Manchmal überraschen uns Wörter selbst aus der eigenen Muttersprache, wenn man sie in neuem Licht betrachtet. Mir ergeht es gerade so mit dem deutschen Wort NEUGIER: die Gier nach Neuem. Im Spanischen hatte ich vor kurzer Zeit einen solchen Überraschungseffekt mit dem Wort Geduld: PACIENCIA. Das ist die Wissenschaft – CIENCIA – des Friedens – PAZ. Oder im Englischen das Wort Frühstück: BREAKFAST. Es setzt sich zusammen aus TO FAST, also fasten, und TO BREAK, brechen. Man bricht das allnächtliche Fasten mit einem Essen.

Ein weiteres Wort im Deutschen ist das Wort ÜBERSETZEN. Man stelle sich das bildlich vor: zwei Menschen stehen auf einander gegenüberliegenden Ufern, getrennt durch einen Fluss oder eine tiefe Schlucht. Die eine Person spricht auf die andere ein, doch die zweite Person versteht die Sprache der ersten nicht. Da erscheint der Übersetzer und SETZT das Gesagte hinÜBER, transportiert es quasi, um es auf dem anderen Ufer neu zusammen zu setzen. Er schlägt eine Brücke von einem zum anderen Ufer, von dem einen zum anderen Menschen.

Manchmal ist eine Übersetzung so sachlich, der Originaltext so konkret, dass kein Zweifel an der Übersetzungsmöglichkeit entstehen kann. Beispielsweise bei Bedienungsanleitungen oder Gebrauchsanweisungen, selbst die von Computerprogrammen übersetzen chinesischen Anleitungen sind in so einem Fall halbwegs verständlich – wenn auch nicht immer grammatikalisch korrekt. Das deutsche Wort PAPIER ist im Spanischen PAPEL und im Englischen PAPER, daran ist nichts misszuverstehen. Doch bei literarischen Übersetzungen sieht das doch ganz anders aus.

Der Übersetzer schlägt eine Brücke von einem zum anderen Ufer, von dem einen zum anderen Menschen.

Soledad Marquez

Man stelle sich vor, der deutsche Text handelt von zwei Freunden in einer beliebigen deutschen Stadt, die sich im Supermarkt einen Einweggrill besorgen und ein paar Bier, um abends im Park grillen zu gehen. Zunächst einmal ist da das Wort ABEND, im Englischen wäre das womöglich LATE AFTERNOON oder DURING SUNSET, im Spanischen vielleicht ATARDECER oder auch AL PONERSE EL SOL. Wobei der Sonnenuntergang dem Grillabend wahrscheinlich eine romantische Konnotation beifügen könnte, die vom Autor gar nicht gewollt ist. Doch dann der Einweggrill – das ist einem Nord- oder Südamerikaner nicht einfach zu erklären. Ein Grill, der nur ein einziges Mal funktioniert, und dann auch noch so klein ist, dass er für maximal 2 Personen reicht, das ist einfach suspekt. Amerikaner im Norden wie im Süden machen aus ihrem BARBECUE oder ASADO ein Event, da wird die Familie von der Oma plus zweitem Ehemann und dessen Geschwister bis zum Chihuahua des Enkels alles eingeladen, was Beine hat und essen kann; und wenn der Nachbar vorbei kommt, dann setzt er sich mit seiner Familie auch dazu. Mittags wird das Feuer angemacht, der Grill ist so groß wie ein deutscher Wohnzimmertisch, bis weit in die Nacht wird gegessen und gefeiert und noch drei Tage später hat man keine Lust auf Fleisch oder irgendwelche sonstigen Speisen. Und während die Nordamerikaner ihr Fleisch mindestens stunden-, machmal auch tagelang marinieren und einlegen, und außerdem auch Würstchen und Hamburger auf den Grill legen, würzen die Südamerikaner ihr Fleisch so gut wie nie mit irgendetwas anderem als grobem Salz und legen gern auch mal eine halbe Kuh auf den Grill, aber niemals Würstchen. Ein Grillabend zu zweit mit einem Einweggrill … das kommt einfach nicht vor. Und dann trinken die Freunde des Beispielsatzes  ja auch noch Bier im Park, also öffentlich. Da müsste man erklären, dass das in Deutschland nicht verboten und auch ganz normal ist. In den Vereinigten Staaten würde es in nur sehr wenigen Bundesstaaten toleriert werden, in Chile riskiert man eine hohe Strafe wenn man in der Öffentlichkeit trinkt, und sei es nur ein Bier. An diesem einen Satz erkennt man gut, dass Übersetzung nicht nur die Wiedergabe der entsprechenden Wörter ist, sondern auch eine wirkliche Annäherung an die Kultur, in welcher der Text entstanden ist. Der Übersetzer muss Eigenheiten der Kultur in eine andere Sprache transportieren, und die Stimmung, die im ursprünglichen Text zu spüren ist, erhalten. Wenn bei einem relativ konkreten Satz wie der Beispielsatz des Grillabends schon so viel Spielraum öffnet, dann kann man sich vorstellen, dass abstrakte Wörter und Konzepte wie Zuneigung, Wut und Zeit wirklich Probleme bereiten können.

Eine Übersetzung, ist ein neuer Text …

Ein literarischer Übersetzer ist also zuallererst ein Leser, und hoffentlich ein begeisterter, der bereit ist, sich intensiv mit dem Originaltext, dem Autor und dessen Kultur und Zeit auseinanderzusetzen. Dass der Übersetzer ein Leser ist, das stellt man in der Liguistik folgendermaßen dar:

SENDER → TEXT → EMPFÄNGER

Der Autor (Sender 1) schreibt also sein Buch oder Gedicht, den Originaltext (Text 1), und dieser wird vom Leser (Empfänger 1) gelesen und empfangen, mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt. Der Leser interpretiert, er versteht oder missversteht, er asoziiert, er stellt sich vor, er erweckt den Text in seiner eigenen Phantasie zum Leben. Der Übersetzer setzt den Text dann neu zusammen, er schreibt quasi einen neuen Text und übersetzt den Text 1, indem er vom Leser zum Autor wird, vom Empfänger zum Sender:

EMPFÄNGER 1 = SENDER 2 → TEXT 2 → EMPFÄNGER 2

… dem Original ähnlich

Lesen wir eine Übersetzung, dann ist das ein neuer Text, der dem Original im besten Fall ähnlich ist, aber nicht gleich sein kann. Je nach Prägung des Übersetzers wird der Text 2, die Übersetzung, ausfallen.

Bücher sind an sich schon Brücken in der Zeit.

Soledad Marquez

Wenn wir also einen Text in seiner Übersetzung lesen und begeistert sind, dann liegt das nicht nur an der Inspiration des Autors, sondern auch an der minuziösen Arbeit des Übersetzers, uns den Originaltext näher zu bringen. Übersetzungen sind so heikel, dass es Autoren gibt, die es vorziehen, die Übersetzungen selbst anzufertigen. Schließlich sollte man ja im besten Fall auch den Stil des Autors übertragen, Wortkreationen und Ironie sowie Satzbau und Rhetorik einfangen. Wenn Autoren mit den Übersetzern ihrer Texte gut befreundet sind, dann ist das ein Qualitätsmerkmal, so geschehen bei einem, der sich der Übersetzung südamerikanischer Literatur gewidmet und regelrecht verschrieben hat wie kein anderer: Curt Meyer-Clason.

Zum Übersetzen kam er wie die Sau zum Singen

Curt Meyer-Clason (1910-2012) war das, was ich gemeinhin als eine coole Sau bezeichnen würde, der zunächst mit Büchern und Literatur gar nichts zu tun hatte. Zum Übersetzen kam er wie die Sau zum Singen: Der gelernte Kaufmann arbeitete für eine Firma in Argentinien und dann in Brasilien, genauer, in São Paulo. Dort eröffnete er auch ein Kontor, doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus und Brasilien war Verbündeter der Alliierten. Deshalb wurde Meyer-Clason wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit  als sogenannte feindlicher Ausländer und vermutlicher Spion fünf Jahre lang interniert, und zwar auf einer Insel nahe der Stadt Rio de Janeiro, der Großen Insel, Ilha Grande, in der Haftanstalt Cândido Mendes. Die Haftbedingungen ließen es zu, Bücher zu lesen und ein Mitinsasse motivierte ihn, diese Möglichkeit auszuschöpfen. Und so entdeckte Meyer-Clason die Welt der Literatur, vor allem der südamerikanischen Romane. Als er 1955 nach Deutschland zurückkam, arbeitete er als Lektor in München und begann in den 60er Jahren mit der Übersetzung vor allem lateinamerikanischer, portugiesischer und spanischer Literatur. Das hatte selbstverständlich auch politische Gründe, die Blumenkinder-Bewegung der 60er Jahre in Europa interessierte sich für die Länder Südamerikas und der sozialen Umstände und Umwälzungen. Den Anhängern dieser Bewegung für Freiheit und gegen Autorität und Diktatur die Welt der Arbeiter und Bauern mit all ihren Nöten, Hoffnungen und Träumen näher zu bringen, muss ihm ein Anliegen gewesen sein. Er übersetzte unter anderem die Gedichte, Kurzgeschichten, Romane und Autobiografien von Ruben Dario, Jorge Luis Borges, Ignacio de Loyola Brandão, Pablo Neruda, Joaquim Maria Machado de Assis, Darcy Ribeiro, Jorge Amado, Antonio Skarmeta und so vielen weiteren Autoren. In Brasilien wird er vor allem im Zusammenhang mit dem brasilianischen Autor João Guimarães Rosa genannt, mit dem er eine intensive Korrespondenz führte, die dann auch als Buch herausgebracht wurde. In der spanischen Literaturwelt ist er durch seine Freundschaft mit Gabriel Garcia Marquez bekannt, dessen Romane er beinahe alle übersetzte. Mehr als 150 Bücher übersetzte Meyer-Clason, der manchmal auch zusammen mit seiner Frau Christiane arbeitete. Damit ist und bleibt sein Werk eine Brücke aus Papier, Text und Worten zwischen Südamerika und Deutschland.

Bücher sind an sich schon Brücken in der Zeit: ein Autor, der vielleicht schon verstorben ist, kommuniziert zeitunabhängig mit einem Leser. Zwei Menschen werden über einen Text verbunden. Damit sie sich verstehen, bedarf es manchmal eines Übersetzers, der das vom Autor Geschriebene über die Zeit und über das Unverständnis erhebt und neu zusammen setzt, damit es verstanden und gelesen werden kann.

Wenn Sie also demnächst eine Übersetzung lesen, und vom Text begeistert sind, danken Sie nicht nur dem Autor des Textes, denken Sie auch an den Übersetzer, der es Ihnen ermöglichte, den Text zu empfangen.


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