Es kann jeden treffen, der sich im Internet bewegt. Ob als Mensch, Organisation oder Unternehmen. Und steht man erst einmal im Zentrum eines Shitstorms, ist es meist schon zu spät.

Vor kurzem blätterte ich wieder einmal in „Im Schwarm – Ansichten des Digitalen“ des koreanischen Philosophen Byung-Chul Han. Dort erinnert er an den deutschen Philosophen Carl Schmitt, zu dessen bekanntesten Aussagen gehörte, „souverän ist, wer über den Ausnahmezustand gebietet“. Byung-Chul Han bringt diese Aussage in unsere heutige Zeit, in dem er schreibt: „Souverän ist, wer über die Shitstorms des Netzes verfügt.“

Was ist ein Shitstorm?

Ein gutes Bild für einen Shitstorm haben die alten Schwarz-Weiß-Verfilmungen von Horrorgeschichten wie Frankenstein geschaffen. Einen Shitstorm muss man sich ungefähr so vorstellen, wie eine Gruppe aufgebrachter Dorfbewohner, die mit Mistgabeln und Fackeln losstürmen – nur eben digital. Man braucht also nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass man nicht im Zentrum eines Shitstorms stehen möchte. Doch wer sich im Netz bewegt, gerade bei Angeboten wie Facebook oder Twitter, setzt sich schnell der Gefahr aus, gerade dort zu landen.

Oft trifft es Personen des öffentlichen Lebens wie Politiker, Schauspieler oder Medienleute, aber auch Unternehmen oder Organisationen. Eine provokante oder auch nur missverständliche Aussage kann ihn schon auslösen – und dann ist guter Rat teuer. Hunderte, tausende User rotten sich dann zusammen und kommentieren, posten oder tweeten um die Wette, um die wirkliche oder auch nur hineininterpretierte Untat zu brandmarken. Mit sachlicher Kritik halten sich dabei nur wenige auf, meist geht es unter die Gürtellinie und nicht selten werden sogar Drohungen ausgesprochen. Besonders gefährdet ist man bei politischen oder gesellschaftlichen Äußerungen. Als der italienische Nudelfabrikant Barilla betonte, er würde nur Werbung mit dem klassischen Familienbild von Mann, Frau, Kind machen, aber nicht mit einem homosexuellen Pärchen, musste er sich einem Shitstorm stellen. Als eine deutsche Journalistin hinter einen Tweet bei Twitter ein „#Nazis raus“ setzte, das nicht so recht in den Zusammenhang passte, ergoss sich ein rechter Shitstorm über sie, in dem man ihr sogar drohte sie zu vergewaltigen. Wer vor einem Shitstorm sicher sein will, kann praktisch nur noch über das Wetter reden – und auch dort sollte er jedes Wort mit äußerstem Bedacht wählen.

Für manche kann ein Shitstorm auch Konsequenzen in der realen Welt haben, wie die Geschichte einer amerikanischen Werbemanagerin vor einigen Jahren deutlich vor Augen führte. Ehe die junge Frau in einen Flieger nach Südafrika stieg, twitterte sie über die hohe Aidsrate dort bei der schwarzen Bevölkerung. Während des Fluges ergoss sich ein bis zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gekannter Shitstorm über sie, den sie erst nach ihrer Landung in Südafrika mitbekam. Innerhalb kurzer Zeit reagierte ihr Arbeitgeber und setzte die junge Frau vor die Tür. Aids mag in Südafrika tatsächlich bei der schwarzen Bevölkerung überproportional verbreiteter sein, als bei der weißen oder indischen Minderheit, es in einen Zusammenhang zu bringen löste aber den Rassismusvorwurf aus.

Wie gehe ich mit einem Shitstorm um?

Die Reaktionen der Betroffenen hängen dabei immer vom jeweiligen Fall ab. Unternehmen etwa, die durch eine unbedachte Marketingaktion in einen Shitstorm geraten, geben oft innerhalb von Minuten nach und entschuldigen sich in großen Worten für ihren Fehler. In gewisser Weise hoffen sie auf eine Gnade, die sie allerdings nie bekommen, da ihre Entschuldigung längst nicht mehr die Mehrheit der am Shitstorm beteiligten User erreicht. Und wenn doch, wird ihre Entschuldigung als das gesehen, was sie nicht selten ist. Eine Entschuldigung, weil man muss, nicht weil man eine Schuld eingesehen hat. Man übersteht einen Shitstorm nicht durch eine gelungene Gegenreaktion, sondern weil sich die Wut und der Hass aus dem Affekt, die den Shitstorm auslösen, irgendwann erschöpft hat. Oder weil es schlicht und einfach den Nächsten trifft. Ein paar Unternehmen haben das begriffen und sitzen Shitstorms aus, ohne nachzugeben. Bekannt dafür ist in Deutschland zum Beispiel ein großes Molkereiunternehmen, das schon mal in einen Shitstorm von Linken geriet, weil es einen österreichischen Volks-Rock’n’Roller als Werbegesicht engagierte, der diesen zu weit rechts stand. Dahinter steckt natürlich auch ein wenig die Ansicht, wir können ohnehin nichts tun, aber wir können das mit erhobenem Haupt durchstehen. Das ist vielleicht auch die beste Methode, denn der Shitstorm suggeriert zwar Größe, dürfte aber in den seltensten Fällen tatsächlich die Meinung der Mehrheit vertreten.

Wer greift zu Mistgabeln und Fackeln?

Das Merkwürdige an einem solchen Shitstorm aber sind jene, die sich an ihm beteiligen. Er entsteht dann, wenn genug Multiplikatoren auf einen Auslöser anspringen. Wobei Multiplikatoren in gewisser Weise Wortführer sind, die ihrerseits eine Menge an Fans, Anhängern, Followern usf. hinter sich haben. Pikant ist dabei, dass Shitstorms natürlich immer nur die anderen veranstalten, während man selbst nur sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnimmt. Wer sich an einem Shitstorm beteiligt, sieht sich also tendenziell im Recht, gar in der Pflicht dazu, etwas klarzustellen oder Position gegen einen Standpunkt zu beziehen, den er für schlecht hält. Selbst von einem Shitstorm spricht er nur dann, wenn es entweder ihn selbst trifft, oder jemanden, dessen Ansichten er teilt. Insofern muss auch ich mir die Frage gefallen lassen, ob nicht der ein oder andere schnelle Tweet bei Twitter schon eine virtuelle Mistgabel war, die ich aufgenommen habe. Und damit dürfte ich nicht alleine stehen.

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.
Thomas Matterne