Die sogenannte Filterblase gehört seit einigen Jahren zum Standardvokabular jedes Internetkritikers. Mit ihr wird beschrieben, dass man sich im Internet und vor allem in den sozialen Netzwerken immer mehr mit Gleichgesinnten zusammentut, und immer weniger mit abweichenden Meinungen in Berührung kommt. Das Ergebnis ist dann natürlich, dass man nicht nur keine anderen Ansichten mehr kennenlernt, sondern sich innerhalb der Filterblase gegenseitig in der eigenen Meinung bestärkt.

Besonders negativ wirkt die Filterblase in der politischen Meinungsbildung. Linke reden nur mit Linken über linke Themen. Rechte reden nur mit Rechten über rechte Themen. Man bestärkt sich gegenseitig, was oft nicht nur zu einer Festigung der eigenen Meinung, sondern auch zu einer stärkeren Ablehnung aller Meinungen außerhalb der Filterblase führt. Und zweifelt ein Einzelner doch, überzeugt ihn seine Blase entweder mit Argumenten auf den rechten Weg zurückzukehren, oder droht ihm mit dem Ausschluss.

Wie die meisten Entwicklungen im Internet, ist auch das nicht vollkommen neu, aber (im negativen Sinne) durch die Gesetze des Netzes perfektioniert worden. Lange ehe wir die ersten Fahrversuche auf der Datenautobahn gewagt haben, hat sich der Einzelne schon innerhalb eines ganz bestimmten Milieus bewegt. Da war der Arbeiter, der tagsüber seine Kollegen um sich hatte, die er oft Abends auch an der Theke auf ein Feierabendbier traf. Es gab konfessionelle Milieus, die sich etwa in Deutschland, dessen Bevölkerung gut zur Hälfte protestantisch und katholisch ist, in manchen Regionen noch bis vor wenigen Jahrzehnten streng voneinander abschirmten. Man hatte seine eigenen Vereine, seine eigene Zeitung usw. – und dennoch, es gab immer die Tür, durch die jemand mit einer ganz anderen Meinung hereinspazieren konnte.

Diese Tür ist im Internet so gut wie verschwunden, wer nicht aktiv nach ihr sucht, wird wohl niemals mit ihr in Verbindung kommen. Dafür sorgt das Internet, zum Beispiel in Form von Facebook. Im Bestreben dem Nutzer vor allem jene Beiträge zu zeigen, die ihn interessieren – und möglichst lange bei Facebook halten – sortiert das soziale Netzwerk die Beiträge vor, ehe sie dem einzelnen Nutzer angezeigt werden. Und zwar nicht nur Werbung oder Vorschläge von Seiten oder Gruppen, sondern auch Beiträge von Freunden. Facebook entwirft aus den Daten, die es über den Nutzer gesammelt hat, eine Art Vorliebenschema, anhand dessen dann Beiträge angezeigt werden. Das der Nutzer dabei ganz bewusst mit einer Person eine Facebook-Freundschaft eingegangen ist, ist dabei nur ein Faktor von vielen – und er spielt beileibe nicht die größte Rolle. Wenn wir beim Thema Politik bleiben, kann man vereinfacht sagen: Egal ob Facebook jemanden Werbung, Vorschläge oder Beiträge von Freunden einspielt, sie stimmen immer mit der politischen Meinung des Nutzers überein. Dieses Verhalten wird immer wieder einmal kritisiert, aber geändert hat sich daran nichts.

Wie vielen Facebook-Nutzern dieser Fakt wohl bewusst ist? Ich fürchte, die Mehrheit wird sich gar nicht die Frage stellen, ob das was ihr im Facebook-Feed präsentiert wird, wirklich das komplette Bild darstellt. Wenn man bedenkt, für wie viele hingegen das soziale Netzwerk zur einzigen Nachrichten- und Informationsquelle geworden ist, stimmt einen das durchaus bedenklich.

Aber es geht noch schlimmer, denn es wird zunehmend schwerer auch dann auf andere Meinungen zu stoßen, wenn man glaubt sich gar nicht in einer Filterblase eines sozialen Netzwerkes zu befinden. Wer wie die meisten Menschen für eine Suche im Internet Google benutzt, steckt nämlich ebenfalls ganz tief in der eigenen Filterblase.

DuckDuckGo ist eine alternative Suchmaschine, die besonders damit wirbt, die Privatsphäre ihrer Nutzer zu schützen. Ende letzten Jahren erstellte man dort eine Studie die sich genauer ansehen wollte, inwiefern die Suchergebnisse von Google für den einzelnen Nutzer beeinflusst werden. Das Studienergebnis ist wenig ermutigend: So gut wie alle Teilnehmer an der Studie bekamen eine individuelle Ergebnisseite ihrer Suche, obwohl sie dasselbe Suchwort unter gleichen Bedingungen eingegeben hatten. Das betraf auch die Nachrichten oder Videos, die Google dem Suchenden vorgeschlagen hat. Dabei war es weitestgehend auch egal, ob der Suchende mit einem Google-Konto angemeldet war oder er bei seinem Browser den Privat-Modus aktiviert hatte. In jedem Suchvorgang listet Google nicht allein die Webseiten auf, die die Suchanfrage am besten beantworten könnten, sondern sortiert sie anhand der Daten vor, die Google über den Suchenden gesammelt hat. Und unter uns, Google hat eine Menge Daten über so gut wie jeden, der im Internet unterwegs ist.

Wir können unserer Filterblase also nicht einmal entkommen, wenn wir googeln.

In den gesellschaftlich gespaltenen USA gibt es immer wieder einmal Vorwürfe von der politischen Rechten, die eher linken Internetkonzerne würden Suchergebnisse zu Gunsten von Beiträgen manipulieren, die nach links tendieren. Bei Facebook gab es diesen Fall tatsächlich auch, allerdings waren es dort menschliche Redakteure, die mehr oder weniger unbewusst ihre eigenen politischen Überzeugungen nicht kontrollieren konnten. Im Prinzip aber, ist das eher eine Verschwörungstheorie, dem Algorithmus, der die Ergebnisse vorsortiert, sind politische Ansichten gleichgültig. Das hindert ihn aber nicht daran, die Ergebnisse an die politischen Vorlieben des Suchenden anzupassen. Das tut er mit der gleichen Präzision, wie er einem Pepsi-Liebhaber Pepsi anbieten würde, statt Coca Cola. Gerade in der westlichen Welt ist das aber ein immer größer werdendes Problem, denn damit verstärkt das Internet die Frontenbildung zwischen den Menschen im realen Leben. Denn wo, wenn nicht im Internet, wird heute politische Bildung gesucht und politische Meinung gemacht?

Thomas Matterne

Thomas Matterne schreibt Geschichten seit er schreiben kann. Sein erster beruflicher Weg führte ihn jedoch in die Online-Redaktion eines Fernsehsenders. Während er jetzt eher im Bereich PR und Marketing unterwegs ist, ist er aber ebenso ein leidenschaftlicher Blogger.
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