Was es heißt heute konservativ zu sein

Konservative werden heute mehr gebraucht als jemals zuvor. Nicht weil sie Stillstand versprechen, sondern wissen, was zu verändern ist.

Während dieser Text entsteht, kann man das Ende der Ära Trump in den USA noch in Tagen zählen. Und mit Blick auf die USA wäre es eine interessante Statistik was häufiger in Medien und Sozialen Medien primär gefeiert wird: Der Regierungsantritt von Biden als Präsident. Die Vizepräsidentschaft von Kamala Harris. Oder doch die Erleichterung über das Ende des Präsidenten Donald Trump. Wahrscheinlich wäre die Reihenfolge umgekehrt zu dieser Aufzählung, was wiederrum ein weiterer Punkt in der langen Liste wäre, warum Joseph Biden als Präsident scheitern wird. Zumindest dann, wenn man seine Worte ein Präsident für alle sein zu wollen als bare Münze nimmt. Die Zerrissenheit der USA, die stellvertretend für den gesamten Westen steht, zu kitten erscheint einer Quadratur des Kreises gleich. Stehen sich doch zwei unversöhnliche Lager gegenüber, die ihre eigenen radikalen Ränder nicht kontrollieren können. Am Beispiel der USA wären das die Republikaner, die mit den Trumpisten kämpfen, obwohl sie doch gerade erst die Tea Party überlebt haben. Und auf der anderen Seite haben auch die Demokraten längst einen sozialistischen Flügel, der gerade angesichts der knappen Mehrheiten den eigentlich zentristischen Biden das Leben noch schwer machen wird. Für die politische Lage der USA dürfte eine realistische Hoffnung einzig darin liegen das zumindest eine der beiden Parteien die Kontrolle zurückerlangt und mit Bidens Nachfolger auch den nächsten Präsidenten stellt. Denn um diesen wiederum etwas entgegensetzen zu können, käme auch die zweite Partei nicht darum herum, sich ebenfalls der eigenen Radikalen zu entledigen.

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Von CC BY-SA 2.0, Link

Als Konservativer geht meine Aufmerksamkeit damit ehrlich gesagt natürlich in Richtung der Republikaner. Erste Anzeichen sind hier bereits erkennbar, auch was die aktuelle Senatorenriege betrifft. Und so mancher munkelt schon, das Ex-Vizepräsident Mike Pence seinen Hut bei den nächsten Vorwahlen in den Ring wirft. Aber auch die zweite Garde, die jetzt noch keine politische Verantwortung trägt, bereitet sich vor. Dort fällt oft der Name Ben Shapiro, der mit dem Internet-Magazin Daily Wire eine Stimme des Konservativismus jenseits von Organen wie Breitbart & Co. ist.

Die Linke bedient sich ungeniert stalinistischer Methoden

Freilich, und damit verlassen wir die USA, haben sie wie alle Vertreter des Konservativismus das Problem zu definieren, was ein moderner Konservativismus ist. Und es muss ihnen in einer Welt gelingen in der Medien und die großen Techkonzerne als Gatekeeper eines linken Establishment fungieren, in der selbst der aufgeklärteste Konservativismus schnell als Faschismus defäkiert wird. Die westliche Gesellschaft ist in den letzten Jahren von einem, wie Heinz Theisen in der Tagespost vom 21. Januar 2021 feststellt, „initiierten Kampf gegen rechts“ dominiert, in dem die Antifa der alten Strategie des Stalinismus folgt, linke und bürgerliche Kräfte in einem antifaschistischen Block zu bündeln, in der jeder Außenstehende quasi per Definition Faschist ist. Dem fallen nicht nur Bürgerliche und Konservative zum Opfer, sondern bereits Liberale und Linke, denen solch stalinistischen Methoden fern sind. Allein scheinen Linke und Liberale den Kampf dagegen bereits aufgegeben zu haben, aus Angst sonst als Faschist zu gelten, und auch einst konservativ mitgeprägte Parteien wie die CDU haben dieser stalinistischen Methode nichts mehr entgegenzusetzen. Zu groß ist ihre Angst der „Neuen Rechten“ zugeordnet oder eben als Trumpist zu gelten. Von letzteren gilt es sich ja auch als Konservativer abzusetzen, denn im Kern handelt es sich bei ihnen um das Spiegelbild der linken Revolution. Konservativen stellt sich die Frage, die Oliver Maksan in der gleichen Ausgabe der Tagespost anspricht: „War und ist die disruptive Politikidee des 45. Präsidenten angesichts der kulturellen Hegemonie des progressiven Establishments alternativlos?“ Das wichtige Wort darin ist „disruptiv“, man könnte es auch ehrlicher durch „zerstörerisch“ ersetzen.

Der Konservative zeichnet sich eben nicht durch ein zerstörerisches Werk aus, sondern will bewahren. Darin unterscheidet er sich von der Linken, deren Endziel stets eine Revolution ist, die das bestehende erst zerstören muss, um ihre neue – im Übrigen in der Umsetzung bekanntlich gescheiterte – Utopie zu errichten. Aber dieser Grundsatz hebt ihn auch von der Neuen Rechten ab, die ja auch an der Überwindung/Zerstörung des Bestehenden arbeitet, um letztlich ihr eigenes Utopia zu erschaffen. Man sollte den Vergleich zwischen Neuer Rechten und der AfD auf der einen, und dem Nationalsozialisten immer ablehnen, weil er letztlich eine Verharmlosung der Nazis ist. Gemein ist ihnen als Bewegung aber der zerstörerische Kern.

Ein Leben aus dem, was immer gilt

Doch was ist nun Konservativismus? Nun, Joseph de Maistre hat als Antwort auf die Urmutter linker Revolutionen, der Französischen Revolution, einmal folgende Wahrheit gesagt: Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Daraus ergeben sich zwei Aspekte, von denen zumindest einer der linken Definition des Konservativen widerspricht. Konservativ sein heißt eben nicht auf dem Status Quo zu verharren, sondern hinter die Kulissen zu blicken. Also gewissermaßen die Metaebene zu erkennen und zu verteidigen. Man könnte es vereinfacht auch als Werte definieren. Es ist ein altbekanntes Dilemma, das schon im alten Rom bekannt war, als es darum ging, ob die Ehe auch zwischen rangniedrigeren Partnern erlaubt werden sollte. Galt es die Ehe nur unter Gleichgestellten zu verteidigen, oder die Ehe als Institution an sich. Ganz aktuell und im Grunde leider ungelöst, stellt sich diese Frage in unseren Tagen ja erneut. Gilt es die Ehe zwischen Mann und Frau zu verteidigen, oder die Ehe als Institution zweier Menschen, die für sich gegenseitig Verantwortung übernehmen – was auch für gleichgeschlechtliche Partner gelten kann. Ich enthalte mich an dieser Stelle einer eigenen Festlegung, und weise darauf hin, dass bereits die Ehe an sich der modernen Linken ein Dorn im Auge ist, da sie dem neuen Grundsatz der Mikroindividualität widerspricht, in der jeder beliebig alles sein kann, nur weil er denkt es sein zu können. Man werfe nur einen Blick auf die immer länger werdende Liste möglicher Geschlechter. Und merke an, dass inzwischen gerade homosexuelle Männer immer häufiger bemerken, dass an dieser Stelle die Revolution bereits damit beginnt genüsslich ihre Kinder zu verspeisen. Auch das ist bekanntlich einer ihrer unveränderlichen Wesenszüge.

Ich könnte an dieser Stelle auch manch Neurechten verschrecken, der von sich vielleicht glaubt ein Konservativer zu sein, wenn ich ebenso darauf hinweise, dass – auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass die westliche Kultur eine christliche Kultur ist – man in manchen muslimischen Verfechter einer werteorientierten Moral einen Verbündeten finden könnte. Diese Frage stellt sich jedoch nicht, da (gesellschafts-)politisch prägende Muslime mit zunehmender Radikalität natürlich das linke Angebot annehmen, jede auch noch so radikale und unserem Wertesystem widersprechende Kultur geschehen lassen, sogar begrüßen, weil der politische Islam und das linke Establishment gemeinsam gegen die westliche Zivilisation kämpfen. In einer idealen Welt mag die Liebe vereinen können, in der Realen Welt aber vereint der Hass Linke und Islamisten gegen den gemeinsamen Feind.

Der Konservative braucht eine Idee

Edgar J. Jung

Wenn wir zu de Maistres Worten zurückkehren, können wir neben der Metaebene aber noch einen zweiten Aspekt herauslesen. Nämlich die Tatsache, dass, auch wenn Konservative wie sonst niemand bereit ist den Menschen so zu nehmen wie er ist, und ihn nicht umerziehen will, dennoch natürlich eine Idee braucht. So wie es Wolfgang Fenske in einem Beitrag für die Junge Freiheit (3/21) feststellt, in dem er auf die Jungkonservativen zurückgreift, die auch unter dem Label Konservative Revolution liefen. (Ich erspare mir an dieser Stelle einen langen Exkurs darüber, warum in diesem Fall der Begriff „Revolution“ nicht mit der linken Definition gleichzusetzen ist.) Jungkonservative entstanden nach dem Desaster des 1. Weltkrieges, der in ihren Augen nicht Vorläufer des nächsten Weltkrieges war, sondern einfach der „Große Krieg“, in vielen Ländern. Wirklich umsetzen konnten jedoch nur die Jungtürken unter Kemal Atatürk, was sie propagierten. In Deutschland, es mag niemanden mehr überraschen, werden Jungkonservative wie Edgar Jung heute als Wegbereiter des Nationalsozialismus diffamiert, auch wenn sie zu seinen ersten Opfern gehörten. (Jung wurde 1934 von den Nazis ermordet.) Die Konservative Revolution vertrat eine Reichsidee, die weit weg war von dem, was wir als Drittes Reich kennen. Ein weiterer ihrer Vertreter, Arthur Moeller van den Bruck stellte sogar fest, dass Deutschland 1871 mit seiner Reichsgründung seine Idee verloren hatte, die eben in der Einigung bestand. Weshalb wir so manche Entwicklung gegen Ende des Kaiserreichs auch als ein Scheitern des konservativen Gedankens betrachten können, weil man in Traditionalismus verfiel. Ein leerer Traditionalismus der leeren Rituale. Man tat es, weil man es immer getan hat. Aber die Argumentation, man müsse es so machen, weil man es immer so gemacht hat, ist eben nur eine konservative Karikatur, wenn man vergessen hat, warum man es getan hat. Man hat gewissermaßen die oben erwähnte Metaebene verlassen und tappt in dieselbe Falle wie die radikalen Ränder, die nicht für etwas sind, sondern sich nur gegen etwas positionieren. Doch allein gegen etwas zu sein, mag eine Position sein, aber keine besonders hilfreiche. Es ist eine einfache Position, zugegeben, aber wer als Konservativer an der Spitze des Fortschritts marschieren will, um auf Franz Josef Strauß zurückzugreifen, darf nicht den einfachen Weg gehen. Er muss die Lösung finden, die sich aus der Bewahrung immer geltender Werte, dem Wesen der Menschen und der aktuellen Lage ergibt. Alles andere ist im Kern die zerstörerische Revolution der Linken und neuen Rechten.

Wer diese Ebene verlässt, fällt, so Edgar Jung der Rache des menschlichen Triebes zum Opfer, der nach Höherem, nach einem absoluten und für alle Gültigkeit habenden Ideal strebt. In seinem Drang versucht sich der Mensch an die Stelle Gottes zu setzen, nach dessen Allmacht er strebt. Wir sehen das heute tagtäglich, etwa darin, dass der Mensch über das Leben an sich bestimmen will. Er entscheidet wer leben darf und wer nicht – siehe die immer erfolgreicheren Versuche Abtreibung als Menschenrecht zu etablieren. Während er gleichzeitig auch das Lebensende selbst bestimmen will – siehe die immer erfolgreicheren Versuche Sterbehilfe zu legalisieren. Leben und Tod sind für ihn keine gottgegebenen, oder aus atheistischer Sichtweise naturgegebenen, Faktoren mehr, sondern Ereignisse über die das Individuum selbst zu entscheiden hat.

Aber am Ende sind das nur zwei besonders deutliche Punkte, in denen sich der Tiefe Fall des Menschen zeigt, denen es als Konservativer heißt entgegenzutreten. Und zwar nicht, weil vor 100 Jahren Abtreibung und Selbstmord ein Verbrechen waren. Es gilt nicht die Tatsache, dass es damals Gesetze gab, die so lauteten, sondern weil es damals wie heute falsch ist sich selbst an die Stelle Gottes setzen zu wollen.