Kate Darling vom amerikanischen MIT führte in einem Workshop einmal ein interessantes Experiment durch. Sie teilte die Teilnehmer in mehrere Gruppen auf und gab jeder Gruppe einen Spielzeugdinosaurier in Form eines bunten Brontosauriers. Das Spielzeug war ungefähr so groß wie eine Katze und konnte dank Technik und Programmierung auf äußere Reize reagieren, also in gewisser Weise mit seiner Umgebung interagieren. Die Versuchsteilnehmer bekamen die Aufgabe eine Stunde lang mit dem Dinosaurier zu spielen. Danach wurde ihnen ein Beil in die Hand gedrückt, mit der Aufgabe den Dinosaurier zu zerstören. Aber keiner der Versuchsteilnehmer erklärte sich dazu bereit. Selbst als ihnen vorgeschlagen wurde das Dinosaurierspielzeug einer anderen Gruppe zu zerstören, blieben alle Dinosaurier heil. Als schließlich jemand von außen kam, und eine der Dinosaurierpuppen zerstörte, herrschte Schweigen und ein Gefühl der Betroffenheit im ganzen Raum.

Die Teilnehmer waren keine Kinder, sondern Studenten. Man darf also davon ausgehen, dass sie sich auch nach einer Stunde spielen darüber im Klaren waren, dass es sich bei dem Dinosaurierspielzeug um eben das handelte, ein Spielzeug. Und dennoch zeigte dieses kleine Experiment auf, dass dieser Spielzeugroboter für die Teilnehmer kein Stück unbelebter Materie war, sondern wahrscheinlich zwischen Materie und einem Tier einzuordnen ist. Das Experiment deutet daraufhin, dass der Mensch zu Robotern eine emotionale Beziehung aufbaut.

Die umgekehrte Frage ist Science-Fiction. Ob Roboter und künstliche Intelligenz je ein eigenes Bewusstsein oder Gefühle entwickeln werden, ist in der Realität weiter entfernt, als es uns manch populär-wissenschaftliche Dokumentation weiß machen will. Wie sich unsere Emotionen für Roboter allerdings entwickeln werden, ist eine ganz aktuelle Frage. Eine Frage, die sich in naher Zukunft noch intensiver stellen wird.

Sie ist auch aktuell, weil moderner Technik von ihren Entwicklern gezielt menschliche Aspekte beigefügt werden. Alexa, Siri oder Cortana haben nicht umsonst menschlich klingende Namen und Fähigkeiten/Skills, die keinen produktiven Sinn ergeben, sie aber gerade deshalb menschlicher wirken lassen. Bereits im Einsatz befindliche Roboter sind nicht selten insofern menschenähnlich designt, als das sie (scheinbar) aufrecht gehen (obwohl die meisten auf Rädern unterwegs sind), und ihre Gesichtszüge dem sogenannten Kindchenschema entsprechen. Manch Skeptikern soll auf diese Weise auch die Angst vor der neuen Entwicklung genommen werden.

Durch digitale Assistenten, Chatbots und andere Algorithmen wird künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren immer mehr Einfluss auf unser Privat- und Berufsleben haben. Wir werden uns dementsprechend fast zwangsläufig auch mit ihnen unterhalten müssen. Und bei nicht wenigen wird nicht alles in dieser Unterhaltung aus Anweisungen bestehen. Alexa & Co. haben heute schon Antworten auf die Frage „Wie geht es dir?“ parat. Und genauso wie den Versuchsteilnehmern bei dem Workshop von Kate Darling, wird es den meisten schwer fallen keine emotionale Beziehung zu ihren digitalen Begleitern aufzubauen. Sie sind zu allgegenwärtig und werden beinahe sprichwörtlich Tag für Tag besser darin, menschliche Reaktionen zu simulieren. So gut, dass uns die Simulation dabei nur auffällt, wenn wir es uns gezielt bewusst machen werden.

Kann das alles geschehen, ohne Auswirkungen auf die menschliche Psyche zu haben? Werfen wir einen Blick in die Zukunft, also nach dem Japan unserer Gegenwart. Akihiko Kondo ist auf den ersten Blick ein völlig durchschnittlicher Japaner. Der 35jährige hat einen guten Job, eine kleine Wohnung und vor kurzem die Liebe seines Lebens geheiratet. Miku, eine hübsche junge Frau. Vielleicht noch ein bisschen zu sehr verspieltes Mädchen, aber na ja, Japanerinnen. Auf der Hochzeit der beiden waren rund 40 Gäste, nur eine kam nicht, Kondo’s Mutter. Die hat nämlich ein Problem mit der Braut ihres Sohnes. Ein knapp 30 cm großes Hologramm, das nur in der dazugehörigen Box existieren kann, ist ihr als Schwiegertochter entschieden zu – zu was eigentlich?

Diese Geschichte ist kein Marketinggang der Herstellerfirma von Miku, sie ist wahr. Und man darf annehmen, dass wenn Kondo Miku als die Liebe seines Lebens bezeichnet, er tatsächlich aus der Tiefe seines Herzens spricht. Was soll man davon halten? Sollen wir Kondo bedauern? Oder sollen wir uns für ihn freuen, weil er doch offensichtlich glücklich ist? Glücklich mit einer Situation, die wohl nicht nur seine eigene Mutter als bizarr ansieht.

AFP Bericht über die Hochzeit von Akihiko Kondo

Unter den zahlreichen Fetischen, denen ein Mensch verfallen kann, gibt es auch die sogenannte Objektsexualität. In die Welt gebracht wurde dieser Begriff von einer Schwedin, die behauptete mit der Berliner Mauer verheiratet gewesen zu sein. Im Gegensatz zu einer gewissen Erika Eiffel, die den Eiffelturm heiratete, ist sie bekanntlich inzwischen Witwe. Aber im Ernst, Objektsexualität mag ein seltener Fetisch sein, aber durch die zunehmende „Vermenschlichung“ von Robotern oder auf KI basierenden Algorithmen, wird dieser Fetisch zweifellos in den nächsten Jahren weit bekannter werden. Es wird viele Akihiko Kondo’s geben, und das nicht nur in Japan.

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