Diese Frage habe ich gerade beim Scrollen auf der Facebookseite gelesen und sie passt zu meiner momentanen philosophisch-gefühlsmäßigen Denkaufgabe. Bei dieser Frage muss ich unweigerlich an den phänomenologischen Philosophen Hans Blumenberg denken, Schüler von Edmund Husserl und Verfasser des Hauptwerks: „Zu den Sachen und zurück“. Ein für meine Assoziation ausschlaggebendes Werk von Hans Blumenberg, das ich neben „Die Lesbarkeit der Welt“ zur Gänze gelesen habe ist: „Beschreibung des Menschen“.

Dadurch, dass der Mensch als einziges Wesen aufrecht geht, geht es in der phänomenologischen Betrachtung des Menschen um die Frage des Sehens und gesehen Werdens. Was passiert, wenn man nicht gesehen wird, und das nicht nur im Straßenverkehr wohlgemerkt, sondern von anderen Menschen, von einem anderen Menschen, vielleicht von dem Menschen, den man selbst am meisten und besten sieht, in einer Beziehung zum Beispiel? Das verletzt die Seele – nicht gesehen zu werden stürzt einen in die Einsamkeit, aber nicht in die gesunde, sondern in die krankhafte, in die Depression, in die Sinnlosigkeit, in die Bedeutungslosigkeit. Und jeder von uns möchte eine Bedeutung haben. Bedeutung. Jeder von uns möchte wichtig sein.

Wenn sich nun das Gegenüber wichtigmacht, dann muss derjenige, der ihm zusieht, eben zusehen und wird selbst nicht gesehen. Aber vielleicht wird er zu einem anderen Zeitpunkt gesehen, später sozusagen, umso mehr gesehen, unter der Prämisse, dass er dieses Thema anspricht. Denn unsere Gesellschaft heute, vielleicht auch gestern, war und ist voll von Egoisten, die nur sich selbst sehen und darüber hinaus auch gesehen werden wollen, aber ich sehe und ich werde gesehen sind zwei verschiedene Paar Schuhe, da ist so etwas wie Dialektik im Spiel. Entweder ich werde gesehen oder ich sehe, beides gleichzeitig geht nicht. Egoisten und Narzissten wollen nur gesehen werden, ohne selbst zu sehen. Altruisten und passive Menschen, Philosophen sehen. Sobald ich aktiv bin, aktiv werde, sehe ich auch, aber nur mich selbst. Gesehen werden kann nur der, der entweder penetrant vor einem steht und gesehen werden will oder es passiert im subtilen Sinne in Gedanken aufgrund von Überlegungen und Assoziationen oder aufgrund von Entscheidungen. Ich will dich sehen, deshalb beschäftige ich mich mit dir und sehe dich.

Gerade in Beziehungen zwischen zwei Menschen kommt dieses Thema ganz groß zur Sprache. Ich will von meinem Partner gesehen werden, ansonsten leide ich und ich will ihn sehen, ansonsten habe ich das Gefühl, ihn nicht zu lieben. Diese Direktheit kann so weit gehen, und geht heute in Beziehungen auch immer mehr in diese Richtung, auch in der Beziehung zwischen Mutter und Kind oder Eltern und Kindern, dass man körperlich und geistig anwesend sein sollte, um das Gegenüber zu befriedigen. Die geistige Komponente wird mehr oder weniger ausgeblendet, sobald dieser Mensch körperlich vor einem steht, denn da gelten andere Gesetze der geistigen Wahrnehmung. Das ist so, wie wenn man etwas schreibt oder in Echtzeit mit jemanden redet. Beim Sprechen ist man viel mehr auf sich konzentriert als beim Nachdenken oder Schreiben. Denn Sprechen ist ein Akt, eine Aktion und nur in der Passivität kann ich etwas oder jemanden sehen. Sobald ich spreche ist zumindest die Hälfte meiner Konzentration auf mich fixiert, damit ich das sagen kann, was ich will und mein Körper dafür auch einsetze kann, meine Stimme in diesem Fall, verliere ich dadurch die Konzentration auf meinem Gegenüber. Fragen zu stellen würde schon bedeuten, dass ich um dieses Problem der Konzentration auf sich selbst weiß und davon loskommen möchte, indem ich den anderen zu Wort kommen lassen möchte.

Dem anderen zuzuhören muss nicht unbedingt bedeuten, ihn auch zu sehen. Denn beim Zuhören könnte ich mit meinen Gedanken auch irgend woanders hin driften und mein Gesprächspartner würde es erst bemerken, wenn ihm mein Zuhören wichtig wäre. Wenn er sich selbst gern sprechen hört, dann wird ihm das nicht wichtig sein, ob ich ihm zuhöre oder nicht, es ist ihm nur wichtig, dass irgendjemand dasteht, damit er das Gefühl hat, dass ihm jemand zuhört.

Sehen und gesehen werden, wie in der Boulevardpresse am Oberflächlichsten dargelegt, ist anscheinend wirklich ein wichtiges und dem Menschen inhärent gegebenes Thema. Und bei diesem Thema gibt es alle möglichen Varianten, Missverständnisse und Über- und Untertreibungen. Berühmte Menschen werden von vielen gesehen, aber nur zu bestimmten Anlässen, wenn diese Berühmtheiten vor Publikum auftreten. In der übrigen Zeit werden sie meistens nicht gesehen, da sich das Publikum beziehungsweise die Individuen, die das Publikum bilden, um ihr eigenes Leben kümmern und höchstwahrscheinlich selbst gesehen werden wollen, vom Partner, vom Freund, vom Arbeitskollegen oder von wen auch immer. Jedenfalls ist die berühmte Person dann aus dem Sinn, für einen bestimmten Menschen, für den, der ihn bei einem Konzert zum Beispiel live erlebt hat. Deshalb sind Berühmtheiten auch oft sehr einsam, denn sie sind für viele, für alle da, aber für niemanden Bestimmten. Die einzelnen, die alle ausmachen, das Publikum zum Beispiel, werden austauschbar, es ist egal, ob genau dieser oder jener Mensch Teil des Publikums wird, Hauptsache es ist ein Publikum da, das einen sieht, viele Augenpaare, von wem diese stammen ist unerheblich. Die Einsamkeit oder die Leere ergibt sich am Ende des Konzerts, wenn sich das Adrenalin wieder normalisiert hat deshalb, weil das Publikum aus beliebigen Individuen zusammengestellt war. Außer wenn im Publikum eine bestimmte Person war, von der man unbedingt gesehen werden wollte, ein Liebespartner zum Beispiel. Dann wird man darauf bedacht sein, wissen zu wollen, was dieser Liebespartner von dem Auftritt gehalten hat, denn im Prinzip trat man nur wegen dem Liebespartner auf, die anderen waren lediglich Zierde.

Sehen und gesehen werden kann man auch nur im Geiste, in der Erinnerung oder in der Erwartung auf die Zukunft. Ich kann an einen Menschen denken, dann sehe ich ihn in meinen Gedanken, er/sie wird von mir gesehen. Er/sie ist eine angesehene/r Frau/Mann, obwohl er/sie es gar nicht weiß, außer er/sie tritt eben vor Publikum auf, dann wird er von vielen gesehen, aber wird er von ihnen auch im Geiste wahrgenommen? Viele gehen zu Konzerten und Vorträgen und hören oder sehen gar nichts, oder ganz andere Dinge, sie sind vielleicht nur zu dem Konzert gegangen, weil sie dort jemanden anderen sehen wollten, jemand aus dem Publikum, zum Beispiel. Es ist ja nicht so, dass jeder, der zum Konzert eines sagen wir „Rocksängers“ zum Beispiel geht, ausschließlich wegen dem Rocksänger hingeht. Sehen und gesehen werden in letzter Konsequenz heißt im Prinzip von einem Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gesehen werden oder einen Menschen sehen und das nicht nur äußerlich, sondern auch in seinem Geiste, im Inneren und jeder von uns wünscht sich eigentlich gesehen zu werden und zu sehen, da spielt sich nämlich das Leben auch ab.

Wenn ich nicht gesehen werden will, dann aus dem Grund, dass ich selbst ein Sehender bin und umgekehrt, wenn ich gesehen werden will dann, weil ich selbst nicht sehen möchte. Das Problem in Beziehungen ist, dass die Partner, dadurch, dass sie unterschiedliche Sichtweisen haben, unterschiedliche Intensitäten in ihren Sichtweisen, sich oft missverstehen und dadurch verletzen, dass sie sich gegenseitig nicht genügend oder zu viel sehen und gesehen werden. Wenn jemand introvertiert ist, dann will er gar nicht, dass man alles sieht und sieht vom anderen auch nicht alles und das mit gutem Gewissen. Der andere, der vielleicht extrovertiert ist, hingegen, will alles sehen und will, dass der andere alles sieht. Da werden Grenzen überschritten, die zu Verletzungen führen. Die Konvention schreitet dann als Regler ein und man hält sich dann an ihr fest, wenn man nicht mehr weiterkommt. Das darf man und das darf man nicht, dieses Regelwerk, das sich aber von Generation zu Generation durchaus ändert, wird dann herangezogen in der Hoffnung, nicht so viel Leid zu erfahren.

Gesehen zu werden und zu sehen sollten sich vielleicht die Waage halten, dieses Verhältnis sollte in einer Beziehung nicht allzu einseitig sein, denn ansonsten geschieht Leid und Verletzung. Dass es nicht möglich ist, im selben Augenblick sowohl zu sehen als auch gesehen zu werden ist klar. Es geht um die zeitliche und räumliche Komponente. In einer Beziehung sollte sich das die Waage halten, 50:50 wäre optimal, auch wenn nie erreichbar. Dieses 50:50 Verhältnis könnte sich der Mensch aber dadurch schaffen, dass er das Sehen und gesehen werden nicht nur an einem Menschen festmacht, an einer ausschließlichen Beziehung, sondern mehrere Beziehungen dafür eingeht. Wenn der eine Partner, der eine ausschließliche Beziehung haben möchte, diese aufgrund des anderen Partners nicht bekommt, weil der andere Partner viele andere Sachen und Menschen auch sieht, dann muss sich der eine Partner damit helfen, nicht nur seinen Partner zu sehen sondern andere Menschen und Dinge zu sehen, sich sozusagen an seinen Partner anpassen.

Einst sah man sich von einem sogenannten Dritten, von Gott zum Beispiel oder von der Konvention eines Gottes beobachtet. Robert Pfaller, ein österreichischer Philosoph, hat sich eingehend in seinen Büchern damit beschäftigt. Die Einbildung hat ja auch keine Grenzen, man kann sich ja einbilden von vielen gesehen zu werden oder noch besser, von nur einem, dann sind wir wieder beim Monotheismus, denn viele werden vieles sehen, viel Verschiedenes, einer wird nur das sehen, was er sieht. Was ist nun besser? Von vielen oder von nur einem gesehen zu werden? Schwerer ist es von nur einem gesehen zu werden und nur einen zu sehen, denn der andere ist der Fremde in mir und je mehr ich ihn sehe desto mehr sehe ich die fremden Aspekte meiner selbst. Die Gewohnheiten des anderen sind mir fremd und eine Gewohnheit ist etwas, das sich in der Zeit wiederholt und als Eigenschaft festigt. Viele zu sehen oder von vielen gesehen zu werden ist leichter, denn dann sehe ich viel Verschiedenes, bin sozusagen nicht so involviert und in gewisser Weise abgelenkt. Sich nur mit der Sonne zu beschäftigen bedeutet, die Sonne nicht nur oberflächlich zu sehen, sondern sie in all ihrer Tiefe erfassen zu wollen. Ich kann die Sonne und den Mond und die Wolken und den Himmel und dann wieder die Erde sehen, dann sehe ich zwar ein bisschen, aber nur als Teil von einem Ganzen. Und genauso funktioniert auch der Grad der Beziehung, der entweder dahin geht, dass ich den Menschen mehr oder weniger sehe, je nachdem, wie lange und wie intensiv ich mich mit ihm/ihr beschäftigt habe.

Ich will gesehen werden bedeutet außerdem etwas anderes als ich werde gesehen. Ich will gesehen werden bedeutet eigentlich, dass ich mich gar nicht sehen will, denn ich will mich abgeben, ich will, dass mich der andere sieht. Ich werde gesehen heißt, dass ich mich auch selbst sehe. Ist milder, nicht so aggressiv, nicht so reaktionär und außerdem funktioniert es gar nicht. Denn „ich will“ beinhaltet in letzter Konsequenz einen Zwang. Ich kann niemanden zwingen mich zu sehen, kann ich schon, aber in dem Zwang geht dann vieles an geistiger Möglichkeit und Breite verloren. Es wird eng, ich sehe dann nur, dass ich gezwungen wurde, jemanden zu sehen und eigentlich meinen aber viele eher, sie wollen ungezwungen gesehen werden, freiwillig oder aus Interesse sozusagen. Wenn ich jemandem meinen Willen des Gesehen-werdens aufzwinge, dann sieht er zwar meinen Willen, aber mehr nicht.