Ein Buch lesen. Was heißt das eigentlich? Ich kann etwas auswendig lernen, wie in der Schule, einen Monat später wieder vergessen. Keine Schlüsse daraus gezogen, nichts verstanden. Es geht ab wie im Film. Was bleibt über von einer Lektüre? Nichts, Vorurteile, bereits gewusst und erfahrene Umstände. Sogar wenn man ein Buch studiert, darüberschreibt, sich intensiv damit beschäftigt. Nach einer gewissen Zeit ist alles Wissen dahin und alle Erfahrung oder Sinneswahrnehmung die man dadurch gehabt hat.

Wenn wir vor uns blicken – eine undurchsichtige Wand! Wenn wir links und rechts blicken: ein Übermaß wichtiger Geschehnisse, ohne erkennbare Richtung. Wenn man aber zurückblickt, ist wie durch eine wunderbare Fügung alles Ordnung und Ziel geworden. Wir erleben in jedem Augenblick das Geheimnis einer wunderbaren Führung.
…. ein ganzes Volk zu zwingen, dass es sich auf den Willen, die Eingebung und das Wesentliche besinne, welches tiefer als der Verstand liegt.
Große Geschehnisse sind immer Ausdruck einer allgemeinen Lage. …. in der Weltgeschichte geschieht nichts Unvernünftiges. In der Welt aber doch so viel? In der Weltgeschichte niemals.
….denn wenn das Tier einsam ist und ihm alle vier Weiten des Raums offen stehen, so läuft oft ein irrsinniges Zittern durch seinen Schädel und es stürmt ziellos fort, stürzt sich in eine schreckliche Freiheit, die in eine Richtung so leer ist wie in der anderen, bis es vor Ratlosigkeit stillsteht und mit einer Schüssel Hafer zurück zu locken ist!
Die Kraft, die man im Frieden entfaltet haltet den Krieg fern oder kürzt ihn zumindest ab.
Märchenhaft und unheimlich schwoll das Leben an, durch einen Türspalt und eine Einbildung gesehen.

Robert Musil : Der Mann ohne Eigenschaften (Seiten 172-181)

Unser Gehirn ist wie das Internet. 90% davon gehören auf den Müll, denn wir treiben Unsinn damit. Wir können uns einfach nicht mit den 10% begnügen. Herz und Gehirn sind Illusionen, die Gott uns zum Spielen geschenkt hat. Gott ist die Realität, man kann sich ihm gar nicht widersetzen. Er ist stärker, mächtiger, herzlicher.

Gott du bist mein Licht, du bist meine Geborgenheit, du bist meine Liebe, meine Treue, meine Trauer, meine Logik, mein Verstand und mein Vertrauen. Bleib bei mir und ich werde Mensch bleiben.

Denn Wörter sind trügerisch. Jeder nimmt sie so auf wie er gerade kann, in der Stimmung, in der er sich gerade befindet, also Wörter sind Schein, Illusion und doch sind sie da und bewirken auch etwas in uns Menschen!

So ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt….wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wissbegierde (Metaphysik) nicht bloß verlässt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält, und am Ende betrügt!

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft S.25-27

Ein Ding kann entweder beobachtet werden oder benützt werden. Beides gleichzeitig geht nicht. Ein Ding kann im Laufe der Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Die Erfahrung bestimmt ob ich das Ding benütze oder nicht. Vor der Erfahrung geht die Erkenntnis dieses Ding haben zu wollen oder zu brauchen.

Wie liest man ein Buch?!

Mich beschäftigt oft die Frage wie Menschen das Gelesene behalten bzw. geistig verarbeiten. Wie viel von der Handlung, von der Intention des Autors, von den Nuancen, vom Fachwissen verstehen sie, wie viel merken sie sich eine Zeit lang, für immer, gar nicht? Kann man ein Werk egal welcher Natur, ob ein Roman, einen Aufsatz, ein Comic, ein Theaterstück oder einen Zeitungsartikel objektiv richtig verstehen, gibt es Parameter, wonach jeder das gleiche verstehen muss, soll, tut. Kann man Wissen und Wörter, Bücher und Inhalte einer allgemeinen Objektivität unterordnen. Wie wirken sich die Umwelt und mein Erleben und meine Erfahrungen auf das Lesen aus? Hier einige Gedanken und Feststellungen zum Bücherlesen (warum lese ich gerade dieses Buch z.B.):

Zunächst einmal muss der Vorgang, der Anlass und der Zeitpunkt bzw. die Zeitdauer des Lesens betrachtet werden.

Der Vorgang bezieht sich auf meine Konzentrationsfähigkeit: oft hab ich gelesen ohne dass ich mich auf das konzentrieren konnte was drin stand, ich dachte an andere Sachen und bildete mir ein ich würde lesen. Das Lesen kann somit eine Art Meditation werden, ich lese und denke dabei an etwas anderes. Zum Vorgang des Lesens gehört auch dazu wo und wie ich lese. Lese ich im Stehen, im Sitzen, liegend, im Bett, zu Hause, im Bus, in der Schule usw. Beeinflussen die Orte die Interpretation der gelesenen Wörter? Wenn ich das gleiche Buch daheim und im Bus lesen würde, würde ich dasselbe darüber denken und verstehen? Lese ich langsam oder schnell, genau oder ungenau, so dass ich alles verstehe oder so dass ich das Gröbste verstehe? Lese ich laut oder leise, für mich selbst oder lese ich etwas vor?

Der Anlass bezieht sich auf die Buchauswahl und Motivation, d.h. warum lese ich ein bestimmtes Buch. Wie wähle ich das Buch aus? Lese ich ein bestimmtes Buch, weil es mir jemand empfohlen hat? Weil ich eine Prüfung darüber ablegen muss? Oder lese ich ein Buch nur weil es mich interessiert? Assoziationen, Instinkt usw. spielen bei der Auswahl eine Rolle oder nicht? Gehört der Inhalt des Buches zu meinem Beruf oder nicht? Will ich damit was anfangen oder nicht?

Welche Motivation steckt hinter meiner Auswahl? Will ich das gelesene lernen und behalten, wie z.B. eine Sprache, die oft wiederholt werden muss? Bereite ich mich auf eine Reise vor?

Der Zeitpunkt bzw. die Zeitdauer bezieht sich auf die Zeit und die Dauer die ich beim Lesen brauche. Ich habe ein Buch: lese ich es in einem Stück durch, lese nur immer wieder ein paar Seiten, lese ich es überhaupt zu Ende? Beeinflusst die Dauer wiederum mein Verstehen? Wenn ich z.B. 5 Stunden lang das gleiche Buch lese, bin ich dann eingelesener, verstehe ich dann besser worum es sich handelt als wenn ich immer wieder ein bisschen lese? Ab wann nimmt dann die Konzentrationsfähigkeit ab, d.h. wenn ich auf einem Stück lese, leidet mit der Zeit meine Bereitschaft auf die Details oder umgekehrt auf die Zusammenhänge Acht zu geben? Verliere ich mich in Wörter und Sätze. Reicht meine Vorstellungskraft usw.

Wann lese ich? In der Früh, am Abend, in der Nacht? Wie wirkt sich das auf die Rezeption des Buches aus?

Womit hab ich mich unmittelbar vor dem Lesen beschäftigt, baue ich das ein beim Lesen oder nicht? Z.B. ich habe gerade einen Horrorfilm angeschaut, der mir Angst eingejagt hat, dann lese ich einen lustigen Roman: verändert mich das auch psychisch, bin ich dann besser aufgelegt und wie ist das, wenn ich einen lustigen Film angeschaut habe und dann ein lustiges Buch lese, wird der Spaß verstärkt oder abgeschwächt? Wie ist meine emotionale Verfassung beim Lesen? Bin ich müde, grantig, traurig, glücklich, neutral, faul?

Man muss trennen zwischen dem Buch als Objekt samt Autor und mein Verhalten dazu. Ich habe ein Buch. Was stelle ich bei der Lektüre damit an? Wo, wann, warum, wie lese ich?

Mit welchen Voraussetzungen lese ich ein Buch? Besitze ich genügend Vorwissen? Muss ich viele Wörter und Wendungen nachschauen? Kapiere ich alles was drin steht und kümmere ich mich darum das zu verstehen?

Lese ich ein Buch aus einer bestimmten Perspektive?

Ich lese einen Roman wegen der Sprache und Wörter, die darin vorkommen, d. h. sprachspezifisch auf die Grammatik achtend, oder will ich nur den Inhalt wissen? Lese ich es in meiner Muttersprache oder in einer Fremdsprache? In der Originalsprache oder in der Übersetzung. Und wie wirken sich diese Komponenten wiederum auf das Verstehen aus?

Wie beschaffe ich mir das Buch?

Kaufe ich es, leihe ich es aus, bekomme ich es als Geschenk, finde ich es?

Konzentriere ich mich Satzweise oder Seitenweise oder behalte ich den Überblick?

Bewerte ich die Sätze, nehme ich sie nur subjektiv und assoziativ wahr oder bemühe ich mich die Intention des Autors zu durchschauen bzw. so objektiv wie möglich zu bleiben? Kritisiere ich das gelesene? Bin ich gefühlsmäßig involviert (gerührt, aggressiv, neugierig usw.)?

Wenn ich das Buch fertiggelesen habe, was bleibt am Ende über? Woran kann ich mich erinnern und für wie lange? Lese ich andere Bücher von dem Autor, wenn er mir gefällt, oder lese ich ähnliche Geschichten?

Welterfahrungen: War ich z.B. schon an den Orten, die beschrieben werden oder nicht? Wie wirkt sich das beim Interpretieren aus? Habe ich die gleichen Erlebnisse gehabt, oder sind das mir unbekannte Erlebnisse, die erzählt werden? Kann ich sie mir vorstellen? Stelle ich mir das gelesene in Bilder vor, oder in Wörter oder nur geistig, denke ich bestimmten Gedanken weiter?

Lese ich ein Buch mehrmals oder nur einmal? Wenn ich das Buch zwei Mal lese, nehme ich dann das gleiche wahr oder kommen andere Interpretationen zum Vorschein? Was passiert, wenn ich ein Buch zweimal hintereinander lese oder wenn ich zwischen dem nochmaligen Lesen viel Zeit verstreichen lasse?

Wirkt sich meine momentane Verfassung auf das Verstehen aus?

Ich glaube, dass all diese Faktoren mitberücksichtigt werden müssen, wenn ich ein Buch lese. D.h. ein Buch kann ich beliebig oft lesen, es wird immer was anderes rauskommen.

Stichworte die beim Lesen eine Rolle spielen bzw. beeinflussen wie ich auf das gelesene reagiere und wie ich das gelesene verstehe:

Konzentration (wie konzentriert bin ich beim lesen)

Laut/Leise

Ort (Wo lese ich)?

Umwelt (wie wirkt sich die Umwelt aus)?

Tageszeit (wann lese ich)

Dauer (wie lange lese ich)

Auswahl und Motivation (welches Buch lese ich und warum)

Subjektives Empfinden (emotionale Verfassung beim Lesen)

Bewerten und Kritisieren (fühle ich mich persönlich angegriffen?)

Merkfähigkeit (wie viel bleibt von einem Buch hängen und für wie lange)

Mehrmaliges Lesen (wie oft lese ich ein Buch)

Erfahrungen, Vorstellungsvermögen (Verstehe ich aufgrund eigener Erfahrungen oder nicht und was mache ich aus dem Gelesenen)

Vorwissen (Besitze ich Vorkenntnisse, kann ich das Buch in einem größeren Zusammenhang sehen)

Perspektive: (Worauf lege ich Wert? Auf den Inhalt, auf die Sprache, nur auf Teile vom Inhalt z.B. auf Landschaftsbeschreibungen….)

Voreingenommenheit (kenne ich die Handlung schon, hab ich zuerst den Film gesehen?)

Auswirkungen auf mein Leben und auf meine Einstellung (gibt es reale Auswirkungen, kann mich ein Buch so ergreifen, dass ich meine Einstellung oder mein Leben ändere)?