„Caminante, no hay camino,
se hace camino al andar”
“Wanderer, es gibt keinen Weg,
der Weg entsteht im Gehen.“

Antonio Machado: aus “Campos de Castilla“ 1917

Es ist jetzt mehr als zwei Jahre her, dass ich meine Wohnung kündigte, die Möbel an Geflüchtete verschenkte und die Erinnerungen bei meiner Schwester unterstellte. Dann machte ich mich, bar jeden überflüssigen Ballastes und mit nicht gerade dicker Brieftasche, die mittlerweile immer heftiger nagenden Zweifel ignorierend, auf den Weg nach Chile.

Warum auch nicht? War ich ihn doch oft genug gegangen bzw. geflogen, und mein Ticket garantierte mir den Rückweg. Falls es schief ging. Aber warum sollte es?

Es wurde Zeit für mich, endlich anzukommen. Wo? Am Ziel natürlich. Schließlich hatte es unzählige Umwege gedauert.

Seit ich denken kann, wollte ich w e g . Schon als Kind träumte ich mich in ein aufregendes Leben, abseits der vorgeschriebenen, geraden und ausgetretenen Wege, an deren Kurven Wegweiser anzeigten, in welche Richtung es weitergehen sollte.

Ich beschloss, die große, weite Welt zu entdecken, und ich kam überhaupt nicht auf die Idee, dass mir da Steine in den Weg gelegt werden könnten. Zumal ich in der Schule lernte, dass uns alle Wege offen stünden.

Da gab es dieses Lied: „Sag mir, wo du stehst, und welchen Weg du gehst“. Ich sang es lange begeistert mit, weil ich zu naiv war, die subtile Warnung hinter den Noten zu erkennen, nicht etwa auf Abwege zu geraten– zu Gott, zu sich selbst, zur Erkenntnis oder gar in die Freiheit, auf dem Land-, Wasser- oder Luftweg. Als ich es endlich begriffen hatte, war ich längst vom Wege abgekommen und trabte am Wegesrand entlang, bis andere Lieder meinen Weg kreuzten. „El camino es largo… y no está lleno des rosas“ (Der Weg ist lang… und nicht voller Rosen) besangen die geflüchteten und verbannten Chilenen ihre gescheitertes Experiment von der Revolution auf demokratischem Wege.

Mich brachten die Erkenntnisse von Irrtümern und Widersprüchen an einen Scheideweg.

Und nun? Abbiegen, nach rechts, nach links, umkehren, stehen bleiben oder Augen zu und weiter geradeaus?

Ich versuchte die Taktik der kurzen Wege: immer ein Stück des Wegs, bis zur nächsten Gabelung, auf Umwegen weiter. Wohin? Ans Ziel? An welches? Gab es einen Weg, der dahin führte oder es war?

Ohne Wegbegleiter hätte ich es nicht geschafft. Sie wiesen mir den Weg in die Zukunft, während sich nicht bemerkte, dass sie sich selbst auf den Weg zurück in die Vergangenheit begaben.

Als ich endlich weg war, meine Heimat mit meiner Tochter und ein paar Koffern verlassen hatte, an einem warmen Augusttag, an dem noch keiner von uns ahnen konnte, dass bald alle Wege überall hin führen würden, fühlte ich mich leicht, frei und leer. Unfähig, auch nur irgendeinen Schritt in irgendeine Richtung zu tun. Ich stellte meine Koffer und meine Biografie ab und ruhte mich aus, wie ein Wanderer, den zu viele Umwege ermüdet hatten. Es dauerte lange, bis Chile wieder von mir Besitz ergriff. Dort waren Freunde, dort konnte meine Tochter, wenn schon nicht ihren Vater, dann doch ein bisschen Identität finden. Heimweg?

Nach meiner ersten Reise wusste ich gar nichts mehr. Ich verdrängte meinen Kindheitstraum, die Welt entdecken zu wollen, und tummelte mich stattdessen auf den neuen freiheitlichen Wegen. Wer sagte denn, dass das Leben nicht einfach ein Fest sein durfte, ein Karneval durch die Jahre, ohne einen Baum pflanzen, ein Buch schreiben und einen Sohn zeugen zu müssen?

Nahmen wir unsere Wege auf diesem Planeten nicht viel zu ernst?

Ich zweifelte nicht daran, dass meine Tochter, die immer mein wichtigster Wegbegleiter war, auf dem gleichen Vulkan tanzte wie ich. Mir wurde erst sehr viel später klar, dass sie nicht wie ich auf der Suche nach Abenteuern war, sondern nach der Hütte am Wegesrand, wo sie bleiben konnte.

Ich geriet von einem Irrweg auf den anderen. Oder doch nicht? Führten nicht viele Wege nach Rom?

Ich war unterwegs in Costa Rica, auf Recherche zwischen Bananenstauden und in Mädchenhäusern, als mich die Nachricht vom Tode meiner Mutter erreichte. Bei ihrer Beerdigung wollte meine Tochter nicht weg von ihrem Grab. Mein Schmerz dauert bis heute an, weil zu vieles ungesagt und unverziehen blieb. Der Weg ist noch nicht zu Ende.

Es folgten Jahre, in denen ich manchmal glaubte, vor mir selbst wegzulaufen, während sich meine Tochter auf den Weg zu ihren Wurzeln machte, von Asien über Australien nach Südamerika, von laotischen Mönchen zu den Maori in Neuseeland und den Aymara Boliviens. Bis sich ihr eine Krankheit in den Weg stellte und sie den Rückweg antreten musste. Angekommen ist sie schließlich in Spanien, in einem Häuschen am Wegesrand und der Liebe als Wegbegleiter. Sie hat viel früher als ich verstanden, dass das Leben immer wieder vom Wege abbiegt, um uns letztlich immer wieder auf den ‚richtigen‘ Weg zurückzubringen.

Meiner führte mich schließlich von A wie Afghanistan bis U wie Uganda, über den Balkan nach Syrien und Jordanien, an Ganges, Mekong, Nil und Wolga, in ungezählten Zügen über Grenzen und Brücken, von Indien nach Pakistan und vom Iran in die Türkei; ich durchquerte Vietnam von Norden nach Süden und Malaysia von Ost nach West, ich kehrte immer wieder nach Thailand, Kambodscha und Sri Lanka zurück.

Mit wunderbaren Wegbereitern und Wegbegleitern an meiner Seite – und Schutzengeln sämtlicher Religionen, die mich auf Schleichwegen an Attentaten, Erdbeben und anderen Katastrophen entlang vorbei manövrierten. Es waren so viele Wege, die eher einem Schnittmusterbogen ähnelten als in irgendeine nachvollziehbare Richtung zu weisen. Und nein, es war nicht immer alles gut, und die Wege waren beschwerlich und mitunter gefährlich, im wahren wie im übertragenen Sinne. Manchmal schrie ich verzweifelt, was ich denn eigentlich dort wolle, an Orten, zu denen es mich nie hingezogen gefühlt hatte, auf völlig unergründlichen Wegen. Aber wenn mir Menschen die Hand reichten und ihr Vertrauen schenkten, wusste ich, dass es m e i n e Wege waren, auf denen ich täglich mein Weltbild korrigierte und Demut lernte. Aber auch, dass ich sie nicht mit anderen zusammen gehen konnte, höchstens ab und zu bis an die nächste Kreuzung

Ich bin auch immer wieder in Chile gewesen, habe dabei Freunde verlassen oder verloren, aber es kamen andere des Wegs. Ich versuchte, längst gerissene Bande zu flicken und entdeckte dabei, dass die meisten gar nicht existiert hatten. Es gab überall Spuren von mir, aber die verloren sich in der Vergangenheit. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich genau dahin auf dem Weg war. Der endete schließlich vor zwei Jahren zwischen den bunt bemalten Fassaden von Valparadiso, einer der mystischen Städte dieser Welt, von deren Hügeln man in die Unendlichkeit schauen kann.

Ich gehörte nicht dorthin und nicht dazu. Ich war auf dem Holzweg und lief Gefahr, mich meinem Schicksal in den Weg zu stellen.

Fünf Monate lang verhielt ich mich wie ein Wegelagerer, der auf jemanden oder etwas wartete.

Dann bin zurück gekommen, geradewegs, und seitdem habe ich das Gefühl, dass alles so in Ordnung war und ist. Und dass ich möglicherweise niemals wirklich ankomme. Nirgendwo. Auf keinem Wege.

Aber ich weiß, dass ich überall immer wieder willkommen bin.

Es sind fast zwei Jahre vergangen, die Erinnerungen haben wieder einen Platz in einer neuen Wohnung, die ich nicht besonders liebe, weil um sie herum an allen Ecken die Vergangenheit lauert. Ich versuche ihr aus dem Weg zu gehen, bis ich herausgefunden habe, ob es noch einen anderen gibt. In der Zwischenzeit baue ich Brücken zu und mit denen, die ihr Weg hierhin geführt hat, damit sie das Gefühl haben, dazu zugehören, wenigstens solange, bis sie wieder den Heimweg antreten können.

Ich werde auch weiterhin unterwegs sein. Vielleicht demnächst auf dem Jakobsweg oder in die Toskana oder nach Lissabon oder zu meinen spanischen Enkeln, oder ins Paradies nach Kolumbien oder in die Atacama-Wüste oder ins magische Kapstadt.

Oder endlich nach Polen. Ich war noch niemals an dem Ort, von wo einer meiner Urgroßväter aufbrach, um die Welt zu entdecken, immer wieder dorthin zurück kam und immer wieder weg ging, wild entschlossen, seinen Traum zu leben.