Ein Buch muss dich zum Nachdenken bringen. Es muss Deine Sicht aufs Leben verändern.“

Es ist kurz nach neun Uhr am Abend. Ich sitze am Fenster in einem kleinen Haus in der Normandie. Es steht direkt am Strand. Die Sonne taucht den Gewitterhimmel in ein diffuses Grau. Donner rollt wie ein schwer beladener Güterzug heran. Blitze peitschen herab, stechen in die schäumenden Wellen, als ich den oben zitierten Satz aus Stefan Brijs Roman „Post für Mrs. Bromley“ lese.

Die Worte treffen mich wie ein Blitz. Und hallen donnerschlagend nach.
Ein Teil des Romans spielt in London. Der andere ziemlich genau dort, wo ich gerade bin. Allerdings vor über einhundert Jahren, als das Blut junger Männer die Somme rot färbte. Und noch einmal ein paar Jahrzehnte später, als die Bunker am Strand letzte Zuflucht für die Soldaten in Hitlers großem Krieg waren. Heute spielen dort Kinder, Familien suchen im Schatten der Betonklötze Abkühlung. Längst ist das Blut tausender junger Männer vom Atlantik weggespült worden. Die großen Kriege sind Geschichte.

Regen peitscht gegen das Fenster. Der Wind zerrt am Haus. Ein immenser Blitz zerreißt den fast nachtschwarzen Himmel.

Manchmal sind es keine Blitze oder Bücher, die uns treffen. Manchmal sind es Ideen. Gedanken. Menschen. Tausenden begegnen wir, die meisten bleiben ohne Gesicht und Kontur. Manchmal, nur manchmal, wird aus einem flüchtigen Blick ein Gespräch. Eine gemeinsame, noch flüchtige und zarte Idee. Ein sanftes Verstehen, aus dem, vielleicht, etwas Besonderes, etwas Starkes wächst.

Oder aber, der menschliche Blitz schreckt uns ab. Man sagt, dass die Chemie stimmen muss zwischen Zweien. Manchmal tut sie das ganz und gar nicht. Dann gibt es eine Kriegserklärung, ob sie nun laut ausgesprochen wird und zu Leid für Millionen führt. Oder ob sie stillschweigend ausgetragen wird.

Die Ruhe vor dem Sturm

    

Mein Chemieunfall ist „Sie.“

„Sie“ erschien eines Tages am Sandkaste im Kindergarten. Ein einziger Blick genügte und wir waren beide in Gewitterstimmung. Schaufeln, kleine Förmchen, Sand und Fäuste flogen. Ohne Grund. Zumindest wussten weder „Sie“, noch ich und schon gar nicht die Erwachsenen, warum wir uns die Haare ausrauften. An Chemie hat damals niemand gedacht. Man mag einen Menschen. Oder eben nicht.

Drei Jahre lang hatten die Erzieherinnen, die damals noch „Tante Sowieso“ genannt wurden, alle Hände voll mit uns Streithühnern zu tun.
Es kam die Grundschule. Vier herrliche Jahre lang hatte ich Ruhe. „Sie“ besuchte ein anderes Institut. Erst der Weg aufs Gymnasium führte uns wieder zusammen. Natürlich in dieselbe Klasse. So ein Klassenzimmer kann verdammt klein sein, wenn man sich aus dem Weg gehen will. So verdammt klein. Wir haben uns ignoriert. Bis zum Abitur. Ich verschwand im Redaktionsalltag und „Sie“ aus meinem Leben.

Viele Jahre später bummelte ich über den Weihnachtsmarkt. Meine Stimmung war dank Glühwein und Plätzchen bestens. Ich summte eine Weihnachtsmelodie. Und dann sah ich „Sie.“ „Sie“ stand hinter einem Stand und verkaufte selbst gemachte Tannenkränze. Mein inneres Wetter kippte in Windeseile von Sonne auf Orkan. Mein erster Impuls war, ihr eins der grünen Dinger über den Kopf zu ziehen. „Sie“ hatte Glück. Meine Freundin zog mich weiter.

Bis nach Hause war aus dem Orkan ein Tornado geworden. In meinem Inneren schossen faustgroße Hagelkörner herum. Ich tobte. Ich schrie. Ein Teller flog gegen die Wand. Eine Tasse hinterher. Dumm, dass da noch ein Rest Kaffee drin war. Noch dümmer, dass ich eine weiße Wand getroffen hatte.

Ein Glas zerschellte am braunen Fleck.

Dann erst ging es mir besser.

Beim Saubermachen habe ich auf „Sie“ geflucht. „Sie“ war schuld, dass ich die Tapete würde streichen müssen. Wer denn sonst? Ihre blitzenden Blicke. Ihr donnerndes Schweigen. „Sie“ und die Chemie zwischen uns, die jedes Labor zur Explosion bringen würde. Ich hoffe, ich treffe „Sie“ so schnell nicht wieder, denn so viel Geschirr besitze ich nicht.

Ihr geht es vermutlich ähnlich. Wahrscheinlich ist auch sie wütend wie ein eiskalter Nordwind nach Hause gerast. Ich wüsste gerne, an welchem Schaden ich in ihrem zu Hause schuld bin. Zerfetzte Kissen vielleicht?
Es gibt aber auch die Sonnenmenschen. Diese will ich sehen. Hören. Mit ihnen lachen, reden, streiten. Diese Menschen sind all jene, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Dafür aber Platz für Ideen und Visionen. Für Gefühle. Für Gedankenblitze. Menschen, die mich berühren wie ein guter Roman.

Draußen hat sich das Gewitter verzogen. Am Strand tollen zwei Hunde auf den nassen Kieseln. Ihre Herrchen haben die Köpfe zusammen gesteckt. Einer gestikuliert wild. Der andere lacht. Bei ihnen steht das Barometer auf Sonne. Ihr Geschirr bleibt heute ganz sicher unversehrt.

Bücher der Autorin:

– Werbung –