl, setzte sich mir gegenüber und begann zu erzählen. Oft sprach sie von Jesus, sie war eine tiefgläubige Protestantin. Aber oft sprach sie auch von damals, von ihrer Kindheit und Jugend in Ostpreußen. Und sie erzählte von der Flucht über die Ostsee, wie sie als junge Witwe, ihr erster Mann, der Vater meiner beiden älteren Onkel war im Krieg gefallen, mit ihren Jungens vor der Roten Armee floh. Über Dänemark die britische Besatzungszone erreichte, und es sie schließlich nach Franken verschlug, wo sie eine neue Familie gründete und noch einmal drei Kinder bekam. Darunter eben auch mein eigener Vater.

Als kleiner Junge verstand ich nicht viel von dem, was sie berichtete. Mir fehlte das Wissen, die Erfahrung, es richtig einzuordnen. Aber ich fühlte wohl, wie aufgewühlt sie noch immer war. Und wie sehr sie ihre alte Heimat vermisste, auch wenn es ihr nie in den Sinn gekommen wäre sich über ihr Schicksal zu beklagen, schon gar nicht beim lieben Gott.

Als sie starb, war ich noch immer ein kleiner Junge …

Die Vertriebenen aus jenen ehemals deutschen Gebieten, die heute teils zu Polen, teils zu Russland oder auch Litauen gehören, haben sich nach dem Krieg organisiert. Das war ihr Weg, in der neuen Heimat ihre alte Heimat am Leben zu halten. Sie gründeten ihre eigenen Zeitungen, so entstand auch das Ostpreußenblatt. Heute ist es nur noch eine Beilage der sogenannten Preußischen Allgemeinen Zeitung. Eine Wochenzeitung, die ich niemanden wirklich empfehlen kann, ein den rechten Rand streifendes Blatt. Kurz, kein Ruhmesblatt der deutschen Zeitungslandschaft. Und doch habe ich mir die Zeitung immer wieder gekauft, wegen der Beilage „Ostpreußenblatt“.

„Wir waren Deutsche, und hatten alle das gleiche Schicksal, auch wenn diejenigen, die noch alles besaßen es manchmal nicht glauben wollten. Wir hatten ja alle den Krieg verloren.“

Ruth Geede

Seit jeher gab es dort die Rubrik „Ostpreußische Familie“. Zuerst war sie als eine Art Schwarzes Brett für die Vertriebenen gedacht, doch mit der Zeit bekam die Rubrik auch eine ganz andere Funktion. Statt bloßer Suchanfragen, wurde die Rubrik zu einer wöchentlichen Reise ins ehemalige Ostpreußen. Noch zu meiner Zeit nahm die „Ostpreußische Familie“ immer die gesamte zweite Seite ein. Und irgendwie hörte sich so manches, was ich dort las an, als würde meine Großmutter erzählen.

Fast 40 Jahren lang leitet Ruth Geede die Rubrik, selbst als sie bereits 100 Jahre alt geworden war, konnte sie nichts davon abhalten „ihre“ Rubrik weiter zu betreuen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, sie war zu so etwas geworden, wie die Mutter der ostpreußischen Familie.

Über die Jahre hinweg die Menschen wiedervereint

Die Rubrik war nicht mehr nur dazu da verschwundene Verwandte und Freunde zu finden, etwas was nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich wieder aktuell wurde, sondern auch um zu erzählen. Von der Kindheit und der Jugend in einer Heimat, die die meisten von ihnen nie wiedergesehen haben. Immer eingebettet in die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen über ihre alte Heimat, verband Ruth Geede diese Geschichten zu einer Einheit. Und besonders gerne schrieb sie natürlich auch über das Wiedersehen, das sie vielen Menschen mit ihrer Rubrik ermöglichte. Kinder, die in einem Treppenhaus in Königsberg gemeinsam gespielt hatten und sich 70 Jahre später als alte Männer in die Arme fielen. Brüder, die ihre Schwestern wiederfanden, Schwestern ihre Brüder. Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern. Der Trost, im Angesicht der vielen, denen ein Wiedersehen verwehrt blieb: von den eisigen Fluten der Ostsee, dem brechenden Eis unter den Wagentrecks oder – wohl am schlimmsten – den wegen deutscher Verbrechen nach blutiger Rache sinnenden Russen.

„Ich bin auch von einem Bauern mit den Hunden vom Hof gehetzt worden, weil ich ein Ei für meine Mutter wollte, die gallenkrank war.“

Ruth Geede

Ruth Geede war das, was man zu Recht eine Vollblutjournalistin nannte. Sie war Schriftstellerin und Verfasserin von Theaterstücken. Und oft stand ihre alte Heimat Ostpreußen im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Als junge Frau tat sie ihre ersten journalistischen Gehversuche beim Rundfunkt in Königsberg. Dort kämpfte sie für den Erhalt der ostpreußischen Mundart, ja Dialekte waren schon damals dabei auszusterben. Nach der Flucht arbeitete sie bei der Lüneburger Zeitung, begann parallel aber bereits 1950 mit ihrer Mitarbeit beim Ostpreußenblatt. Sie schrieb Kinderbücher, Hörspiele und Theaterstücke. 1985 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, im Jahr 2000 das Preußenschild, die höchste Auszeichnung der Landsmannschaft Ostpreußen. Man muss nicht betonen, dass sie beides zweifellos zutiefst verdiente. Geboren am 13. Februar 1916 in Königsberg, starb sie am 17. April 2018 in Hamburg. Ruth Geede, Mutter der ostpreußischen Familie, ihre Familie wird sie vermissen.

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1990-001-30 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

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