Sprich Erinnerung!

Wo ist eigentlich Heimat? Da, wo man geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen ist? Wo man zufällig gerade lebt? Oder womöglich dort, wo man seine lebensprägenden Eindrücke empfangen hat? Nun, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich für meinen Teil bin mir darüber vollkommen im Klaren. Meine Heimat liegt mitten im Spessart, nicht weit entfernt von Würzburg, wo einst meine Wiege stand.

Fährt man von Würzburg den Main abwärts über Karlstadt bis nach Lohr, überquert dort die Mainbrücke und folgt einem unscheinbaren Schild, das den Besucher tief in den Wald lockt, steht man plötzlich vor einer kleinen Kirche aus rötlichem Buntsandstein, wie er hier für die Gegend typisch ist. Ein dichter Buchenwald umschließt dieses enge und immer noch ein wenig schroffes Tal, das noch viel von seiner Ursprünglichkeit hat bewahren können. Wald, Tal und Kirche sind mir stets gegenwärtig. Sie sind Teil meiner Seelenlandschaft, meiner Kindheit, meiner Familiengeschichte. Gehe ich den Weg vom Waldrand hinab in das Tal, höre ich wieder die Schritte meiner Eltern, die Ermahnungen meines Vaters und die sanfte Stimme meiner Mutter.

Wie oft waren wir hier? Ich weiß es beileibe nicht. So manchen Sonntag sind wir von Würzburg herausgefahren nach Mariabuchen, wie dieses Kleinod sich nennt. Mariabuchen ist einer von zahlreichen Marienwallfahrtsorten meiner fränkischen Heimat, auf die wir Mainfranken so stolz sind und die wir hegen und pflegen. Der Überlieferung nach hat hier um 1400 ein Schafhirte eine Muttergottes mit dem Jesuskind geschnitzt und das Bild anschließend in die Asthöhle einer Buche gestellt. Im Lauf der Jahre verwuchs dieses Marienbild mit dem Baum, um den sich in der Folgezeit zahlreiche Wunder rankten. Schnell sprach sich dieses „Waldheiligtum“ herum und nur eine Generation später finden sich die Ursprünge der ersten Marienwallfahrt nach Mariabuchen. Um 1430 schon erbaute man hier die erste kleine Waldkapelle. Viele Generationen folgten, die einträchtig an der Tradition von Mariabuchen festhielten. 1701 weihte man die Wallfahrtskirche ein, die mir bis heute so vertraut ist und am zweiten Pfingstfeiertag 1726 zogen hier die Kapuziner ein, deren bescheidenes Kloster bis heute existiert.

Tief in Gedanken versunken, so dass ich gar nicht wahrnahm, wie ich den Weg auf die Autobahn fand, machte sich meine Erinnerung selbstständig.

Es war im Sommer des Jahres 1997. Ich war auf dem Weg von Frankfurt nach Würzburg, um meine Mutter zu besuchen. Und wie so häufig machte ich den kleinen Umweg über Mariabuchen, bevor ich meine Heimatstadt ansteuerte. Es war ein Samstagnachmittag. Die Schatten waren schon recht lang, das erste Laub fegte über den schmalen Weg hinab zur Kirche. Doch diesmal war ich nicht allein. Ein paar festlich gekleidete Menschen hasteten an mir vorbei. Als ich soeben die Kirche betrat, begann die Zeremonie einer Trauung. Von den knapp 100 Plätzen waren wohl an die 50 besetzt. So setzte ich mich still in eine der hinteren Bankreihen und verfolgte aufmerksam das Geschehen. Ein junger Priester vollzog die Trauung, ein Priester, wie man ihn in unserer Gegend selten zu Gesicht bekommt. Er mag Mitte dreißig gewesen sein, pechschwarze Haare, dunkler Teint, gerade, schlanke Figur. Ich höre es noch wie heute, wie er in glasklarem Deutsch das junge Brautpaar einsegnet und eine kurze, aber prägnante Predigt hält. Eine halbe Stunde später, während ich mit den Trauungsgästen die Kirche verließ, kam ich ganz zufällig ins Gespräch mit einigen von ihnen. Keiner kannte diesen jungen Geistlichen, der aber ihrer Neugier heftig zu schaffen machte. Einer wollte wissen, er sei zwar hier in der Gegend aufgewachsen, lebe und arbeite aber irgendwo in der Mission. Ein anderer meinte gehört zu haben, er sei einst zusammen mit seinem Bruder von deutschen Eltern adoptiert worden. Während dieser sich zu einem Ingenieur hat ausbilden lassen, wurde jener zum Priester geweiht.

Nachdenklich ging ich zurück zum Parkplatz, setzte mich ins Auto und machte mich auf den Weg nach Würzburg. Tief in Gedanken versunken, so dass ich gar nicht wahrnahm, wie ich den Weg auf die Autobahn fand, machte sich meine Erinnerung selbstständig.

Und auf einmal war ich wieder in Bogota. Es war ein nebliger, feuchter Herbsttag im Jahr 1970. Ich saß mit meiner jungen Frau, die ich erst kürzlich geheiratet hatte und der ich nun endlich einmal meine deutsche Heimat zeigen wollte, auf dem Airport El Dorado, dem größten Flughafen Kolumbiens. Wir warteten mit ein paar Dutzend anderen Reisenden auf den Abflug unserer Maschine, als ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern sich zu uns gesellte und sofort meine Aufmerksamkeit fesselte. Während mein Ohr dem heimatlichen Idiom ihrer deutsch geführten Unterhaltung freundliche Zuneigung schenkte, ließ es sich nicht übersehen, dass die beiden Kinder, zwei Knaben im Alter von vielleicht fünf Jahren der eine und sechs der andere, sich zaghaft auf Spanisch unterhielten. Eine Weile lauschte ich ihrem Treiben, und je länger es dauerte, umso schmerzhafter empfand ich den Zwiespalt des Missverstehens des Paares und der Kinder. Die Kinder raunten sich Bemerkungen zu, denen ich entnehmen konnte, dass sie auf dem Weg nach Deutschland waren. Sie freuten sich offenbar auf dieses reiche Land, von dem man ihnen wohl schon einiges erzählt haben mochte. Sie fragten sich, was man dort wohl esse und trinke, wie die Leute sich da anziehen, ob man dort auch Fußball spiele. Auf jeden Fall hatten sie schon von den vielen schönen Autos gehört, die dort beinahe jeder haben müsse. Der ältere der beiden Brüder, der Sechsjährige, tröstete seinen kleinen Bruder, nahm dessen Hand in seine und lenkte ihn davon ab, dass sie nun ihrer Heimat den Rücken kehren sollten. Eine lange, blasse Narbe neben seinem rechten Daumen gab der Harmonie des zarten Händchens einen schrillen Unterton. Das junge Elternpaar hingegen hantierte in einem fort mit einem Wörterbuch herum, um wenigstens das eine oder andere Wort auf Spanisch an die beiden Brüder richten zu können, dass diese aber aufgrund mangelhafter Aussprache kaum zu verstehen schienen. Was mich verwunderte, war dies, wie gut und liebevoll sie von ihren neuen Eltern sprachen. Ja, es waren Adoptivkinder, wie ich etwas später erfuhr. Nach einer Viertelstunde sprach ich die Eltern auf Deutsch an und erbot mich, für sie zu dolmetschen, was sie mit großer Erleichterung aufnahmen. Und so kam ich in einen näheren Kontakt mit meinen Landsleuten, die weder die Landessprache Kolumbiens beherrschten noch irgendwelche Kenntnisse von Land und Leuten besaßen. Beide stammten aus dem Spessart und hatten erst kürzlich die beiden Buben in Bogota adoptiert. Sie waren wohl so um die dreißig Jahre alt, gepflegt, aber bescheiden gekleidet.

In den wenigen Minuten, die uns noch bis zum Abflug blieben, erzählten sie mir in aller Kürze ihre Vorgeschichte. Vor Jahren hatte die junge Frau, die selbst keine Kinder bekommen konnte, einen Pfarrer aus Aschaffenburg kennengelernt, der über viele Jahre eine Pfarrstelle im südlichen Kolumbien versehen hatte. Im Lauf der Zeit fassten sie Vertrauen zu ihm, offenbarten ihm ihren Lebenswunsch, ein Kind zu adoptieren und erfuhren dabei von der Möglichkeit, auf relativ unbürokratische Weise Kinder aus Kolumbien adoptieren zu können. Auch in ihrer Kirchenzeitung lasen sie darüber einen Artikel und beschlossen, die Offerte des Missionars anzunehmen, ihnen den Kontakt nach Kolumbien herzustellen. Es dauerte tatsächlich nur wenige Wochen, bis man ihnen das Angebot übermittelte, zwei Brüder hätten Vater und Mutter verloren, und man suche nun dringend nach Adoptiveltern. Nur wenige Tage Bedenkzeit hätten genügt, sich darauf einzustellen, mit einem Schlag zwei Kinder in ihre Obhut zu nehmen, und nun seien sie hier, um die beiden nach Deutschland zu bringen. Sie machten einen erschöpften, aber doch auch glücklichen Eindruck. Liebevoll nahmen sie die beiden Jungs an die Hand, die sich auch ganz bereitwillig von ihnen zum Flugzeug führen ließen. Leider hatten wir keine nahe beieinander liegenden Sitzplätze, sodass wir uns bis zur Zwischenlandung in Miami nur mit Winkzeichen aus der Ferne verständigen konnten. In Florida verließen sie das Flugzeug und stiegen auf eine andere Maschine um. Ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört.

Mittlerweile war ich in Würzburg angekommen, nahm meine Reisetasche zur Hand, schloss das Auto ab und stieg die Treppe hinauf, dort, wo meine Mutter damals wohnte. Im letzten Moment, bevor ich die Tür öffnete, holte mich die Erinnerung wieder ein, und ich stellte eine Verbindung her zwischen 1970 und 1997, zwischen Bogota und Mariabuchen. Sollte womöglich einer der beiden adoptierten Brüder identisch sein mit jenem stattlichen Priester mit dem schwarzen Haar und dem hellbraunen Teint, der vor noch nicht einmal einer Stunde in Mariabuchen mein Augenmerk gänzlich auf sich gezogen hatte? Ich wusste es nicht. Ich schwankte hin und her, mal zu einer mal zur anderen Seite, bis mir plötzlich das Bild vor Augen stand, als uns der junge Priester segnete, und wie er mit der rechten Hand das Kreuz schlug. Und da war sie wieder, jene merkwürdige Narbe neben dem rechten Daumen, die sich offenbar tief in meine Erinnerung eingegraben hatte.


Photo: Tilman2007Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link
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