Ich bin kein Fotograf im Sinne des Berufsbildes des Fotografen. Meinen ersten Fotoapparat erhielt ich mit 12 Jahren geschenkt. Seitdem sammle ich Bilder.

Bilder die sich vor dem inneren Auge aufbauen.
Bilder die von außen auf mich zukommen.

Stimmungen.
Farben.
Tiefen.
Nähe.
Formen.

Bilder


Wege in die Erinnerung

„Wer weiß, bis zu welchem Grad unsere Erinnerungen wirklich mit der Erinnerung zusammenhängen und wie viel sie mit unserer Fantasie zu tun haben und unserem Bedürfnis nach Trost.“

Gianrico Carofiglio in „Eine Nacht in Bari, Goldmann, 2010

„’s bucklig Männele“

„Herrgudd Kreuzsakredi!“ tönte es laut vernehmbar aus dem Gebüsch, als ich den Pfad den Berg hinaufstieg. Erschreckt blieb ich stehen.
Mit spitzem Schrei purzelte kopfüber ein kleiner Kerl vor meine Füße. Sein struppiges Haar hing in das hagere Gesicht, aus dem eine auffallend spitze Nase hervorragte. Der gebeugte, schmächtige Körper reichte mir bis knapp über meine Knie. Überrascht und erschrocken hielt ich die Luft an und schaute in die Richtung wohin der Kleine wild gestikulierend mit seinen Händen zeigte und rief, „’s Säckele! Moi Säckele!“

Er schien mich gar nicht wahrzunehmen.

Plötzlich, als ob die Geräusche der Welt abgeschaltet worden wären, war nur noch das leichte Rauschen des Windes in den Baumwipfeln zu hören und als ich nach unten schaute war der kleine Kerl spurlos verschwunden.

Ich stand allein im Wald. Atmete schwer. Der Aufstieg war steil.

Wenn ich als Junge mit meinem Vater die Pfade in „unserem Wald“ abgeschritten bin erzählte er die Geschichten, die ihm sein Vater erzählt hatte.

Ich ging weiter des Weges in Gedanken die Stille lauschend.


Stille

Waldpfade, schmal, sich dem Gelände anpassend, am Berg entlang schlängelnd öffnen dem Wanderer die Möglichkeit den vorgegebenen Weg zu verlassen und sein Ziel neu zu definieren. Von Wildtieren und Menschfuß in das Erdreich getreten führen Pfade über Stock und Stein, kreuz und quer durch die Welt, oft risikoreich nach oben strebend oder in die Tiefe fallend am Abhang entlang. Sie durchschneiden dunkle Wälder wie auch lichtes Buschwerk, wo der Blick in die Ferne schweifend die Füße zum verweilen einlädt.

Die Stille des Waldes, abseits der sicheren Wege, öffnete die Tür der Sinne.


Zeitensprung

„HALT !
Stehen bleiben!“

Hinter dem großen Felsen an der Wegbiegung auf dem Zollpfad zum Schloss der Gräfensteiner saß ein beleibter bärtiger Alter in braunem, grobleinenem Rock, der ihm bis über die kaum zu erkennende Hüfte reichte. Von der Schulter abwärts umspannte seine massive Statur ein ledernes Tragegestell an dessen Beckengürtel ein bemerkenswertes Baselard, ein Schweizer Dolch, nebst hölzerner Trinkflasche und einem ausgebeulten ledernen Beutel hing. Ein mit Pfauenfedern bestückter Landsknechthut lag auf dem breiten Holzschemel, worauf der gestreng blickende Alte saß, seine Stulpenstiefel in den Weg streckend, mit dem ausgestreckten rechten Arm eine Hellebarde auf mich richtend den Weg versperrte.

Als ich im Hintergrund die drei bewaffneten jungen Männer sah die teilnahmslos schweigend in den Wald starrten schreckte mich ein heftiger Schlag auf.

Stolpernd taumelte ich zwei, drei Schritte und als ich wieder sicheren Schrittes aufrecht stand, sah ich zwischen den Bäumen die Burgruine im frühen Morgenlicht auf dem Berg vor mir.

Ich hatte mich früh auf den Weg begeben und wusste, dass mir jetzt noch ein beschwerlich steiler Anstieg bevorstand.


Hinab

Als SIE mich anrief war ich sofort bereit mich auf den Weg zu machen.

Ich steckte mein Klappmesser und die rechte Hosentasche und mein Taschenmesser in die linke Jackentasche. Die schweren Wanderschuhe am Fuß zog ich fliegenden Fußes los. Anfangs stieg der Weg beständig an, um dann in einem Hohlweg sich steil ins Tal zu schlängeln. Immer weiter nach unten bewegte ich mich an diesem grauen Tag, tiefhängenden dunkle Wolken über mir. Hinter einem unheimlich langen Tunnel, welchen ich zügig hallenden Schrittes durchquerte, umfing mich dichter Nebel und bizarre Gestalten reckten für einen kurzen Moment ihre Arme nach mir.

Als ich die Ebene erreichte, den Wald verließ, wartete SIE bereits auf mich.

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz ihres Autos, umarmte SIE.

Mein Klappmesser zwickte in meinen Oberschenkel.

Ich hatte SIE seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.


Bahnsteig im Jetzt

Mitten im Wald meiner Erinnerungen

stehe ich am Bahnsteig

warte auf den Zug

ins Jetzt

Erinnerungen im Gepäck


Fotografie und Text: Bernhard Schlafke – 13.01.2019