An diesem späten Dezembermorgen spiegelte sich die Sonne grell auf gefrorenem Schnee. Sie knallte durch die Windschutzscheibe, war eine weiße Explosion. Geblendet duckte mich in den Sitz und raste nach Gehör über das Rot der Ampel. Den Weg, den kannte ich gut.

Mit quietschenden Reifen bremste ich vor dem zweistöckigen, erst kürzlich erbauten Haus und knallte hart gegen die Bordsteinkante. Ich flog regelrecht aus dem Auto, eilte zur Haustür, schob sie weit auf und die Unruhe, die mich schon gestern Abend ergriffen hatte, ließ mich die Treppen bis in den ersten Stock hinauf hasten und vorwärtsstolpern. In mir war dennoch eine lähmende Starre. Nur meine Finger, die zitterten ganz fein. Mit Mühe bekam ich den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Korridortür.

Halbdunkle Stille.

Die Türen, die vom Flur abgingen, waren geschlossen.

„Mutter?“

Es kam keine Antwort. Vielleicht hatte sie mich nicht gehört, vielleicht war sie einkaufen, vielleicht auch spazieren.

„Mutter, ich bins!“

Ich öffnete die Küchentür. Auf dem Tisch stand nur ein Teller mit Suppe. Sonst nichts. Ach ja, ein Löffel lag daneben. Ich stippte einen Finger in die gräuliche Suppe mit gräulich-braunen Fleischstücken, kalt war sie, sehr kalt. Die Flüssigkeit war am Rand etwas eingedickt. Meine Mutter hatte wieder den Teller mit der blauen Zackenlinie genommen, den sie so gerne mochte. Ein Topf stand auf dem Herd, ich hob den Deckel. Es roch lecker und würzig. Vielleicht einen Hauch zu streng wegen des Lauchs, der da drin zerfasert schwamm. Graupensuppe. Drei-Tage-Suppe.

Ich ging rüber ins Badezimmer, es war wie immer glänzend sauber, es duftete nach Lavendel, es duftete nach Mutter, anheimelnd und vertraut. Als ich mich umschaute, ja, die Handtücher hingen flauschig weiß über der Handtuchstange und unter dem Waschbecken lagen zwei Tabletten. Sie waren gelb, sonst hätte ich sie auf dem weißen Fliesenboden nicht entdeckt.

Aus dem Hausflur drang ein Geräusch in die Wohnung, jemand stieg die Treppe hinauf. Mutter, dachte ich, da bist du ja. Erleichtert atmete ich durch. Sie wird sich freuen, wenn sie mich entdeckt.

Aber die Person stieg weiter nach oben, es waren leichte, beschwingte Schritte. Sie klangen, als würden sie lachen. Dann wurde es still.

Die Stille umgab mich fest, immer fester, als wollte sie mich einschließen. Solch eine Lautlosigkeit hatte ich nie in Mutters Wohnung gehört. Wieder brach meine Unruhe durch, wurde zur haltlosen, nicht einzudämmenden Angst, und die Ahnung kommenden Unheils kroch tief in mich hinein.

Das konnte nicht sein – dass meine Mutter noch schlief. Schließlich war es fast Mittag – nein, das machte sie nicht. Es sei denn, sie wäre krank. Behutsam öffnete ich langsam, sehr langsam, die Schlafzimmertür.

Der Raum war durchflutet von kaltem Wintersonnenlicht. Wie ein großer Vogel lag Mutter mit ausgebreiteten Armen neben ihrem Bett. Ihr Gesicht steckte in einem Lampenschirm.

Mein Schrei klemmte in der Kehle. Ich piepste: „Mutter?“

Ich kniete mich vor sie hin, um besser sehen zu können, um ihren Atem zu spüren, um sie aufzuwecken, um ihr Lächeln zu sehen, wenn sie mich sah und sich über meinen Besuch freute.

„Mutter?“

Vorsichtig hob ich sie an, drehte sie um, damit ihr Gesicht frei von diesem hässlichen Lampenschirm wurde. Dieser hatte sie tief in die Wangen und in die Stirn eingedrückt.

Um Mutters Mund lag ein schiefes, sehr fremdes und fernes Lächeln. Die Augen waren halbgeschlossen. Kurz dachte ich, beobachtet sie mich? – aber nein, ich strich mit der Hand darüber, um sie ganz zu schließen, dieses Hervorschauen fand ich schrecklich, es war mir unheimlich, es war alles Mögliche, an das ich nicht denken wollte. Sie trug ein Nachthemd. Also musste es in der Nacht oder in den Morgenstunden oder auch eben erst geschehen sein. Mit dem Tod kannte ich mich nicht aus, überhaupt nicht und Mütter, die sterben doch nicht! Sie hielt einen Zettel in der Hand. Darauf war meine Adresse in ihrer ausgefeilten, klaren Handschrift geschrieben mit meiner Telefonnummer. Der Hörer ihres Telefons baumelte ins Leere. Durch den Sturz ins Nichts hatte sich das Nachthemd hochgeschoben, so sah ich Flecken, schwarzblau, jedenfalls waren sie sehr dunkel. Solche hatte ich nie gesehen. Aber ich wusste: Es waren Totenflecken.

Während ich verdammt noch mal, endlich erwachsen sein sollte, musste, bat ich flehentlich: „Wach auf, bitte, nicht heute, noch nicht, lass uns nie wieder streiten, wach auf. Mutter, bitte!“

Dann war ich still. Ich bettete die Tote in meinem Schoß und streichelte ihr Gesicht, spürte ihre Seele, noch gefangen in diesem Raum. So hielt ich Zwiesprache, lange, sagte alles, was ich im Leben nie gesagt hatte.

Ewigkeiten vergingen. Ich legte ein Kissen unter ihren Kopf, stand auf, und öffnete das Fenster.

Vergiss mich nicht in den Weiten des Lichts.

Fast meinte ich zu spüren, wie das Zimmer kleiner wurde.

Nun war ich keines Menschen Kind mehr, konnte mich niemals mehr von mütterlicher Nachsicht trösten lassen und nie mehr fragen: Mutter? Wie war das eigentlich, als du jung und verliebt warst, du nach dem Krieg Brennholz im Wald gesammelt hattest, mich auf den Leiterwagen mitnahmst, und so vieles tun musstest, was dir von deiner Erziehung her so fremd gewesen war? Ich habe dich nie gefragt. Und auch nicht, ob du einmal für viele Momente glücklich gewesen bist.

Wintersonnenblau wurde das Zimmer. Ich stand auf und begann, zu telefonieren. Sprechen konnte ich nicht, aber weinen. Ich weinte um sie, die Tote, und ich weinte um mich.

Mutters Beerdigung hat mein Gedächtnis nicht gespeichert.

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