Siebzehn Umzüge und über vierzig Jahre lang hat mich die knallrote Schatztruhe begleitet. Gezimmert von meinem Großvater. Von ihm, den ich kaum kannte, mit grünem Samt ausgelegt. Von meiner Oma mit wasserlöslichen Aufklebern verziert, die es in den 1970ern für Ostereier zu kaufen gab.

Wir sind lange gereist, die Kiste und ich. Sie hat meinen ersten Liebesbrief, gespickt mit Schreibfehlern, aber vom heißesten Kerl der ganzen Schule geschrieben, bis heute brav gehütet. Eine Locke, die ich einem Schwarm abgeschnitten habe, dessen Namen ich heute nicht mehr erinnere. Und mein damaliges Adressbuch.

Ja, wir hatten das alles noch auf Papier und nicht im Smartphone. Was für meine Kinder heute möglichst viele Follower auf Instagram sind, waren für meine Generation so viele gesammelte Adressen und Telefonnummern, wie nur eben möglich. Ich habe gezählt. 171. So viele Menschen hatte ich damals in meinem Adressbuch stehen. Ein Klacks gegen die digitalen Vernetzungen.

Viele Namen sagen mir nichts mehr. Von anderen weiß ich, dass sie längst nicht mehr leben. Und dann sind da manche, von denen ich mich mehr als gerne verabschiedet habe. Vor allem von Menschen, die in meinen späteren Adressbüchern gelandet sind. Von allen Energiestaubsaugern nämlich.

Es hat länger gebraucht, um zu erkennen, wer mir nicht gut tut, als mein Großvater für seine Schreinerlehre brauchte. Viel länger. Den Anfang machte eine Frau, die zufällig im selben kleinen Kaff lebte, in das ich wegen meines – und tschüss! – Ex-Mannes gezogen war. Die zufällig einen Hund hatte wie ich. Und zufällig eine Tochter im selben Alter wie meine Beste. Ich kannte kein Schwein und war froh über jedes Wort, das jemand mit mir der „Neigschmeckta“ und dazu noch „Wüschtgläubigen“ wechselte. (Das verstehen vermutlich nur Schwaben – wer neu in ein Dorf kommt, irgendwo im nirgendwo, und dann auch noch der falschen Konfession angehört, ja sogar wie ich nach einer Jugendsünde geschieden und mit Kind, der hat es von Anfang an verkackt).

Es begann harmlos. Man traf sich beim Gassigehen. Die Töchter wurden, obwohl sie sich nicht riechen konnten, dazu vergattert, miteinander zu spielen. Ich kaufte tonnenweise Tee. Ich, die passionierte Kaffeetrinkerin! Weil meine neue Freundin nur Tee trank. Und irgendwann jeden Tag in meinem Wohnzimmer oder auf meiner Terrasse saß. Um sich auszukotzen über ihren Ehemann. Ihre Schwiegereltern. Ich hörte zu. Litt mit. Stand mitten in der Nacht auf, als sie mit einem blauen Auge vor der Tür stand. Stillte die blutende Lippe. Blieb schlaflos, zerbrach mir den Kopf. Tagelang. Nächtelang.

Sie blieb bei ihrem Mann. Schleppte ein neues Problem an. Meine Tochter war sieben, mein Sohn zwei. Ich arbeitete mich in die Pubertät einer mir fremden Tochter ein. Blieb Nächte lang wach. Recherchierte in Büchern und dem damals noch im Schneckentempo arbeitenden Internet. Gab Tipps und Ratschläge.

Raten Sie mal – keiner wurde beherzigt.

Und dann brach ich zusammen. Ich mache kein Geheimnis daraus: ich hatte massive Panikattacken. So schlimm, dass ich das Haus nicht mehr verlassen, mich nicht mehr waschen, meine mittlerweile drei Kinder nicht mehr versorgen konnte. Raten Sie mal, wer kein einziges Mal gefragt hat, ob ich Hilfe brauche?

Genau.

Verdammt viele so genannte Freunde haben sich in dieser Phase verabschiedet. Eine psychische Erkrankung könnte ja ansteckend sein, der Kontakt mit einer Irren geschäftsschädigend. Meine Exfamilie wollte, dass ich das mit mir allein ausmache. Druck. Noch mehr Druck.

Und dann der Tag, am dem ich bei einer Party, bei der mir im Saal die Luft wegblieb, sagte: „Ich habe Angst.“ Eine mir damals noch unbekannte Frau führte mich aus dem Raum. Nahm mich in den Arm und sagte: „Das kenne ich.“

Ich habe geheult. Wie ein Tier. Und ab diesem Moment einen Entschluss gefasst. Nein zu sagen zu allen Energiestaubsaugern. Abschied zu nehmen von leeren, hohlen Menschen. Und wissen Sie was? Mein Adressbuch heute ist dünn. Sehr dünn. Aber ich weiß, dass ich jeden dieser Menschen jederzeit anrufen kann. Mitten in der Nacht.

Ich brauche und will keine Vollpfosten mehr in meinem Leben. Denen sage ich gerne „Tschüss!“ Macht es gut – aber ohne mich.

Herzlich,
Silke Porath

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